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Politik

Exportgut Protest

Siemens und Thyssen liefern nicht nur deutsche Technik nach China, sondern auch demokratische Praktiken - indirekt zumindest: Im Streit um die Transrapidstrecke entdecken Schanghais Bürger den zivilen Ungehorsam.

Chen Bo trifft seine Besucher jetzt oft am Schwimmbad an der Hauptstraße. Da gibt es am Eingang eine kleine Kantine, wo Schwimmschüler ihre nassen Haare trocknen und gelangweilte Eltern auf ihre Kinder warten und Zeitungen durchblättern. Man fällt hier wenig auf.

Zum Flughafen und zurück

Chen Bo muss vorsichtig sein. Vor seiner Wohnung stehen Polizisten in ziviler Kleidung und beobachten. Er will keinen Ärger, zumindest nicht mehr, als unbedingt nötig. Und Chen Bo ist auch nicht sein richtiger Name. Er ist Anfang dreißig, er trägt eine knabenhafte Frisur und einen hellen Rollkragenpullover.

Chen ist Ingenieur, hat an der renommierten Tongji-Universität Maschinenbau studiert und war immer ein großer Fan deutscher Technologie. Als vor vier Jahren die erste Transrapidstrecke in Schanghai eröffnet wurde, war Chen begeistert. Er kaufte eine Karte und fuhr mit seiner Frau einmal zum Flughafen und zurück. Sie machten Fotos, im Gang, als die digitale Geschwindigkeitsanzeige 430 Stundenkilometer erreichte.

Beispiellose Kampagne

"Ich bin immer noch begeistert vom Transrapid", sagt Chen. Doch inzwischen ist er einer der größten Gegner des Projekts. Es fing vor einem Jahr an, als plötzlich Vermessungsteams des Stadtplanungsamtes in Chens Wohnanlage auftauchten und Pläne zeichneten. Chen wusste, dass Schanghai die Verlängerung der Transrapidstrecke plant. Und er erfuhr, dass sie genau vor seinem Wohnzimmerfenster verlaufen sollte. Bei der ersten Strecke betrug der Sicherheitsabstand noch 100 bis 150 Meter. Jetzt sind es nur noch 22,5 Meter.

Chen und die anderen Anwohner begannen eine fast beispiellose Kampagne. Sie schrieben Briefe an die Stadtverwaltung – eine Antwort bekamen sie nicht. Sie organisierten Treffen und diskutierten das Projekt mit Experten. Als sie merkten, dass die chinesische Regierung ihnen nicht helfen würde, schrieben sie sogar eine E-Mail an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Unangemeldete Demonstrationen

Inzwischen haben auch andere Anwohner von den Plänen erfahren. Die staatlich kontrollierten chinesischen Medien schweigen zu dem Thema. Doch im Internet empören sich wütende Anwohner über die Willkür der Stadtverwaltung und wehren sich gegen Transrapid, die Umsiedlungen und den schlechten Lärmschutz. Es gab sogar unangemeldete Demonstrationen vor dem Rathaus am Volksplatz. Und aus den Fenstern der betroffenen Hochhauswohnanlagen hängen handgemalte Transparente, wie früher in der Hamburger Hafenstraße. Die Menschen kämpfen mit allen Mitteln für ihre Interessen.

Wahrscheinlich werden die Anwohner den Transrapid nicht verhindern können. Doch noch vor wenigen Jahren wären solche Demonstrationen und Bürgerinitiativen in China undenkbar gewesen. Seit der Transrapid in Schanghai verlängert werden soll, lassen die Menschen nicht mehr alles mit sich machen.