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Wirtschaft

EZB verfolgt klare Krisenstrategie

Europas Wirtschaft brummt, eine Leitzinserhöhung war seit langem angekündigt. Doch die EZB hat die Zinsen im Euro-Raum nicht angetastet. Ist das für die immer noch kriselnden Märkte die richtige Therapie?

Jean-Claude Trichet hält seine rechte Handfläche horizontal in die Höhe (Quelle: AP)

Jean-Claude Trichet belässt alles beim Alten

Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt den wichtigsten Leitzins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld bei 4,0 Prozent. Damit sind die Frankfurter Währungshüter von ihrem ursprünglichen Plan abgerückt, die Zinsen wegen anhaltender Gefahren für die Preisstabilität weiter anzuheben. Noch vor einem Monat hatte EZB-Chef Jean-Claude Trichet den Marktteilnehmern noch eine Zinserhöhung signalisiert, indem er von "großer Wachsamkeit" wegen der Risiken sprach.

Die durch die US-Hypothekenkrise ausgelösten Turbulenzen an den Finanzmärkten haben die Notenbanker aber zum Umdenken gezwungen. Die Beibehaltung des Leitzinssatzes war für Ökonomen und Marktbeobachter so auch keine große Überraschung mehr. Sie hatten mit diesem Schritt gerechnet. Bereits vergangene Woche hatte Trichet ein Abrücken von dem ursprünglichen Plan angedeutet: "Was ich am 2. August gesagt habe, war vor den Marktturbulenzen", sagte er.

Fed bereitet gar Zinssenkung vor

Mit ihrer Zinsentscheidung liegt die EZB ganz im Trend: Kurz zuvor hatte die Bank of England ihren Leitzins ebenfalls unverändert belassen. Auch die US-Notenbank Fed wird nach Einschätzung von Ökonomen einen Richtungswechsel vollziehen und Mitte September den Leitzins von 5,25 Prozent sogar erstmals seit vier Jahren wieder senken.

Die Währungshüter versuchen so, die Gefahr, dass die Finanzmarktkrise auf die Realwirtschaft überschwappt, zu bannen. "Wenn sich die Kreditklemme auf die Realwirtschaft überträgt, würden wir in eine Rezession rutschen", betont Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sieht Grund zur Sorge und fürchtet gravierende Auswirkungen der US-Immobilienkrise auf die Wirtschaft des Euro-Raums. Sie korrigierte ihre Wachstumsprognose für Deutschland für 2007 von 2,9 auf 2,6 Prozent nach unten.

Geldmarkt bleibt weiterhin Sorgenkind

Bislang hatte die EZB versucht, den Liquiditätsengpässen am Geldmarkt mit kurzfristigen Liquiditätsspritzen Herr zu werden: Die Geschäftsbanken bleiben aus Misstrauen und zur Vorsorge auf ihrem Geld sitzen und vergeben kaum noch Kredite an die Konkurrenz. Nach vier so genannten Schnelltendern im August hatte sich die Situation vor wenigen Tagen wieder verschärft, sodass die EZB am Donnerstag erneut 42 Milliarden Euro zuschießen musste.

Experten loben das rasche Eingreifen der "Feuerwehrmänner". "Die Zentralbank muss der Notnagel sein und hat für das Funktionieren des Geldmarktes gesorgt", sagt Holger Schmieding von der Bank of America. Im Prinzip sei genug Geld vorhanden - wo es klemmt, sei der Geldmarkt.

"Zinssenkungen sind falsche Therapie"

Allerdings streiten Ökonomen darüber, ob die Notenbanken immer weiter mit billigem Geld Investoren aus der Klemme helfen sollten. Banken und Anleger könnten dann sorglos mit Risiken umgehen, weil sie sich auf die Hilfe der Notenbanken als Feuerwehr verlassen könnten.

"Diese Geldpolitik und Zinssenkungen sind die falsche Therapie", sagt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital. Dagegen hält Schmieding von der Bank of America das weitere Eingreifen der Währungshüter für angebracht: "Es hilft nichts, dem Patienten zu sagen: 'Du hättest nicht rauchen sollen', wenn er krank ist. Jetzt muss die Krankheit behandelt werden." (ana)

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