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Fokus Osteuropa

Experte: "Moskaus geopolitische Sichtweise ist veraltet"

Russlands Präsident Putin droht dem Westen wegen der geplanten US-Raketenabwehr in Europa. Was davon zu halten ist, erklärt Aleksandr Garin vom Georg C. Marshall-Zentrum für Sicherheitsstudien in Garmisch-Partenkirchen.

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DW-RADIO/Russisch: In letzter Zeit hat der russische Präsident den Westen mehrfach scharf angegriffen, vor allem wegen der Pläne Washingtons, in Europa eine Raketenabwehr zu stationieren. Warum nimmt Moskau eine solch harte Position ein?

Aleksandr Garin: Ich denke, dass dies die mentale Welt Putins und seines Umfelds widerspiegelt. Für die Leute aus dem KGB ist die Geopolitik die oberste Ebene ihres Denkens, das ist deren Sichtweise auf die Welt – meiner Meinung nach eine veraltete Sichtweise. Sie ignoriert einfach eine ganze Menge von Werten und betrachtet die Welt immer noch als Boxkampf zwischen zwei Supermächten. Das entspricht überhaupt nicht mehr der Realität.

Kann man sagen, dass Russland nicht mehr an engen Beziehungen zum Westen interessiert ist, oder zielen die Erklärungen auf die Menschen im Inland ab?

Mir scheint, dass die Innenpolitik auf das Klima in den internationalen Beziehungen ausstrahlt. Es sei daran erinnert, dass sogar Jelzin in den 1990er Jahren einen Wettbewerb für die "russische Idee" verkündete - aus der allerdings nichts wurde. Für ein solch riesiges Land ist es am einfachsten, seine nationale Identität in den Kontrasten und darüber hinaus in dem zu finden, was die Menschen bereits kennen. Es ist primitiver Populismus zu sagen, dass wir uns jetzt "von den Knien erheben", was dann aber "dem Westen nicht gefällt". Natürlich erscheint der Präsident auf diese Weise großartig, und sein möglicher "Erbe" Iwanow gleich noch mit. Aus westlicher Sicht wird diese Art von Politik natürlich völlig anders interpretiert.

Was interpretiert denn der Westen anders?

Es handelt sich vor allem um die Raketenabwehr. In Deutschland und anderen europäischen Ländern hört man nichts davon, dass zu befürchten sei, Amerika stelle seine eigene Raketenabwehr auf und richte sie gegen Europa. Auf diese Idee würde dort niemand kommen. Alle verstehen, dass sich die Raketenabwehr tatsächlich gegen mögliche Potentiale Nordkoreas, des Irans oder anderer Länder richtet, die sich wie Hooligans aufführen. Das einzige, was in Deutschland meiner Meinung nach diskutiert wird, ist die Frage, wie Russland reagieren wird – dass man vielleicht "das kranke Tier" in Ruhe lassen und keinesfalls ärgern sollte, weil es unangemessen reagieren könnte.

Offensichtlich hat man Putin bereits verärgert. Der russische Präsident erklärte, die russischen Militärs könnten nach der Stationierung einer amerikanischern Raketenabwehr in Polen und Tschechien neue Ziele in Europa anvisieren. Ist dies als Drohung zu werten?

Natürlich, aber das ist wie eine autistische Drohung. Die Menschen kochen sozusagen im eigenen Saft. Sie erfinden eine Bedrohung und zerstören sie auf fantastische Weise wieder. Diese Maßnahme wird nichts zu dem hinzufügen, was bereits besteht. Russland verfügt über genug Raketen mit Mehrfachsprengköpfen, die jede Raketenabwehr in Europa durchdringen könnten. Hier gibt es nichts Neues.

Putin hat erklärt, dass die Stationierung einer amerikanischen Raketenabwehr in Europa zu einem neuen Wettrüsten führen wird. Stimmen Sie dem zu?

Nein. Putin sagt doch selbst, dass die Antwort asymmetrisch sei, dass Russland keine Ressourcen für eine Abwehr dessen verschwenden werde, was die Amerikaner aufbauen wollen. Deswegen kann man von einem symmetrischen Wettrüsten nicht sprechen. Unerfreulich ist, dass Russland immer weniger mit den demokratischen Werten übereinstimmt, auf deren Grundlage sich Europa vereinigt und mit Amerika verständigt. Von daher kommt die Rhetorik wie in Zeiten des Kalten Krieges.

Das Gespräch führte Andreas Brenner
DW-RADIO/Russisch, 4.6.2007, Fokus Ost-Südost