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Wirtschaft

EZB widersteht dem Aktionismus

Die Europäische Zentralbank hat die Leitzinsen in der Eurozone unverändert gelassen. Und das ist gut so, meint Rolf Wenkel. Denn manchmal ist Nichtstun besser als voreiliger Aktionismus.

Inflation, Preissteigerungen, Geldentwertung: Von den Deutschen sagt man, sie fürchteten außer einem Krieg nichts so sehr wie die Inflation. Was unter anderem daran liegt, dass sie in den vergangenen 100 Jahren zwei Mal ihr gesamtes Vermögen durch eine galoppierende Geldentwertung verloren haben. Das ist auch der Grund, weshalb vorsichtige Ökonomen hierzulande ihre Bauchschmerzen haben, wenn die Zentralbanken der industrialisierten Welt die Märkte mit Niedrigst- bis Nullzinsen bei Laune halten wollen und sie durch den Kauf von Staatsanleihen mit Geld regelrecht zuschütten.

Das mag zwar seinen Sinn gehabt haben zur Bekämpfung der akuten globalen Finanzkrise vor sechs Jahren und der Staatsschuldenkrise in Euroland, sagen diese Ökonomen - doch wer den Geldhahn zu lange offen lässt und die Finanzmärkte zu lange an die süße Droge namens Liquidität gewöhnt, der handelt sich auf lange Sicht Verwerfungen ein, riskiert Preis-, Vermögens- und Immobilienblasen - bis hin zu einer handfesten Inflation.

Weit und breit keine Inflation in Sicht

Im Moment freilich haben diese vorsichtigen Ökonomen schlechte Karten mit ihren Argumenten. Denn von einer Inflation ist, vor allem in Europa, weit und breit nichts zu sehen. Im Gegenteil: Im März stiegen die Preise in Euroland überraschend nur noch um 0,5 Prozent, die Inflationsrate ist damit so niedrig wie zuletzt im November 2009. Seit Oktober verharrt die Rate unter einem Prozent - was die Europäische Zentralbank selbst als "Gefahrenzone" bezeichnet.

Denn es besteht die Gefahr, dass die Inflationserwartungen plötzlich in Deflationserwartungen umschlagen, in die allgemeine Überzeugung, die Preise würden demnächst auf breiter Front sinken und nicht steigen. Wer kauft dann noch Produkte oder nimmt Dienstleistungen in Anspruch, wenn er überzeugt ist, dass diese in einem halben Jahr oder einem Jahr wesentlich günstiger zu haben sind? Abwarten heißt die Devise, Attentismus nennen das die Fachleute, und der mündet in eine verheerende Abwärtsspirale bei Konsum, Investitionen und Arbeitsplätzen.

Leichte Deflationstendenzen

Nicht umsonst strebt die Europäische Zentralbank eine langfristige Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent an - was man auch als Puffer gegen eine mögliche Deflation ansehen kann. Und der Internationale Währungsfonds IWF hat die EZB schon mehrfach aufgefordert, angesichts der deflationären Tendenzen in der Eurozone entweder die Zinsen weiter zu senken oder mehr Liquidität in den Wirtschaftskreiselauf zu pumpen.

Tatsächlich haben wir in einigen Ländern schon leichte Deflationstendenzen, vor allem in Lettland, Zypern, Spanien, Portugal und Griechenland. Doch wenn in manchen Ländern Südeuropas das Preisniveau momentan nach unten tendiert, ist das eine natürliche Korrektur nach dem Boom, der dort vor der Schuldenkrise geherrscht hat. Und fallende Preise sind in diesen Ländern sogar erwünscht, weil sie damit ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern können.

Einflüsterungen aus den USA

EZB-Chef Marion Draghi jedenfalls sieht für die gesamte Eurozone keine große Deflationsgefahr, zumal es Hinweise gibt, dass die Inflation im März ihren Tiefpunkt erreicht hat und schon im April wieder steigen wird. Es ist gut und richtig, dass der Chef der Europäischen Zentralbank den Einflüsterungen aus den USA, die Deflationsgefahr könne man nur mit einer weiterhin expansiven Geldpolitik bannen, nicht erlegen ist. Draghi hat mehrfach klar gemacht, dass er die Deflationstendenzen in Europa für beherrschbar hält. Wäre er nun in einen Zinssenkungs-Aktionismus verfallen, hätte die EZB massive Probleme mit ihrer Glaubwürdigkeit bekommen. So gesehen ist es manchmal sehr weise, nichts zu tun.

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