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Asien

Extremisten profilieren sich als Fluthelfer

Auch zwei Wochen nach Ausbruch der Überschwemmungen in Pakistan sind Staat und Militär mit der Katastrophe heillos überfordert. Jetzt wittern militante Extremisten ihre Chance.

Ein pakistanischer Dorfbewohner versucht, sein Vieh in Sicherheit zu bringen (Foto: AP)

Ein pakistanischer Dorfbewohner versucht, sein Vieh in Sicherheit zu bringen

Die Jahrhundertflut in Pakistan bricht immer neue Rekorde: 14 Millionen Menschen sollen nach UN-Angaben mittlerweile von den Überflutungen betroffen sein, sechs Millionen brauchen dringend Soforthilfe.

Weite Flächen des Indusbeckens stehen unter Wasser (Foto: AP)

Weite Flächen des Indusbeckens stehen unter Wasser

Die Flut hat das gesamte Indusbecken von den Bergen im Nordwesten über die fruchtbaren Ebenen des Punjab bis tief in die Provinz Sindh im Süden des Landes überschwemmt. Hunderte von Straßen und Brücken sind zerstört.

Das pakistanische Militär befindet sich im Dauereinsatz, angesichts des schieren Ausmaßes der Katastrophe kann es jedoch nur einen Bruchteil der Betroffenen versorgen. Zelte, Medizin, Nahrungsmittel würden nicht einmal in alle betroffenen Dörfer in der Nähe der Hauptstadt Islamabad gebracht, beschreibt Thomas Schwarz, der zurzeit selbst für die Hilfsorganisation CARE in Pakistan ist, im Interview mit DW-WORLD.DE die Situation vor Ort. Daher wächst in der Bevölkerung mit der Verzweiflung auch die Wut auf die staatlichen Institutionen.

Terrorist und Helfer

Pakistans Armee verteilt Lebensmittel an hilfsbedürftige Flutopfer (Foto: AP)

Von einem LKW aus versorgen Angehörige der pakistanischen Armee die hilfsbedürftigen Flutopfer

In den entlegeneren Gebieten Pakistans ist die Versorgungslage noch verheerender. So etwa in der an Afghanistan grenzenden Nordwestprovinz. Hier hatte der pakistanische Staat schon vor der Flut wenig Einfluss. Jetzt dringt das Militär kaum noch zu den Menschen vor, ein Machtvakuum, das militante Extremisten für sich ausnutzen wollen. Islamistische Wohlfahrtsorganisationen versprechen schnelle Hilfe, Organisationen wie Jamaat-ud-Dawa, die in Pakistan eigentlich verboten ist und bei den Vereinten Nationen auf einer Terrorliste steht. Ihr Anführer Hafez Mohammad Said hat auch die Untergrundorganisation Laskhar-e-Taiba gegründet, die für die Terroranschläge in Mumbai 2008 verantwortlich gemacht wird.

Doch woher ihre Hilfe kommt, das dürfte die hilfsbedürftigen Flutopfer in Pakistan kaum stören – solange sie ankommt: "Wir verteilen Nahrungsmittel, Kleidung, Medikamente, Zelte und 5.000 Rupien Soforthilfe an jede betroffene Familie", erklärte ein Sprecher von Jamaat-ud-Dawa. Einer Viertelmillion Menschen habe seine Organisation so bislang helfen können. Verschiedene Flüchtlingscamps habe die Organisation bereits aufgebaut, in denen Dutzende von Freiwilligen Essen verteilten.

Sorge vor zunehmendem Extremismus

Pakistan-Experte Jochen Hippler von der Universität Duisburg-Essen sieht im Gespräch mit DW-WORLD.DE die Gefahr, dass die Menschen weiter auf Distanz zur Regierung gehen könnten: "Ausgerechnet in einer Region, in der ohnehin die politischen Probleme und Aufstände besonders stark sind, hat jetzt auch noch die Flut am schlimmsten zugeschlagen." Dort versuchen auch die radikalislamischen Taliban, von der Flutkatastrophe zu profitieren. Als schnelle Helfer vor Ort wollen sie ihr Ansehen verbessern und ihren Einfluss im Land ausbauen. Jochen Hippler hält diese Entwicklung für äußerst gefährlich: "Wenn die Menschen das Gefühl bekommen, dass die Regierung und das Militär ihnen nicht genug hilft, dann wird das zu einer weiter schwindenden Legitimität der pakistanischen staatlichen Instanzen führen."

Gerade in entlegeneren gebieten versprechen extremistische Wohlfahrtsorganisationen schnellere und effektivere Hilfe (Foto: AP)

Gerade in entlegeneren Gebieten versprechen extremistische Wohlfahrtsorganisationen schnellere und effektivere Hilfe als die Armee

Umgekehrt würden Organisationen, die gegen Regierung und Militär kämpfen, an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung gewinnen. Hippler zieht hier bereits Parallelen zur Situation nach dem verheerenden Erdbeben in Pakistan im Jahr 2005: "Auch damals haben bestimmte extremistisch-religiöse Gruppen plötzlich mit großem Engagement und viel Hilfsmaterial Dörfer und Regionen besucht, die von den staatlichen Stellen übersehen, vernachlässigt oder erst zu spät beachtet wurden." Das habe für eine stärkere Verankerung extremistischer Organisationen in der Bevölkerung gesorgt, "weil diese eben das Gefühl erzeugt haben: 'Wir sind für euch da!'". Viele extremistische Organisationen hätten seitdem zwar wieder an Vertrauen verloren, da sie auch in Pakistan regelmäßig Anschläge verübten. Doch jetzt bietet sich ihnen die Chance, dieses Vertrauen wieder zurückzugewinnen.

Diese Sorgen treiben natürlich auch die Regierung in Washington um. Gerade erst haben die USA angekündigt, ihre Hilfszusagen für Pakistan noch einmal um 20 Millionen US-Dollar auf dann 55 Millionen US-Dollar aufzustocken. Die Reaktion der Taliban folgte prompt. Sie forderten die pakistanische Regierung auf, auf sämtliche Hilfsgelder aus den USA zu verzichten. Stattdessen wollen sie selbst Hilfen für die Flutopfer in Höhe von 20 Millionen Dollar bereitstellen. Und sie kündigten bereits an, verstärkt Hilfsgüter im Katastrophengebiet verteilen zu wollen.

Autor: Thomas Latschan (mit afp, rtr)

Redaktion: Esther Broders

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