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Kultur

Exportschlager japanische Jugendkultur

Trends aus Japan verbreiten sich mittlerweile auch in Europa. Jugendliche in Deutschland etwa verkleiden sich als Charaktere aus ihren Lieblings-Mangas und vergöttern japanische Musik-Gruppen.

Stefanie Wittmann als Queen Esther, Quelle: DW

Manga-Charakter 'Queen Esther'

"Ich bin Queen Esther", sagt die junge Frau. Ihr Äußeres könnte man mit dem einer futuristischen Disko-Schneekönigin vergleichen - falls es so etwas gibt. Sie trägt ein Märchenkleid in Perlmutt-Weiß mit ausladendem Reifrock, Puffärmeln und Korsett, alles mit Perlen und Strass übersäht. Der hoch stehende Kragen erschwert ihr den Blick zur Seite, passt aber zur Krone. Ein Mantel in Leoparden-Optik vollendet das Bild. Im richtigen Leben ist Queen Esther Stefanie Wittmann und arbeitet bei einem Autohersteller. Über fünf Stunden Fahrt hat sie auf sich genommen, um sich auf der Messe für japanische Manga-Serien "Animagic" in Bonn mit Gleichgesinnten zu treffen.

Zwei Mädchen, als Fantasiewesen mit Flügeln verkleidet, Quelle: AnimaniA-Magazin

Verkleiden macht Spaß: Inspiration geben Manga-Serien

Queen Esther ist eine Figur aus der animierten japanischen Fernsehserie "Trinity Blood". Cosplay - von "Costume Play" - nennt sich, was Stefanie und immer mehr Jugendliche da tun. Angefangen hat das Verkleidespiel in Japan, wo sich Jugendliche Anfang der 80er Jahre als Figuren aus ihren Lieblings-Mangas verkleideten um in Tokios Vergnügungsvierteln zu posieren. Mittlerweile ist der Trend endgültig in Europa angekommen. Längst werden nicht mehr nur Charaktere aus Mangas - japanischen Zeichentrickserien - "gecosplayt". Erlaubt ist alles von Japanischen Bandmitgliedern über Disneyfiguren bis hin zu den Helden aus Hollywoodfilmen wie "Fluch der Karibik".

Plüschkatzenohren und Plastikhaare

Vier Cosplayer, grell verkleidet, Quelle: AnimaniA-Magazin

Menschen, Tiere, Fabelwesen: beim Cosplay ist alles erlaubt

Jens Nave arbeitet beim Manga-Magazin "Animania" und kennt sich in der Szene aus. " Cosplay boomt in Deutschland. In Europa gibt es nur noch in Frankreich eine ähnlich große Anhängerschaft", sagt er. Die Animagic 2007 haben beispielsweise etwa 13.000 Fans aus Deutschland und den Nachbarländern besucht, ein Großteil in voller Cosplay-Montur.

Der Großteil der Cosplayer ist weiblich und zwischen 15 und 25 Jahre alt. Plüschkatzenohren zählen bei dem Treffen zu den schlichtesten Accessoires. Die meisten Kostüme sind kitschig und sexy - beliebt sind zum Beispiel Plastikhaare in Pink oder Lila, die oft bis zu den Fersen reichen, bauchfreie Oberteile, Miniröcke und hohe Stiefel. Ein oft teures, in den meisten Fällen aber sehr zeitaufwändiges Hobby: Die Comic-Kluft ist fast immer selbst gemacht. Zum Einsatz kommt sie dagegen recht selten - abgesehen von zwei, drei Manga-Messen wie der Animagic im Jahr in Deutschland nur bei internen, regionalen Treffen.

"Visual Kei" - der Trend fasst in Deutschland Fuß

Weniger an Anime-Figuren, als vielmehr an japanischen Band-Idolen orientiert sich eine weitere Spielart des Cosplays, genannt " Visual Kei". Übersetzt heißt Visual Kei ungefähr so viel wie "Visuelles System" und ist in der Jugendszene stark auf dem Vormarsch. Die oft minderjährigen Fans sind in deutschen Fußgängerzonen meistens an einer schwarzen Umhängetasche zu erkennen, die mit Sicherheitsnadeln, Glöckchen und Fotos von japanischen Band-Mitgliedern geschmückt ist. Die Haare sind typischerweise schwarz gefärbt, oft bilden grell gefärbte Strähnen einen Kontrast.

Mit Buttons und Fotos geschmückte schwarze Umhängetasche, Quelle: DW

Erkennungsmerkmal: Tasche und Ringelsocken

Vorbilder bei Kleidung und Make-up sind japanische Bands, deren männliche Mitglieder sich bewusst weiblich kleiden und dann wiederum von weiblichen Fans "gecosplayt" werden. Inspiriert von westlichen Glam-Rockern wie David Bowie oder Kiss werden im Visual Kei die Grenzen zwischen weiblich und männlich bewusst aufgehoben.

Visual Kei-Fans verachten Tokio Hotel

Außenstehende vermuten hinter den Visual Kei-Fans oft Anhänger der deutschen Band "Tokio Hotel" und machen sich durch ihre Fehleinschätzung extrem unbeliebt. "Ich hasse das, wenn man Visual Kei irgendwie in Verbindung mit Tokio Hotel bringt, das hat nichts miteinander zu tun!" Antje Eggers regt sich auf. Tatsächlich ist die Musik die Antje mag, um einiges härter und gewöhnungsbedürftiger als die der deutschen Band. Und zudem auf Japanisch. Dieser Umstand verhindert nicht, dass die japanischen Bands in Deutschland eine wachsende Fangemeinde haben. Tokio Hotel ist dagegen so etwas wie ein Ableger dieser Bewegung, der aber von den eingefleischten "Visus" verachtet wird.

Konzertwerbung ohne Plakate

Als Visual-Kei-Idol verkleidetes Mädchen, Quelle: DW

Visual-Kei-Fan, als Band-Idol verkleidet

Jens Nave beschreibt Visual Kei als eine Subkultur, die langsam im Mainstream Fuß fasst. Verbreitet hat sich die Bewegung über das Internet. Das erste Deutschland-Konzert der Visual Kei-Gruppe Dir en grey in Berlin sei innerhalb von kürzester Zeit ausverkauft gewesen, ohne dass zuvor ein einziges Plakat geklebt worden sei, sagt Nave. Fans kommunizieren hauptsächlich in Internetforen und geben sich die nächsten Veranstaltungstipps weiter.

Erst langsam werden die Medien auf die Szene aufmerksam. Jens Nave ist sich jedoch sicher, dass die Fangemeinde um die japanischen Exportschlager von Mangas über Cosplay bis zu Visual Kei weiter wachsen wird. Vielleicht begegnen einem dann auch in Deutschland bald überlebensgroße Klons von Zeichentrickfiguren auf der Straße.

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