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Wirtschaft

Exportmotor Normung

Deutschland ist ein Land der Ordnungsliebenden. So das Klischee, an dem wirklich etwas dran ist: Die Bundesrepublik ist Normungsweltmeister. Kein Zufalll, denn die Normung ist eine wichtige Stütze des Exports.

Schraubenschlüssel nach DIN 3113 und Mutter nach DIN 267. (Foto: Bilderbox)

Funktionieren dank Normung: Schraubenschlüssel nach DIN 3113 und Mutter nach DIN 267.

Im Alltag sind Normen so selbstverständlich, dass sie fast unbemerkt bleiben: Wer eine Treppe hinaufsteigt, macht sich wohl kaum Gedanken, warum er dabei nicht aus dem Tritt kommt. Gleichmäßig müssen die Stufen sein und gerade so hoch, dass ein erwachsener Mensch sie bequem hoch steigen kann. Das sagt DIN 18065. Es ist eine Norm des Deutschen Institutes für Normung (DIN), das den Alltag, aber auch die Wirtschaft mehr prägt, als viele glauben. Mit durchschnittlich 3.000 DIN-Normen hat jeder Bürger täglich Kontakt: Ob morgens unter der Duschbrause oder abends beim Ausknipsen des Lichtes: Die rund 31.000 DIN-Normen sind Teil unseres Alltags. Auch wirtschaftlich haben sie eine hohe Bedeutung: Rund ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts geht auf den Nutzen der Normen zurück.

Norm = Gesetz?

Dabei sind Normen nicht gesetzlich bindend. Vielmehr sind sie ein freiwilliger Standard für Gegenstände oder Dienstleistungen. Trotzdem werden Normen von vielen Unternehmen angewendet. Das liegt unter anderem daran, das DIN-Normen ein hohes Vertrauen besitzen und daher von Kunden nachgefragt werden. So lassen sich nämlich eigene Qualitätsprüfungen sparen und außerdem sind genormte Erzeugnisse kompatibler mit anderen Produkten.

Daher ist insbesondere für die Exportnation Deutschland Normung ein echter Wirtschaftsfaktor, meint Professor Knut Blind, der an der TU Berlin den ökonomischen Nutzen der Standardisierung erforscht. "Im Gegensatz zu anderen Ländern, wie beispielsweise Großbritannien, gibt es in Deutschland eine sehr ausgeprägte nationale Normungskultur. Gerade in den exportorientierten Bereichen wie Maschinenbau ist eine starke nationale Aktivität wichtig, um die nationalen Normen auch international durchzusetzen, um dann letztendlich dadurch internationale Märkte zu erschließen."

Normungs-Weltmeister Deutschland

Eine Frau steigt die zentrale Wendeltreppe des Informations Kommunikations und Medienzentrums IKMZ hinauf. (Foto: picture alliance)

Ohne Norm eine Stolperfalle: die Treppe

Die Rechnung ist dabei recht einfach: Wer seine nationalen Produktionsstandards auch in internationale Normen umsetzen kann, erleichtert der eigenen Wirtschaft den Export. In Deutschland ist das DIN, das Deutsche Institut für Normung zuständig. Es vertritt auf europäischer Ebene die deutschen Normungsinteressen und ist Mitglied im Europäischen Kommittee für Normung (CEN). Sind im CEN Normen festgelegt worden, so müssen alle 30 CEN - Mitgliedsländer ihre nationalen Normen gegen die europäischen tauschen. Außerdem vertritt das DIN auch die deutschen Interessen im internationalen Normungsausschuss ISO. Und das DIN nimmt seine Aufgaben sehr erfolgreich wahr.

