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Wirtschaft

Express-Konsolidierung in der Pharmabranche

Die Übernahme von Schwarz Pharma durch UCB ist bereits die vierte große Transaktion mit Beteiligung deutscher Pharmafirmen innerhalb weniger Wochen. Hohe Forschungskosten sind nur ein Grund für diese Konzentrationswelle.

Serono-Labor

Merck hofft, vom Pharma-Know-How der Biotechnologie-Firma Serono zu profitieren

Es ist, als sei eine ganze Branche dem Geschwindigkeitsrausch anheim gefallen: Europäische Pharmafirmen absolvieren gerade im Schnelldurchlauf den von Analysten schon seit langem vorhergesagten Konsolidierungsprozess. Was im Mai 2006 mit der Übernahme von Schering durch Bayer begann, setzte sich vergangene Woche mit dem Einstieg von Merck beim Schweizer Biotechunternehmen Serono und dem Verkauf des Altana-Pharmageschäfts an den dänischen Arzneimittelhersteller Nycomed fort. Am Montag (25.9.2006) gab schließlich das belgische Biopharmaunternehmen UCB bekannt, es wolle den Monheimer Familienkonzern Schwarz Pharma übernehmen.

Enormer Kostendruck

Das Tempo, das die Pharmafirmen jetzt auf einmal an den Tag legen, kommt für Experten wie Stefan Voß, Pharmaanalyst bei der Bayerischen Landesbank, "überraschend" - nicht aber die Tatsache an sich. Denn für die Konzentrationswelle im Pharmabereich gibt es gute Gründe.

"Viele Unternehmen stehen unter einem enormen Kostendruck, denn die Abnehmer, allen voran die Krankenkassen, wollen immer weniger für Medikamente zahlen. Zugleich verteuert sich die Medikamentenentwicklung wegen strengerer Sicherheitsvorkehrungen", erläutert Karl-Heinz Scheunemann, Chemie- und Pharmaanalyst beim Frankfurter Bankhaus Metzler im Gespräch mit DW-WORLD.DE. Nach Angaben des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie haben deutsche Pharmafirmen allein im vergangenen Jahr 4,5 Milliarden Euro für Forschungszwecke ausgegeben.

In der Forschung liegt die Zukunft

Dass es sich dabei naturgemäß um Investitionen ohne Erfolgsgarantie handelt, musste beispielsweise Altana schmerzhaft erfahren. Trotz hoher Ausgaben konnten seine Forscher in den vergangenen Jahren kein marktreifes Medikament entwickeln. Zudem laufen die Patente für sein umsatzstärkstes Medikament, das Magenmittel Pantoprazol, aus. Zuletzt blieb Altana nur noch die Trennung von seiner Pharma-Sparte übrig.

Angesichts hoher Forschungskosten sucht die Pharmabranche also in Zusammenschlüssen ihr unternehmerisches Heil. Denn nur Firmen mit großen Forschungsbudgets haben die Möglichkeit, den Nachschub neuer Medikamente zu sichern, Rückschläge einzustecken und dadurch langfristig wachsen zu können.

"Softe Synergieeffekte"

Konzernzentrale Schwarz Pharma in Monheim

Konzernzentrale Schwarz Pharma in Monheim

Pharmaexperte Scheunemann macht darüber hinaus auch "softe Synergieeffekte" geltend: So hatte Schwarz Pharma zuletzt viel Geld in den Aufbau einer eigenen Außendienstmannschaft für den Vertrieb seiner Medikamente gesteckt. Davon profitiert jetzt die UCB. Merck dagegen hofft, mit der Übernahme von Serono vom Pharma-Know-How der größten Biotechfirma Europas zu profitieren.

Dabei ist die Konsolidierung der Pharmabranche keineswegs ein deutsches oder europäisches Phänomen: "Die Zusammenschlüsse von Arzneimittelherstellern nehmen weltweit zu", sagt Pharma-Experte Scheunemann. Denn der Markt sei noch "stark zersplittert". Tatsächlich decken die Top Ten der Pharmaindustrie gerade einmal 50 Prozent des Weltmarktes ab - das lässt noch viel Raum für Fusionen.

Goldene Nasen

Trotz aller plausiblen betriebswirtschaftlichen Gründe, die für eine Konzentration der Pharmabranche sprechen, scheinen gerade bei den jüngsten Übernahmen auch weniger hehre Motive durch: "Die hohen Übernahmepreise sind für die Mehrheitseigner schon extrem verlockend", betont Pharma-Analyst Voß. So strich die Familie Bertarelli, die drei Viertel der Stimmrechte an Serono hielt, für den Verkauf ihrer Firma an Merck 10,6 Milliarden Euro ein. Quandt-Erbin und Altana-Mehrheitseignerin Susanne Klatten erhielt für den Verkauf der Pharma-Sparte an Nycomed zwei Milliarden Euro. Und die Großaktionärsfamilie Schwarz-Schütte freut sich immerhin auf 1,4 Milliarden Euro.

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