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Wirtschaft

Experten schließen Doppelrezession nicht aus

Kaum ist der weltweite Konjunkturmotor angesprungen, droht ihm die Puste wieder auszugehen. Wie groß ist die Gefahr eines Double-Dip? Darüber wird in Istanbul auf dem dritten Global Economic Symposium diskutiert.

Logo des Global Economic Symposium

Logo des Global Economic Symposium

Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts schließt seine Diagnose mit einer Frage ab: "Der Patient Weltwirtschaft ist auf dem Weg der Besserung und hat das Krankenbett verlassen. Nur: Ist er wieder so gesund, dass er auch ohne staatliche Krücken wird laufen können?"

Die US-Wirtschaft lahmt

HWWI-Präsident Thomas Straubhaar (Foto: DW-TV)

Thomas Straubhaar: "Kann der Patient auch ohne Krücken laufen?"

Daran scheiden sich die Geister. Denn Gefahren lauern überall. Eine geht sogar von der größten Volkswirtschaft auf der Welt aus, meint Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für die Weltwirtschaft und Gastgeber des Global Economic Symposiums: "Es ist möglich, dass die USA in eine Double-Dip-Rezession kommen." Tatsächlich ist dort der Konjunkturmotor wieder ins Stottern gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von April bis Juni mit einer aufs Jahr hochgerechneten Rate von lediglich 1,6 Prozent. Die Arbeitslosigkeit verharrt auf dem hohen Niveau von 9,6 Prozent.

Dafür, dass sich die US-Wirtschaft nicht so schnell wie aus den früheren Rezessionen erholt, macht Thomas Straubhaar vom Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut die Obama-Regierung mitverantwortlich. Sie mache eine Politik, die mit dem amerikanischen Selbstverständnis nicht übereinstimme. "Dieses Selbstverständnis ist nicht ein System, bei dem der Staat beginnt, zunehmend eine Sozialdemokratisierung vorzunehmen, soziale Wohlfahrtsstaaten europäischer Prägung nachzuholen." Barack Obama müsse erkennen, dass er mit seiner Politik des staatsgetriebenen Wachstums nicht das Vertrauen der Bevölkerung genieße, die auf Eigenverantwortung und Marktkräfte setze.

Ungleichgewichte nehmen wieder zu

IfW-Präsident Dennis Snower (Foto: dpa)

IfW-Präsident Dennis Snower: "Schulden hemmen Wachstum."

Die US-Regierung sucht die Schuld eher bei den anderen und findet den Schuldigen schnell: China verschafft sich Vorteile durch die niedrig gehaltene Währung und verursacht immense Ungleichgewichte im bilateralen Handel. Sie nehmen inzwischen wieder zu. So ist das amerikanische Defizit im bilateralen Handel mit China im ersten Halbjahr auf 119 Milliarden Dollar gestiegen. Solche Ungleichgewichte werden als eine der Hauptursachen der Krise angesehen. Der US-Ökonom Dennis Snower sieht Handlungsbedarf bei beiden Seiten: "Wenn China mit der Zeit einen Wohlfahrtsstaat aufbaut, dann werden die Chinesen weniger sparen müssen. Das wäre ein großer Beitrag. Wenn wir in den USA neue Finanzprodukte schaffen, die es ermöglichen, dass Haushalte gegen große Risiken abgesichert sind und Finanzinstitutionen für ihre Risiken zahlen, dann würden die Amerikaner langfristig nicht in einer Weise konsumieren, die nicht nachhaltig ist."

Hoch verschuldet haben sich nicht nur die amerikanischen Verbraucher, ganze Staaten konnten der Versuchung nicht widerstehen, mit Hilfe billiger Kredite über ihre Verhältnisse zu leben. In diesem Jahr wird sich der Schuldenberg in den Euro-Ländern auf 85 Prozent ihres gesamten Bruttoinlandsprodukts summieren. Erlaubt wären nach den Maastrichter Kriterien 60 Prozent. "Die Schuldenproblematik könnte sehr wachstumshemmend sein", sagt Snower. Sein Kollege Thomas Straubhaar teilt diese Meinung und erklärt, warum weniger verschuldete Staaten stärker wachsen: "Der Grund ist der Multiplikator-Effekt. Das heißt, die Wirkung eines Dollars oder eines Euro, der von einem Staat ausgegeben wird, ist in aller Regel geringer als wenn er von Privaten ausgegeben wird."

Dann haben wir ein Problem

Eine Hand hält Dollarnoten

Kommt die Deflation, haben die Zentralbanken kaum noch Mittel zur Bekämpfung

Höhere Schulden könnten dazu führen, dass die Staaten höhere Inflation zulassen. Das entwertet ihre Schulden automatisch. Doch der Inflation könnte ein anderes Gespenst zuvorkommen: die Deflation. Mit der müsste man immer rechnen, sagt Dennis Snower: "Sollte sich die Weltwirtschaft nicht genügend erholen, sollte es eine Double-Dip-Rezession geben, dann haben wir ein Problem." Denn die Geldpolitik hätte ihr Pulver verschossen, sie hätte keine Mittel mehr, um die Konjunktur anzuschieben. Weniger Investitionen und weniger Nachfrage haben dann fallende Preise zur Folge - die Deflation eben. Wer weiß, dass morgen alles billiger ist, kauft nicht und wartet ab. Wer keine Waren verkauft, investiert nicht und baut Personal ab. Diese Abwärtsspirale fürchten die Experten mehr als die Inflation.

Eine andere latente Gefahr für die Weltwirtschaft lauert an der Front der Rohstoffe. Wirtschaftswissenschaftler Straubhaar rechnet allein aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung mit steigenden Rohstoffpreisen. Hinzu kommen geografische Konzentration der Rohstoffe, politische Unsicherheiten in den Förderländern und Exporteinschränkungen vor allem durch China. Dem asiatischen Land bescheinigt Straubhaar ein sehr kluges strategisches Verhalten. Denn wer die Rohstoffe der Zukunft besitzt, der wird auch die wirtschaftliche Potenz der Zukunft besitzen, ist Straubhaar überzeugt. "Deshalb hat sich China weltweit strategisch an andere Länder herangemacht, insbesondere in Afrika, aber auch rund um Indien. China kauft soviel Rohstoff- und Energiequellen ein wie irgendwie möglich, fördert sie, baut sie ab, weitet sie aus." China sei ein unglaublich wichtiger Spieler auf den internationalen Rohstoffmärkten geworden, sagt Straubhaar weiter.

Wachstumsachse Peking-Berlin?

Istanbul (Foto: dpa)

Das Global Economic Symposium findet in Istanbul statt

Nicht nur auf Rohstoffmärkten, auch für die weltweite Konjunktur spielt China eine zentrale Rolle. Mit einem Wirtschaftswachstum von rund zehn Prozent ist das Reich der Mitte die tragende Säule für den Aufschwung in Deutschland. Nicht umsonst schwärmt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, von einer neuen deutsch-chinesischen Wachstumsachse. Doch warnt Thomas Straubhaar vor einer zu großen Abhängigkeit von China: "Es ist immer schlecht, wenn man nur eine Möglichkeit hat. Deshalb würde ich sagen, für Europa wäre es ein Glück, wenn Amerika möglichst rasch wieder auf die Beine kommt."

Autorin: Zhang Danhong

Redaktion: Rolf Wenkel

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