So basieren zwei Drittel aller internationalen Maschinenbau-Normen auf deutschen Standards. In der Internationalen Standardisierungs-Organisation (ISO) führt Deutschland ein Fünftel der Sekretariate, in Europa sind es sogar 30 Prozent. Nicht wenige sprechen vom Normungs-Weltmeister Deutschland. Das hat weniger mit dem Klischee der ordnungsverliebten Deutschen zu tun als mit handfesten wirtschaftlichen Interessen: Jährlich rund 16 bis 20 Milliarden Euro sparen die Normen der deutschen Industrie. Dahinter steckt hierzulande eine völlig andere Philosophie als in den USA, wie Sibylle Gabler vom DIN meint: "Wir glauben in Europa daran, dass es gut ist, ein einheitliches Normenwerk zu haben. Wir erarbeiten für eine Problemstellung eine Norm. In den USA sieht man das nicht so. Dort ist nicht ein einziges nationales Normungsinstitut für einheitliche Standards zuständig, sondern über 200 Standardisierungsinstitute, die zum Teil auch widersprechende Standards aufstellen."

Papier DIN A4 Papierformat (Foto: DW)

Bekannteste Norm: Papier im DIN A4-Format

Während sich in den USA Normen Konkurrenz machen, setzt man in Deutschland stärker auf eine Konkurrenz genormter Produkte. Der Befürchtung, dass die großen Unternehmen ihre Produktionsstandards zur Norm machen wollen, um so den Markt zu beherrschen, widerspricht man beim DIN. Grund hierfür sei die auf Konsens ausgelegte Struktur der Entscheidungsfindung.

Auch die Normierung ist genormt

Im Prinzip kann jeder Bürger und jedes Unternehmen eine Norm beim DIN beantragen. Das DIN initiiert selber keine Erstellung von Normen. Wenn so ein Antrag vorliegt, sorgt das DIN dafür, das ein ausgewogenes Expertengremium aus Herstellern, Verbrauchern und Wissenschaftlern die Norm diskutiert und zusammen eine entgültige Fassung der Norm erarbeiten. Somit setzt sich am Ende nicht der Stärkere durch, betont Sibylle Gabler, sondern das beste Argument: "Es wird so lang beratschlagt und erarbeitet, bis kein Widerspruch mehr aufrechterhalten wird und auch der Stand der Technik sowie alle Interessen in die Normen eingeflossen sind."

Dass dieser Prozess dauern kann, liegt auf der Hand - drei Jahre sind es im Schnitt. Selbstverständlich ist auch genormt, wie solch eine Norm aussehen muss: DIN 820 bestimmt, was eine Norm ist. Die Sorge, dass sich bei aller Standardisierung die Produktvielfalt verkleinert, hat sich aus Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers Knut Blind nicht bestätigt. "Die Produkte werden zunehmend aus verschiedenen Komponenten zusammengestellt und Normen erleichtern, dass diese Produkte auch von unterschiedlichen Herstellern zusammengesetzt werden können. So steigt am Ende sogar die Vielfalt der Produkte."

Das Deutsche Institut für Normung e.V. (DIN) in Berlin. (Foto: dpa)

Das Deutsche Institut für Normung e.V. (DIN) in Berlin

Gleichzeitig machen Normen den Alltag etwas überschaubarer und sicherer. So verbirgt sich hinter der Norm für digitale Signale nichts anderes als ein sicherer Übertragungsweg für Geschäfte im Internet. Dort sieht die Normenbranche auch ihre Zukunft: Informationstechnologie, aber auch Nanotechnik und Elektromobilität bergen die neuen Herausforderungen für die internationale Normung. Der Trend zur Internationalisierung der Standards ist dabei unverkennbar: Gab es 1985 noch 150.000 Normenwerke, so ist davon heute nur noch ein Zehntel übrig geblieben. Somit scheint im Zeitalter der Globalisierung die Vision eines weltweit einheitlichen Normenkataloges für den Normenforscher Knut Blind durchaus im Bereich des Möglichen: "Das Endziel eine international harmonisierte Normung."

Autor: Joscha Weber

Redaktion: Insa Wrede

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