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Wissen & Umwelt

Experten fordern Freigabe für HIV-Medikament Truvada in Europa

Gesunde Schwule in den USA können sich das Medikament - das so effektiv wie Kondome vor HIV schützten soll - bereits verschreiben lassen. Jetzt wird die Frage laut, warum das in Europa nicht auch so ist.

HIV- und AIDS-Organisationen drängen europäische Gesundheitsbehörden, das HIV-Medikament Truvada, das bisher nur zur Behandlung HIV-Infizierter zugelassen ist, auch als Präventionsmittel für Nicht-Infizierte zu erlauben. Auch solle seine Nutzung subventioniert werden. Denn auf dem ganzen Kontinent steigt die Zahl der Infizierten kontinuierlich.

In den USA gibt diese Pre-Exposure Prophylaxis (PrEP), also eine vorbeugende Behandlung, bevor die Menschen mit dem Virus in Kontakt kommen, bereits. Sie wird schwulen und bisexuellen Männern angeboten. Aber in Europa war sie nur in zwei medizinischen Studien zugänglich: PROUD in Großbritannien und IPERGAY in Frankreich.

Kürzlich beendeten die Forscher die Studien, um zu verhindern, dass sich Teilnehmer unnötig dem Risiko einer Infektion aussetzen. Sie hatten herausgefunden, dass das Medikament tatsächlich hilft, der Infektion mit HIV vorzubeugen. Aber europäische Offizielle aus dem Gesundheitsbereich scheinen trotzdem zu zögern, die teure Arznei zu verschreiben.

Steigende HIV-Raten

In vielen europäischen Städten steigt die Anzahl der HIV-Infizierten unter Männern, die Sex mit anderen Männern haben (MSM). In London ist einer von acht schwulen Männern HIV-positiv. Rund ein Viertel derer, die das Virus in sich tragen, wissen es nicht - die Gefahr ist also groß, dass sie ihre Sexualpartner anstecken.

Mit der immer weiter voranschreitenden Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten sank in den vergangenen zehn Jahren die Anzahl der schwulen und bisexuellen Männer, die Kondome benutzen. HIV wird nicht mehr als tödliche Krankheit angesehen, also sind mehr und mehr Männer bereit, "es zu riskieren".

Proud Poster (Foto: Nik Martin).

Die PROUD-Studie suchte mit Postern nach Teilnehmern

Chris (Name von der Redaktion geändert), einer der Teilnehmer der britischen PROUD Studie, sagte der DW, dass er sich seit seiner PrEP-Behandlung weniger Sorgen über eine mögliche HIV-Infektion macht.

"Ich habe einige regelmäßige Partner, die ich kenne, und jetzt, da ich auf PrEP bin, könnte ich mich entscheiden, auf eine natürlichere Art Sex mit ihnen zu haben", sagte Chris. Mit lockeren Sexualpartnern benutze er aber weiterhin Kondome.

Mehr ungeschützten Sex?

Die PrEP-Behandlung wird kontrovers diskutiert. Einige Schwulenrechtsorganisationen sagen, dass Truvada, das Medikament, dass unter PrEP verabreicht wird, nicht mehr als eine Partydroge sei, die zu mehr "barebacking" - also Sex ohne Kondom - und letzten Endes zu mehr HIV-Fällen führe.

Aber die britische und französische Studie zeigen, dass das eher unwahrscheinlich ist – die Kondomnutzung blieb während der gesamten Studie stabil. Auch wenn die vollständigen Ergebnisse erst im Februar herauskommen, deuten vorläufige Ergebnisse der französischen IPERGAY-Studie daraufhin, dass die Effizienz des Medikaments bei mehr als 80 Prozent liegt, und sogar höher, wenn es regelmäßig eingenommen wird.

In Großbritannien wurden 50 Prozent der Teilnehmer gleich mit Truvada behandelt, während die andere Hälfte ein Jahr warten musste. In Frankreich arbeiteten die Forscher mit einer Placebo-Kontrollgruppe, um herauszufinden, ob das Medikament auch wirkte, wenn es nur vor dem Geschlechtsverkehr und nicht täglich eingenommen wurde.

