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Politik

Experten: Kaum Auswirkungen des 11. September auf Brasilien

Die Tötung eines unschuldigen Brasilianers durch die Londoner Metropolitan Police und wachsender Anti-Amerikanismus sind fünf Jahre nach den Anschlägen in New York die einzigen signifikanten Folgen im Land.

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Gedenken an den von der Londoner Polizei erschossenen de Menezes im Juli 2005

Die von DW-WORLD befragten Experten stimmen darin überein, dass die Attacken vom 11.9.2001 kaum Auswirkungen auf Brasilien haben. "Brasilien ist ein Land, in dem Aktivitäten extremer Gruppen nicht relevant sind", sagt der brasilianische Botschafter in Deutschland, Luiz Felipe de Seixas Corrêa. Die außenpolitischen Beziehungen bezüglich des arabisch-israelischen Konfliktes seien äußerst entspannt. Deshalb "ist es nicht wahrscheinlich, dass Reaktionen hervorgerufen werden, die eventuell zu terroristischen Aktionen gegen uns führen könnten", so Seixas Corrêa.

Der Diplomat betont, dass die Anschläge und ihre Folgen der brasilianische Regierung (unter den Präsidenten Fernando Henrique Cardoso und später unter Luiz Inácio Lula da Silva) Anlass dazu gegeben haben, die außenpolitischen Anstrengungen zu intensivieren, um friedliche Lösungen für internationale Probleme zu finden. "Wir haben die Anschläge vom 11. September sofort aufs Schärfste verurteilt, aber ebenso verurteilten wir die amerikanische Invasion in den Irak. Wir haben unsere Position gegen jegliche militärische Aktion betont, die ohne das Einverständnis des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen stattfindet", sagt er.

Friedliche Koexistenz

Die Tatsache, dass es keine Fremdenfeindlichkeit in Brasilien gebe, lenke die Aufmerksamkeit von Extremisten von dem Land ab, ergänzt Onofre dos Santos Filho, Soziologe und Dozent an der Katholischen Minas Gerais Universität (PUC-Minas). "Die ethnischen Gruppierungen arabischen Ursprungs leben normal und friedlich mit den Brasilianern zusammen, ohne unter Vorurteilen oder Ausgrenzung zu leiden", so Santos Filho.

Dennoch habe er Veränderungen im Verhalten der Brasilianer beobachtet, die durch die Anschläge vom 11.September und deren Konsequenzen ausgelöst worden seien. Santos Filho zufolge hat der Anti-Amerikanismus innerhalb der brasilianischen Bevölkerung stark zugenommen, vor allem in Folge der militärischen Aktionen der USA in Afghanistan und Irak. Bei einer Umfrage, die das brasilianische Ibope Institut einige Monate nach den Anschlägen durchführte, sprachen sich mehr als 80 Prozent der Befragten gegen den von den USA geführten "Krieg gegen den Terrorismus" aus.

Eine weitere Reaktion, sagt Santos Filho, sei ein gesteigertes Interesse in Angelegenheiten des Mittleren Ostens. "Eine kürzlich durchgeführte Kampagne der brasilianischen Bischofskonferenz (CNBB), bei der Spenden und Gelder für libanesische Opfer der israelischen Angriffe gesammelt werden sollten, war sehr erfolgreich. Einige Jahre zuvor wäre in Brasilien eine solche Initiative nur von arabischen Gemeinschaften zu erwarten gewesen."

Sieben Kopfschüsse

Unvergessen ist für den brasilianischen Botschafter in Deutschland die Ermordung des brasilianischen Staatsbürgers Jean Charles de Menezes als eine weitere indirekte Folge der Terroranschläge. Die Londoner Metropolitan Police hielt ihn fälschlicherweise für einen Selbstmordattentäter und erschoss ihn im Juli 2005 in der U-Bahn Station Stockwell. Er wurde siebenmal in den Kopf getroffen. "Menezes wurde Opfer der Paranoia, die die Sicherheitskräfte in den Ländern beherrschte, die unter dem Terrorismus zu leiden hatten", sagte Seixas Corrêa. Die betroffenen Staaten seien verständlicher Weise besorgt gewesen. Nichtsdestotrotz warnte der Diplomat davor, dass diese Art von Paranoia dazu führen könne, dass in den USA und vielen europäischen Staaten jede Person für verdächtig gehalten werde, die keine blonden Haare und blaue Augen habe. Das würde potenziell auch zahlreiche Brasilianer betreffen, die in diesen Ländern leben oder dorthin reisen, da ja die Mehrheit der Brasilianer nicht weiß ist.

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