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Bildung

Exportschlager duale Ausbildung

Viele Jugendliche sind nicht gut qualifiziert. Sie finden nur schwer einen Job. In Deutschland hingegen sind relativ wenige junge Menschen arbeitslos. International wächst das Interesse am deutschen Ausbildungssystem.

Ein Auszubildender zum Anlagentechniker schweißt in der Berufsschule Kaufbeuren an einem Werkstück. Beobachtet wird er dabei von seinem Fachlehrer (r). (Foto: Karl-Josef Hildenbrand dpa/lby)

Lehrstelle Ausbildung in Deutschland Metallindustrie

Mónica Cuevas ist zuversichtlich. Mit dem Bergbau in ihrem Heimatland werde es in den nächsten Jahren aufwärts gehen, sagt die Referentin für wissenschaftliche und akademische Zusammenarbeit in der chilenischen Botschaft in Berlin. "Wir rechnen damit, dass in den kommenden acht Jahren hundert Milliarden Dollar in die Branche investiert werden." 50.000 neue Arbeiter würden dann im Bergbau gebraucht. Eigentlich eine gute Nachricht für eines der rohstoffreichsten Länder in Südamerika.

Erhobene Finger von Schülern im Unterricht

Auf dem Stundenplan deutscher Berufsschüler stehen auch allgemeinbildende Fächer wie Politik, Deutsch und Religion.

Ja und nein. Denn diese Arbeiter müssten auch gut qualifiziert sein, so Mónica Cuevas. "Und dafür brauchen wir einen institutionellen Rahmen." Den zu erarbeiten, habe sich ihr Land auf die Fahne geschrieben. Unterstützung erhält es dabei vom Bundesinstitut für Berufsbildung, kurz BIBB, in Bonn. Ein Institut, das sich mit der Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland beschäftigt. Auch die internationale Zusammenarbeit in der beruflichen Bildung gehört zu den Aufgaben des Instituts.

Nicht nur Fachkompetenz, sondern auch Persönlichkeitsentwicklung

Die duale Ausbildung in Deutschland könnte für Chile Pate stehen, sagt Mónica Cuevas. Sie ist die am weitesten verbreitete Ausbildungsart in Deutschland und fußt auf der praktischen Ausbildung im Betrieb und auf der theoretischen in der Berufsschule. In der Regel dauert sie zwischen zwei und dreieinhalb Jahren. In dieser Zeit arbeiten die Auszubildenden an drei oder vier Tagen in einem Ausbildungsbetrieb. An den anderen Tagen besuchen sie eine Berufsschule. Dort stehen allerdings nich nur fachliche Inhalte auf dem Stundenplan, sondern auch allgemeinbildende Fächer wie Politik, Deutsch oder Religion. Damit soll neben der Fachkompetenz auch die Sozialkompetenz und die Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden. "Das hat sehr viel zu tun mit unserem deutschen Verständnis von Beruf", sagt Birgit Thomann, die Leiterin der Abteilung Internationalisierung der Berufsbildung des BIBB. "Und das ist definitiv ein Vorteil der Berufsausbildung in Deutschland."

Alleinstellungsmerkmal: duale Ausbildung

Auszubildende im 1. Lehrjahr im Grundlehrgang für Kfz-Mechatroniker im Zentrum für Gewerbeförderung in Götz bei Brandenburg/Havel (Foto: Nestor Bachmann)

Die deutsche Ausbildung lässt sich nicht eins-zu-eins auf andere Länder übertragen.

Ein anderer Vorteil sei, dass alle Beteiligte Hand in Hand arbeiteten. Die Bundesländer entwickeln die Lehrpläne, die Kammern aus Industrie, Handel und Handwerk nehmen die Abschlussprüfungen ab, und in den Betrieben sitzen qualifizierte Ausbilder. "Ein vergleichbares System gibt es nur in wenigen anderen Ländern, zum Beispiel in der Schweiz und in Österreich", sagt Birgit Thomann. In den meisten Ländern gehen junge Menschen nach der Schule entweder direkt in den Beruf – und zwar ohne spezifische Berufsausbildung –, oder sie studieren. Daneben gibt es kaum Alternativen. Eine klassische Berufsausbildung wie die deutsche ist wenig bekannt und genießt kein besonderes Ansehen.

Vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Finanzkrise aber gilt das deutsche Ausbildungssystem inzwischen als Vorzeigemodell. Die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen ist relativ hoch, in krisengebeutelten Ländern wie Spanien und Griechenland sucht jeder zweite junge Mensch einen Job. In Deutschland dagegen beträgt die Arbeitslosenquote in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen nur acht Prozent. Vielleicht ist dies mit Grund dafür, dass im Ausland das Interesse am dualen System wächst. Zum Beispiel in China und Indien, aber auch in einigen europäischen Ländern.

Portugal startete den "Import" schon vor dreißig Jahren

Einer der Vorreiter beim "Import" des deutschen dualen Systems ist Portugal. Der Prozess begann bereits in den 1980er Jahren, als deutsche Unternehmen nach Portugal gingen und gut ausgebildete portugiesische Mitarbeiter brauchten, erinnert sich Hans-Joachim Böhmer, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Portugiesischen Industrie- und Handelskammer: "Ein bestehendes Berufsausbildungssystem gab es in Portugal damals nicht."

Heute beteiligen sich 300 Unternehmen in Portugal an der dualen Ausbildung, mit insgesamt 600 Auszubildenden. Bei zehn Millionen Einwohnern in Portugal seien das immer noch sehr wenige, gibt Hans-Joachim Böhmer zu bedenken. Aber wegen der Wirtschafts- und Beschäftigungskrise rechnet er gerade jetzt mit noch mehr Zulauf. "Zwischen 90 und 95 Prozent unserer Abgänger sind binnen drei Monaten in einem Beschäftigungsverhältnis, das ihrem Ausbildungsberuf entspricht."

Duale Ausbildung lässt sich nicht eins-zu-eins übertragen

Doch bei aller Begeisterung für die deutsche duale Ausbildung: Eins-zu-eins exportieren lässt sich das System in der Regel nicht, sagt Birgit Thomann vom Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB. "Wir machen deshalb spezielle Angebote, die zum Bedarf des Partnerlandes passen." Das bedeute auch, dass im Partnerland bereits die ersten Strukturen vorhanden sein müssen, um ein duales Ausbildungssystem zu entwickeln, und dass alle Akteure mit ins Boot geholt werden müssen.

"Die größte Schwierigkeit sehe ich darin, wie wir die chilenische Wirtschaft überzeugen können, an diesem System teilzunehmen", sagt Mónica Cuevas. "Und eine zweite Herausforderung wird es sein, die jungen Leute von der Ausbildung zu begeistern." Bisher wolle die Mehrheit der jungen Chilenen nämlich lieber studieren.