Experten: Neue Atomkraftwerke wären ″ökonomischer Wahnsinn″ | Wissen & Umwelt | DW | 18.05.2016
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Experten: Neue Atomkraftwerke wären "ökonomischer Wahnsinn"

In Europa halten einige Politiker an der Idee der Atomkraft fest. Viele Experten geben der Kernenergie jedoch keine Zukunft: Die Kosten seien zu hoch und es gebe günstigere Alternativen.

Ein Diskussionspapier der EU-Kommission hat die Debatte über die Atomkraft neu angeheizt. Darin wird die Forschung zum Bau neuer Reaktoren angeregt. Konkret geht es um sogenannte Minireaktoren, die bei einer entsprechenden Förderung im Jahr 2030 ans Netz gehen könnten.

Viele Experten halten diese Idee für absurd. Die Überlegungen der EU-Kommission seien "ökonomischer Wahnsinn", sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). "Die ökonomischen Fakten sprechen eindeutig dagegen."

Atomkraft nicht mehr konkurrenzfähig

Für die meisten Energieexperten ist die Frage, ob Atomkraft eine Zukunft hat, schon lange entschieden. "Man kann heute kein neues Atomkraftwerk mehr bauen, das rechnet sich wirtschaftlich nicht. In liberalisierten Märkten ist das nicht mehr denkbar", erklärte Mycle Schneider, Herausgeber vom World Nuclear Industry Status Report schon vor drei Jahren im DW-Interview. "Atomkraft ist nur noch dort denkbar, wo es nicht nur politische Unterstützung gibt, sondern auch um den Willen, Staatsgelder mitzuverwenden oder Garantien zu geben."

Die schlechten Aussichten für die Atomkraft liegen vor allem an der schwindenden Konkurrenzfähigkeit. Während sich Atomkraftwerke in den vergangenen Jahren zunehmend verteuerten, wurden die erneuerbaren Energien immer günstiger.

In einer Studie verglich das Berliner Prognos-Institut für Wirtschaftsberatung die Kosten der Stromerzeugung von neuen Kraftwerken in Deutschland und Großbritannien. Demnach kostet der Strom aus der Windkraft an Land nur etwa halb so viel wie aus einem neuen Atomkraftwerk - und auch Solarstrom ist selbst in den sonnenarmen Ländern wie Großbritannien und Deutschland schon über 30 Prozent günstiger. "Die Kernenergie wird immer teuer, ist nicht mehr konkurrenzfähig und aus diesem Grund muss man ehrlich sagen, dass das Atomzeitalter bezüglich Neubau und Weiterbetreib sicherlich zu Ende geht", sagte Frank Peter von Prognos gegenüber der DW.

Haftungskosten verteuern Atomstrom noch

Bei der Stromerzeugung aus neuen Kraftwerken ist Atomkraft schon heute teurer als die Erneuerbaren. Werden auch noch die Nebenkosten berücksichtigt, sieht es sogar noch schlechter aus.

Die größte Subvention ist bislang die Freistellung der Kraftwerksbetreiber von den Haftungsrisiken. Weltweit gibt es bisher keinen Kraftwerksbetreiber, der sich gegen einen atomaren Unfall umfassend abgesichert hat.

In den EU-Ländern liegt die vorgeschriebene Deckungssumme zwischen 0,1 und 2,5 Milliarden Euro. Kommt es jedoch zu einem großen Unfall wie in Tschernobyl oder Fukushima, gehen die Geschädigten leer aus. Oder es zahlen die Regierungen und damit die Steuerzahler.

Nach einer Studie der Versicherungsforen Leipzig belaufen sich die Kosten eines großen atomaren Unfalls in Europa auf 150 bis 6363 Milliarden Euro. Würden die Kraftwerksbetreiber sich gegen diese Summe versichern und die Prämien auf den Strompreis umgelegen, so stiegen die Kosten für Atomstrom erheblich. Adam Pawloff von Greenpeace in Wien schlägt zur Risikoabsicherung diesbezüglich einen öffentlichen Fonds vor, in den alle Kraftwerksbetreiber einzahlen sollten. Die Kosten für eine Kilowattstunde Strom würde sich so um 14 bis 67 Cent erhöhen.

Frankreich Atomkraftwerk Fessenheim picture-alliance/dpa/P. Seeger

Alte Kraftwerke müssen vom Netz - für Rückbau und Entsorgung fehlt aber oft das Geld

Fehlende Rücklagen

Unterschlagen und oft unterschätzt werden auch die langfristigen Kosten der Stromerzeugung mit Atomkraft. Nach Angaben der EU-Kommission haben die Kraftwerksbetreiber in der EU für den Abbau der Atomkraftwerke und die Entsorgung des Atommülls bisher nur 150 Milliarden Euro zurückgelegt. Benötigt würden bis zum Jahr 2050 jedoch 268 Milliarden Euro. Eine aktuelle Studie für die Grünen im Europarlament beziffert die Kosten sogar auf 485 Milliarden Euro.

Frankreich will weniger Atomstrom

Unter den steigenden Kosten der Atomkraft leidet vor allem Frankreich. Wie keine andere Nation hat es auf die Atomkraft gesetzt und deckt damit drei Viertel seines Strombedarfs.

Ohne staatliche Unterstützung droht dem Baukonzern für Atomkraftwerke AREVA derzeit die Pleite, der staatliche Stromkonzern EDF ist hoch verschuldet, und die Perspektiven für die Atomkraft sind nicht gut.

Seit acht Jahren hat AREVA kein einziges Atomkraftwerk weltweit mehr verkauft, und die zwei im Bau befindlichen Reaktoren sind für den Konzern ein Desaster: Im Jahr 2005 und 2007 wurden die Reaktoren in Finnland und Frankreich (Artikelbild) begonnen und sollten längst Strom produzieren. Vor Ende 2018 werden sie jedoch wegen zahlreicher Pannen nicht fertig sein. Nach heutigen Prognosen kosten sie jetzt schon drei Mal mehr als veranschlagt: über neun Milliarden Euro pro Kraftwerk.

Dass selbst die französische Regierung in den erneuerbaren Energien inzwischen die Zukunft sieht, macht das neue Energiewendegesetz deutlich. Im letzten Sommer wurde es nach einer langen Debatte beschlossen. Demnach soll der Anteil von Atomkraft im nationalen Strommix bis 2025 kräftig sinken, von heute 75 auf 50 Prozent. Die fehlenden Strommengen sollen dann vor allem mit Biomasse, Wind-, Solar- und Wasserkraft ersetzt werden.

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