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Wirtschaft

"EZB könnte Schuldenkrise beenden"

Adair Turner, einst oberster Aufseher über den Finanzmarkt in Großbritannien, ist der neue Leiter des "Institute for New Economic Thinking". Gegenüber DW erläutert er, wie die Krise in der Eurozone beendet werden könnte.

Das "Institute for New Economic Thinking" (INET) ist ein Netzwerk aus führenden Ökonomen, darunter mehrere Nobelpreisträger. Gegründet wurde es 2009 mit dem Ziel, nach der Finanzkrise neue Denkansätze für die Volkswirtschaftslehre zu entwickeln. Finanziert wird das Institut von US-Milliardär George Soros und anderen reichen Geldgebern. Adair Turner übernahm die Leitung des Instituts im Rahmen der sechsten INET-Jahreskonferenz in Paris.

DW: Lord Turner, Sie halten Vorträge, wie Volkswirtschaften mit den riesigen Schuldenbergen umgehen sollten, die sich nach dem Platzen einer Blase auftürmen - etwa den Immobilienblasen in Spanien und Irland. Wie unterscheidet sich Ihr Ansatz von dem deutscher Finanzpolitiker?

Adair Turner: Die Deutsche Bundesbank war anderen Zentralbanken voraus. Sie kümmerte sich nicht nur um die Einhaltung eines Inflationsziels, sondern hatte auch eine Politik zur Steuerung der Geldmenge. Allerdings sah sie ein zu schnelles Anwachsen der Geldmenge als Frühindikator für Inflation. Aber das stimmt nicht. Tatsächlich ist es ein Frühindikator für eine Blasenbildung, etwa bei Immobilien, Aktien oder Anleihen. Wenn eine Blase platzt, ist die Folge Deflation, nicht Inflation. Das liegt daran, dass die Haushalte dann alle versuchen, ihre Schulden abzubauen. Doch dann schrumpft auch die Geldmenge, und die Nachfrage sinkt.

Warum sinkt die Geldmenge, wenn Schulden zurückgezahlt werden?

Banken erschaffen Geld, wenn sie einen Kredit vergeben. Schulden und Guthaben bei der Bank sind zwei Seiten derselben Medaille, Spiegelbilder auf der Bank-Bilanz. Wenn Schulden bei der Bank zurückgezahlt werden, dann verschwinden die Schulden, aber auch das Geld, mit dem sie bezahlt wurden.

Wenn in einem gewissen Zeitraum bei einer Bank mehr Schulden zurückgezahlt als gemacht werden, dann verringert sich die Menge des Geldes, das sich im Umlauf befindet. Das bedeutet einen Verlust an Kaufkraft. Am Ende steht eine Rezession oder sogar eine Depression. Der Ökonom Irving Fisher hat diesen Vorgang in seiner Theorie der Schuldendeflation schon um 1930 beschrieben.

Wenn eine Rezession vermieden werden soll, aber die privaten Haushalte ihre Schulden abbauen, dann muß sich jemand anderes verschulden. So kann etwa die Regierung neue Schulden aufnehmen. Oder ein Land exportiert mehr als es importiert - dann werden die Schulden mitexportiert, weil sich die Länder mit einem Handelsdefizit verschulden. Irgend jemand muss immer Schulden machen, das ist bilanztechnisch unumgänglich.

Die Deutschen mögen es aber nicht, verschuldet zu sein. Und sie mögen es auch nicht, wenn ihre Regierung Schulden aufhäuft. Gibt es keinen anderen Weg, mit den Folgen einer geplatzten Blase umzugehen?

Doch, es gibt eine Alternative. Wenn alle gleichzeitig ihre Schulden abbauen, dann braucht man ein zusätzliches Werkzeug, um eine Deflation zu vermeiden. Deshalb sollte der Europäischen Zentralbank erlaubt werden, den Regierungen genau abgestimmte Mengen an schuldenfreiem Geld zu geben, das diese dann ausgeben können.

Adair Turner, Vorsitzender des Institute for New Economic Thinking

Lord Turner plädiert für Medizin in richtiger Dosis

Also Geld drucken? Die Regeln der Eurozone verbieten es, Staatshaushalte zu finanzieren.

Ja. Das Verbot wurde damals auf Drängen der Deutschen Bundesbank festgelegt. Sie befürchtete, dass Regierungen sonst jedes Maß verlieren und immer neues Geld drucken, mit der Folge einer Hyperinflation.

Nun kann ein Arzneimittel in geringer Dosis ein Heilmittel sein, aber in zu hoher Dosis ein gefährliches Gift. Ist es daher sinnvoll, die Verwendung einer Medizin gänzlich zu verbieten? Nein. Wir brauchen sinnvolle Regeln für die Dosierung, eine genaue Kontrolle, wie der Patient reagiert, und einen qualifizierten Arzt, der die passende Medizin verabreicht.

Die Krise in der Eurozone könnte mithilfe der Bilanz der EZB beendet werden. Wir brauchen klare Regeln, die genau festlegen, wann, wie und in welchem Umfang es der EZB erlaubt ist, die Haushaltsdefizite der Euroländer mit eigens erzeugtem Geld zu finanzieren.

Im Rahmen dieser Regeln sollte es dann der EZB freigestellt sein, wieviel Geld sie in Umlauf bringt. Die Zentralbank würde so von der Politik unabhängig bleiben. Aber sie hätte ein neues Werkzeug, um die Geldmenge zu kontrollieren und Krisen zu verhindern.

Kann die EZB das Geld auch wieder abziehen?

Sie braucht auch Werkzeuge, um Geld wieder aus dem System zu entfernen, wenn sie das für notwendig hält. Eine Möglichkeit wäre eine Finanztransaktionssteuer, die an die EZB fließt und dann von ihr an die Regierungen ausgezahlt wird. Wenn die Zentralbank die Gefahr sieht, daß sich die Wirtschaft überhitzt, könnte sie die Auszahlung an die Regierungen stoppen. Sie könnte das Geld auf Eis legen oder es zerstören. Die Zentralbank könnte auch die Mindestreservesätze erhöhen, die sie Geschäftsbanken auferlegt. Wenn diese Sätze steigen, können die Banken weniger neue Kredite vergeben.

Es gibt eine Vielzahl von Stellschrauben, um die Geldmenge im Umlauf entweder zu erhöhen oder zu verringern - je nach Lage der Konjunktur. Solange die Regeln klar und gut gestaltet sind, besteht auch kein Risiko, dass Haushaltsdefizite über Gebühr durch die EZB finanziert werden.

Ironischerweise ist es derzeit verboten, diese Medizin zur Heilung der Eurozone einzusetzen. Doch es könnte die einzig wirksame Medizin sein.

Eine Woche nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brother, am 20. September 2008, übernahm Lord Turner die Leitung der britischen Financial Services Authority (FSA) und führte die oberste Aufsichtsbehörde für Finanzdienstleistungen durch die folgenden fünf Jahre der Krise. Zuvor war Turner mit der Leitung zahlreicher privater und öffentlicher Institutionen und Regulierungsgremien betraut.

Das Interview führte Nils Zimmermann

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