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Politik

Exportschlager aus dem Osten

Deutsche Musik - wer hört das denn in Amerika? Zumindest eine Horde kreischender Teenager. Der Grund für ihre Aufregung: Tokio Hotel, Deutschlands erfolgreichste Band, geht auf US-Tour - und wir waren mit dabei.

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Vor 15 Jahren war die Musikwelt noch in Ordnung. Gute Bands kamen aus Amerika oder England; Deutschland brillierte dagegen mit Schlagern und Volksmusik - "Herzilein" reimte sich auf "Traurigsein", Lederhosen spannten über Bierbäuchen, und das einzig Gute daran war, dass man im Ausland von dieser Spielart musikalischer Scheußlichkeit nicht sonderlich Notiz nahm. Vorbei, vorbei. Denn Deutschland schickt sich an, jetzt auch auf dem Musikmarkt Exportweltmeister zu werden - allerdings zum Glück nicht mit Volksmusik, sondern mit vier gerade mal erwachsen gewordenen Jungs aus Ostdeutschland. Tokio Hotel nennen sie sich, sehen punkig-düster aus, spielen straighten Rock und haben in den letzten Jahren so viel CDs verkauft wie keine zweite deutsche Band. Jetzt wollen sie Amerika erobern - und haben damit augenscheinlich sogar Erfolg! Das war zumindest mein Eindruck, als ich vor ein paar Tagen nach New York fuhr, um mir die vier Wunderknaben mal aus der Nähe anzusehen. Ritterschlag in der Musikwelt Den Ort für ihren Auftritt hätten sie nicht besser wählen können: das traditionsreiche Fillmore, kaum einen Steinwurf von Broadway und Union Square entfernt - ein Club, in dem schon die Red Hot Chili Peppers, Pearl Jam und selbst Johnny Cash gespielt haben. Allein das ist ja schon Ritterschlag genug in der Musikwelt - aber es sollte noch besser kommen. Viele Fans hatten sich tatsächlich schon um fünf Uhr morgens aus dem Bett gequält, um die Ersten in der Schlange zu sein - und damit beim Konzert die Chance zu haben, von Sänger Bill einen Blick oder vielleicht sogar sein verschwitztes T-Shirt zugeworfen zu bekommen. Wie unschwer zu erkennen ist: Bei Tokio Hotel handelt es sich um eine Teeny-Band, die vor allem Mädchen unter 18 euphorisiert - zum Teil bis zum Infarkt und auf jeden Fall bis zur Stimmbandentzündung, wie meine geschundenen Ohren bald feststellen mussten. In Deutschland ist das fuer jeden ernsthaften Musikliebhaber Grund genug, eine Band mit Hohn und Spott zu übergießen - nicht jedoch in Amerika! New Yorker Passanten, überrascht angesichts der langen Schlange kreischender Maedchen, meinten nur: "Immerhin fangen sie etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit an!" - und das war nicht ironisch gemeint. Eine amerikanische Musikjournalistin sagte mir sogar, der Teeny-Ansturm könne am Ende auch Erwachsene überzeugen: "Letztlich sind es doch die jungen Leute, die am besten wissen, was cool ist - und wer wäre nicht gerne noch mal jung?" Wahre Kulturvermittler Na ja, so kann man das auch sehen, dachte ich mir und quetschte mich um halb sieben Uhr abends - schließlich muss das minderjährige Publikum ja wieder rechtzeitig im Bett sein - erwartungsvoll ins Fillmore. Und wurde nicht enttäuscht: Live sind die Jungs tatsächlich richtig gut, und anders als die vielen zusammengecasteten Boybands können sie nicht nur eine Gitarre halten, sondern sie auch spielen. Ihre Songs hatten sie rechtzeitig vor der Tour auch auf Englisch aufgenommen - was vielleicht gar nicht nötig gewesen wäre, denn selbst die deutsche Zugabe konnten die Fans fehlerfrei mitsingen. Ich war perplex.

Endgültig weichgekocht hat mich schließlich das Geständnis eines Mädchens aus Connecticut: Im nächsten Schuljahr wolle sie wegen Tokio Hotel auf ihrer Highschool Deutsch belegen - und ihre Freundinnen gleich mit. Etwas Besseres als diese Band, dachte ich mir da, hätte der deutschen Kulturvermittlung im Ausland wohl kaum passieren können. Um Bills Handtuch, das beim am Ende des Konzerts knapp an meinem Ohr vorbeiflog, habe ich mich allerdings nicht geprügelt - ganz so jung will ich dann doch nicht noch mal sein.