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Nahost

Extremsituation für syrische Flüchtlinge

5000 Flüchtlinge bekommen erst einmal ein Dach über den Kopf - aber auch nicht mehr: Im neuen Zeltlager Za'tari leben die Menschen nicht unbedingt unter würdigen Umständen.

Sandstürme, Hitze und Wassernot, auch Perspektivlosigkeit und Langeweile - das kennzeichnet das Leben der Flüchtlinge in und zwischen den Zelten in Za'atari. Im Camp mitten in der nordjordanischen Wüste knattern Zeltplanen. Sandstürme fegen über die platte Wüstenebene. Unablässig brummen die Motoren von Lastwagen, die Matratzen auf ihrer Ladefläche transportieren. Auch Wassertanks, Lebensmittel und Kochgeschirr werden ins Camp gebracht. Die ersten Herde mit Gasflaschen werden bereits im Versorgungszelt des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) gelagert.

Die Situation im Lager ist angespannt. 5000 Flüchtlinge sind hier seit Ende Juli auf engstem Raum untergebracht, fünf Menschen auf 16 Quadratmetern. Nun soll die Kapazität zunächst auf 40.000 erweitert werden, letztlich soll das Wüstenlager 100.000 Flüchtlingen Schutz geben, berichtet UNHCR-Leiter Andrew Harper: "Wir hatten immer gehofft, dass wir die Flüchtlinge nicht in Camps unterbringen müssen. Denn etwa 150.000 Syrer leben bisher bei Freunden, Verwandten, oder sie haben sich selbst etwas gemietet. Aber jetzt sind wir am Limit. Es gibt keinen privaten Wohnraum mehr."

Küchenutenilien im Vorratslager (Foto: Doris Bulau)

Eine logistische Meisterleistung erbringen die Hilfsorganisationen

Die Enge im Lager Za'atari ist spürbar. Weil es tagsüber in den Zelten unerträglich heiß ist, schleppen sich die Menschen unter große Schutzplanen, unter denen die Wüstenwinde durchfegen. Kein Weg ist befestigt, der rotbraune Staub wirbelt beständig durch die Luft, setzt sich auf Haut und Haare und in der Kleidung fest. Viele Flüchtlinge tragen einen Mundschutz. Sie haben Angst vor Atemwegserkrankungen.

Bessere Zustände durch bessere Infrastruktur

Erste Bauarbeiten haben schon begonnen. Das deutsche Technische Hilfswerk (THW) legt Stromleitungen und installiert Straßenlampen, damit die Menschen endlich Licht zwischen ihren Zelten haben und nicht nur im Schein kleiner Gaslampen kochen und essen müssen. Wasserstellen, getrennt nach Männern und Frauen sind in regelmäßigen Abständen über das Gelände verteilt. Chemietoiletten sind aufgestellt. An der Planung von Duschen wird gearbeitet. Ein französisches Feldlazarett steht.

Um Ali (Foto: Doris Bulau)

Um Ali beklagt die schwierigen Lebensumstände

Eine mobile medizinische Erstversorgung hilft bei kleineren Verletzungen, aber schwerer verletzte Flüchtlinge werden ins Staatliche Hospital in die nahe Provinzstadt Mafraq gebracht. Nur dort können Schussverletzungen oder schwere Erkrankungen professionell behandelt werden. Täglich fahren 25 Krankentransporte.

Es sind die Ärmsten der Armen, die hier angekommen sind - oft nur mit dem, was sie auf dem Leib tragen. 75 Prozent der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder. Gerade die Frauen, die sich um das Wohlergehen ihrer Jüngsten sorgen, sind verzweifelt. Mutter Um Ali klagt: "Viele leiden schon unter Asthma und Augenreizungen, der ewige Sand. Das ist hier kein Leben im Camp - aber zurück? Nein auf keinen Fall, dann lieber hier." Und der resoluten Frau ist auch klar: "Wir glauben, die Zeit im Camp wird noch sehr lange dauern."

Langeweile und wenig Perspektiven

So realistisch sind die jungen Menschen dagegen nicht. Sie sprechen ausländische Besucher an und wollen, dass man mehr für sie tut. Sie langweilen sich, es gibt keine Sporteinrichtungen, keine Spiele, keine Schule hier. Sie wollen das Camp verlassen können. Lieber sterben als hier im Lager leben müssen. Hier sind sie eingeschlossen. Immer wieder versuchen Jugendliche aus dem Lager auszubrechen, doch die jordanischen Sicherheitsdienste sind rigoros, sie gehen schnell und mit Gewalt gegen die Jugendlichen vor.

Kinder dagegen freuen sich über noch so kleine Abwechslungen. Ein paar Fußbälle, das Geschenk einer deutschen Delegation, machen sie fast verlegen. Stolz zeigen sie auf einen kleinen Spielplatz mit Rutschen und Schaukeln. Mitarbeiterinnen von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, versuchen für die Kinder ein Programm auf die Beine zu stellen. Aber – so berichtet eine von ihnen – das Problem ist: "Wir haben hier fast 2500 Kinder und Jugendliche..." Und dann deutet sie auf einen Knirps, der sich damit beschäftigt, Sand in eine leere Plastikflasche zu füllen und wieder auszukippen.

Kinderspielplatz im Lager (Foto:Doris Bulau)

Nur die Kinder können der Situation etwas abgewinnen

Deutschland hilft Jordanien

Der kleine Wüstenstaat mit seinen sechs Millionen Einwohnern ist durch den Flüchtlingsstrom hoffnungslos überfordert. Vor allem seine Wasserknappheit stellt die Behörden vor große Probleme. Weltweit haben nur zwei weitere Länder weniger Wasserreserven. Jetzt muss das knappe Gut auch noch geteilt werden. War schon bisher nicht genug vorhanden, wird es nun richtig eng. Der Norden des Landes hat die größte Last zu tragen. Die Tanklastwagen kommen immer seltener in grenznahe Dörfer.

Deshalb stellt nun die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zehn Millionen Euro bereit, davon 8,5 Millionen für Wasseraufbereitung, Brunnenbau und Kläranlagen. Doch auch die jordanische Bevölkerung soll davon profitieren, denn nur wenn man sie beteiligt, können Ressentiments gegenüber den Flüchtlingen vermieden werden. Noch ist die Solidarität mit den syrischen Neuankömmlingen groß. Aber die Gefahr, dass sich die Lage zuspitzt, ist noch nicht gebannt.