Teilnehmer in beiden Studien hatten schon vor ihrer Teilnahme ungeschützen Sex. Allen Männern wurde geraten, sowohl Kondome als auch das Medikament zu nutzen. Laurent Cotte, einer der leitenden Forscher bei IPERGAY, sagte, dass die Ausgabe des Placebos schnell gestoppt wurde, als klar wurde, wie erfolgreich Truvada in Frankreich und Großbritannien war.

"Die Studie wurde regelmäßig von einem unabhängigen Komitee überprüft", so Cotte. "Die Ergebnisse, die dem Komitee vorgelegt wurden, haben eine hohe Effizienz gezeigt."

Zögern bei Entscheidungsträgern

Cotte sagte, dass die Placebo Kontrollgruppe unerlässlich dafür war, französischen Gesundheitsbehörden zu beweisen, dass die HIV-Rate gesenkt werden konnte.

Laurent Cotte (Foto: Nik Martin).

Cotte: Das Placebo wurde nicht lange ausgegeben

"Ohne diese Ergebnisse hätte es definitiv keine Anerkennung der Gesundheitsbehörden gegeben", betonte der Forscher. "Diese Ergebnisse haben die Tür dafür geöffnet. Die nächste Frage ist, ob es das Geld für die Behandlung auch zurückgeben würde. Das ist zu diesem Zeitpunkt nicht sicher."

Die französische IPERGAY-Studie testet die Effizienz von Truvada bei Einnahme vor und nach dem Geschlechtsverkehr, nicht bei täglicher Nutzung. Die Hoffnung ist, dass eine "Pille am Morgen davor und am Morgen danach" für Schwule günstiger umzusetzen ist.

Viele europäische Gesundheitsbehörden sind noch nicht überzeugt davon, für eine tägliche PrEP Behandlung 1000 Euro im Monat zu bezahlen. Aber bei einer Anzahl von HIV-Neudiagnosen unter homosexuellen Männern in Großbritannien, die so hoch ist wie noch nie, müssen die Behörden schnellstens handeln.

Das jedenfalls meint Gus Cairns von der britischen PROUD Studie: "Kondome funktionieren gut - wenn sie genutzt werden. Aber nur eine knappe Mehrheit, und vielerorts eine Minderheit bei Schwulen, ist nach eigenen Angaben hundertprozentig konstant was die Kondomnutzung angeht. Also müssen wir andere Lösungen finden, die idealerweise zusätzlich zu Kondomen angewendet werden sollten."

Die Einhaltung eines Einnahmeplans war eine der Schwierigkeiten in vorigen Studien mit Truvada, eines von zwei Medikamenten, dass auch HIV-positiven Patienten verabreicht wird. Die Teilnehmer der beiden aktuellen Studien in Frankreich und Großbritannien waren besser darin, die Pillen nach einem festgelegten Plan zu nehmen.

Ethische Schwierigkeiten

AIDS Schleife auf schwarzem Hintergrund (Foto: dpa - Bildfunk).

Experten fordern, das wichtige Medikament im Kampf gegen AIDS dauerhaft zur Verfügung zu stellen

"Wenn man HIV-positiv ist, hat man natürlich eine große Motivation das Medikament zu nehmen", sagte Cairns der DW. "Wenn man es nicht tut, wird man irgendwann krank und stirbt. Aber bei einer Präventivbehandlung ist die Motivation weniger hoch - die Folgen sind weniger erschreckend. Aber PROUD und IPERGAY haben gezeigt, dass PrEP funktioniert, wenn man die richtige Gruppe anspricht: schwule Männer, die ein hohes Risiko haben, sich zu infizieren und dementsprechend motiviert sind."

Chris, der seit 18 Monaten Truvada nimmt und keinen Freund hat, sagt, er kann sich ein Leben ohne das Medikament nicht mehr vorstellen: "Ich würde mit der Truvada Behandlung nur aufhören, wenn ich einen Freund finden würde, dem ich 100 Prozent vertraue. Ich habe mich an den zusätzlichen Schutz gewöhnt, und selbst, wenn ich es nur manchmal nutze, fühle ich mich einfach sicherer."

Allen Teilnehmern der Studien wurde die PrEP-Behandlung mindestens für das kommende Jahr angeboten. Aber Kritiker fragen sich, ob es ethisch vertretbar ist, Menschen, die ein hohes Infektionsrisiko haben, einen so wirksamen Schutz erst anzubieten und ihn dann, irgendwann in der Zukunft, wieder einzuziehen.

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