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Wirtschaft

Experten: Klimawandel bedroht die Sicherheit

Wird der von Menschen verursachte Klimawandel nicht bald gestoppt, können Chaos, Zerfall, Apathie und Gewaltausbrüche die Folgen sein. Experten warnen vor zunehmenden inner- und zwischenstaatlichen Konflikten

Ein Sandfeld in der Wüste (Foto: dpa)

Dirk Messner bezeichnet sich selbst als Optimisten. Doch wenn der 47-jährige Professor für Politikwissenschaft und Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik vor Journalisten über den Klimawandel als Bedrohung für die internationale Sicherheit spricht, entwickelt er ein geradezu apokalyptisches Szenario. "Der Klimawandel wird ohne entscheidendes Gegensteuern bereits in den kommenden Jahrzehnten die Anpassungsfähigkeit vieler Gesellschaften überfordern", lautet seine These, die er im "Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen" (WBGU) entwickelt hat. "Daraus könnten Gewalt und Destabilisierung erwachsen, die die nationale und internationale Sicherheit in einem bisher unbekannten Ausmaß bedrohen."

Prof. Dr. Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) (Foto: DIE)

Prof. Dr. Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE)

Seine Begründung ist einfach und klar: "Der Klimawandel wird viele Verteilungskonflikte in und zwischen den Ländern auslösen: um Wasser, um Land, um die Bewältigung von Flüchtlingsbewegungen." Noch stehe der Klimawandel am Anfang seiner Entwicklung, aber seine Auswirkungen würden in den kommenden Jahrzehnten stetig zunehmen. Der WBGU zeigt, dass der Klimawandel bestehende Umweltkrisen wie Dürren, Wasserknappheit und Wüstenbildung verschärft, Landnutzungskonflikte verstärkt und zusätzliche Umweltmigration auslösen wird. Die globale Temperaturerhöhung werde die Existenzgrundlage vieler Menschen vor allem in den Entwicklungsregionen gefährden, die Anfälligkeit für Armut und soziale Verelendung erhöhen und damit die menschliche Sicherheit bedrohen.

Konflikte um Wasser und Agrarflächen

Der Amazonas (Foto: AP)

Trocknet der Amazonas aus?

Beispiel Wasser: Bereits heute haben 1,1 Milliarden Menschen keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser. Die Situation könnte sich weltweit für mehrere 100 Millionen Menschen verschärfen, weil sich durch den Klimawandel die Verteilung der Niederschläge und die verfügbare Wassermenge verändern. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Wasser durch eine wachsende Weltbevölkerung mit steigenden Ansprüchen. "Diese Dynamik erzeugt Verteilungskonflikte und stellt das Wassermanagement der betroffenen Länder vor erhebliche Herausforderungen", ist Messner überzeugt.

Beispiel Landwirtschaft: Derzeit sind weltweit über 850 Millionen Menschen unterernährt. Durch den Klimawandel werde sich diese Lage absehbar verschärfen, heißt es in dem Gutachten des WBGU, "da die Ernährungsunsicherheit in den niederen Breiten und damit in vielen Entwicklungsländern bereits bei einer Erwärmung um zwei Grad Celsius, bezogen auf 1990, zunehmen wird." Bei einer Erwärmung von zwei bis vier Grad wird die landwirtschaftliche Produktivität voraussichtlich weltweit zurückgehen. Dieser Trend wird durch Wüstenbildung, Bodenversalzung oder Wasserverknappung erheblich verstärkt. Dadurch können gesellschaftliche Destabilisierung und Zerfall sowie gewalttätige Konflikte begünstigt oder verschärft werden.

Wenn Ökosysteme umkippen

Ein Gletscher in Argentinien (Foto: Eric Pawlitzky)

Wenn die Gletscher in den Anden schmelzen, haben Millionenmetropolen kein Trinkwasser mehr

Diese Folgen des Klimawandels werden laut Messner zu gewaltigen, umweltbedingten Migrationsbewegungen führen. Allein in Bangladesh sind 120 Millionen Menschen, die im Ganges-Delta leben, von einem Anstieg des Meeresspiegels bedroht. "Ich bin immer wieder selbst erschrocken, wenn ich diese Zahlen vortrage", sagt Messner. In den Anden und in der Himalaya-Region schmelzen die Gletscher ab und gefährden die Trinkwasserversorgung ganzer Landstriche. Im Falle eines ungebremsten Klimawandels hält der WBGU auch ein Umkippen ganzer Ökosysteme für möglich, beispielsweise das Austrocknen des Amazonas oder das Ausbleiben des Monsuns. "Was dann passiert, weiß kein Mensch", sagt Messner.

Immerhin freut sich der Politikwissenschaftler, der auch Regierungen in Asien und Lateinamerika berät, dass in den USA in Sachen CO2-Ausstieg ein Umdenken stattgefunden hat. "Und auch die Chinesen sagen nicht mehr: Das ist Euer Problem, das geht uns nichts an." Trotzdem wird das Zeitfenster für eine Umkehr immer kleiner. Ein Anstieg der Durchschnittstemperatur um zwei Grad lässt sich gar nicht mehr verhindern. Um es dabei zu belassen, müssten die CO2-Emissionen pro Kopf der Weltbevölkerung auf zwei Tonnen pro Jahr reduziert werden. "Fängt man damit im Jahr 2010 an, müsste man jedes Jahr zwei Prozent einsparen." Beginnt der Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft erst 2020, müsste man jedes Jahr schon sechs Prozent einsparen. Und wenn sich die Menschheit erst 2030 zu einem Ausstieg entschließen würde, wären utopische 22,6 Prozent pro Jahr fällig.

"Klimapolitik ist auch präventive Sicherheitspolitik", ist Messner überzeugt. "Wir haben das Geld zum Ausstieg, wir haben die Technologie zum Ausstieg. Man muss nur ernsthaft damit anfangen."

Autor: Rolf Wenkel

Redaktion: Zhang Danhong