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Amerika

Exil-Ukrainer in den USA fürchten Eskalation auf der Krim

Die Krim hat für Russland votiert, doch die USA erkennen das nicht an. Republikaner John McCain will die Krim sogar zurückgewinnen. Die Exil-Ukrainer in Washington fürchten vor allem eins: noch mehr Blutvergießen.

Sie beten für die Ukraine, 8500 Kilometer von der Krim entfernt, Russen und Ukrainer Seite an Seite, im Gottesdienst der russisch-orthodoxen Kirche St. John The Baptist in Washington. Die Entscheidung der Krim-Bewohner, der Ukraine den Rücken zuzukehren, sorgt in der Kirchengemeinde für gemischte Gefühle. "Ich hoffe, dass es jetzt kein weiteres Blutvergießen gibt", sagt eine gebürtige Ukrainerin. Doch für das Votum auf der Krim hat sie Verständnis. "Die meisten Menschen, die dort leben, empfinden sich als Russen", weiß sie.

Sie habe viele Freunde in der Krim-Großstadt Sewastopol. "Sie fühlen sich als Russen. Wenn ich sie jemandem als Ukrainer vorstelle, sind sie beleidigt", meint die junge Frau. "Ich denke, es ist für sie ganz natürlich, dass sie zu Russland gehören wollen." Ihre russisch-amerikanische Freundin stimmt ihr zu. Für Putins Anliegen auf der Krim hat sie volles Verständnis. Er sorge sich um die Menschen auf der Krim, sagt die Frau leise, aber selbstbewusst. "Ich denke, es ist gut, sich zu vereinigen. Das macht die Region stark."

"Ich will da keinen Krieg"

Doch es könnte sie auch schwächen, fürchtet ein anderer Wahl-Amerikaner aus Kiew. Dann nämlich, wenn die Vereinigung der Krim mit Russland Risse an anderer Stelle verursacht - zwischen ethnischen Gruppen etwa. Er sorgt sich um seine Verwandten und Freunde zu Hause. "Meine Eltern leben in Kiew. Ich will da einfach keinen Krieg", meint er. "Ich hoffe, dass die Leute jetzt vernünftig genug sind. Und dass keine Extremisten das Ruder übernehmen - auf beiden Seiten."

Priester Victor Potapov (DW/Antje Passenheim)

Priester Victor Potapov

Das ist auch die Angst von Priester Victor Potapov. Mit dem Anschluss der Krim an ihre ursprüngliche Heimat Russland habe er kein Problem. Schließlich habe die Krim 300 Jahre zu Russland gehört, bevor Nikita Chruschtschow die Halbinsel im Schwarzen Meer 1954 ganz einfach der Ukraine schenkte. Doch das Referendum vom Sonntag könnte einen Dominoeffekt haben, fürchtet der Geistliche. "Ich habe Angst davor, dass die Menschen in den ostukrainischen Städten Donetsk oder Lugansk es nachmachen könnten. Dass sie auch ein Referendum haben wollen." Das, meint der Priester, könnte eine gefährliche Wendung nehmen.

Kritik an US-Politik

Der Geistliche verkörpert die beiden Seiten des Konflikts wie kaum ein anderer. Nicht nur, dass er eine ethnisch gemischte Gemeinde betreue. Nicht nur, dass er halb Russe, halb Ukrainer sei. Er habe auch zwei Heimaten, erklärt er: Eine spirituelle in Russland. Und eine in dem Land, in dem er lebe und das er so liebe: die USA.

Doch fremd sei ihm die Art, mit der Washington Präsident Putin so einseitig als Aggressor abstemple. "Es gibt eine Doppelmoral", meint Pfarrer Victor. "Amerika kann Drohnen abschießen, wo immer es will - ohne dafür bestraft zu werden. Amerika darf Kriege beginnen. Wir können über zehn Jahre Afghanistan besetzen. Und was bekommen wir dafür?"

McCain: "Krim zurückgewinnen"

So sieht es die US-Regierung ganz und gar nicht. In einem Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Lawrow betonte der amerikanische Außenminister Kerry: Washington sieht das Referendum als illegal und erkennt das Ergebnis nicht an. Und der konservative Senator John McCain wiederholte im Fernsehsender CNN seine Forderung, die Ukraine militärisch zu unterstützen, um ein mögliches weiteres Vorrücken russischer Truppen zu verhindern.

Die Krim sei zwar vorerst an Russland verloren, gab McCain zu. Aber nun gelte es zu verhindern, dass Putins Truppen weiter vorrückten. "Ich würde gerne langfristige Verpflichtungen und Hilfszusagen sehen, um Freiheit und Demokratie in der Ukraine zu sichern", so McCain. "Das beinhaltet auch, die Krim mit der Zeit zurückzugewinnen. Das ist unser Ziel." Die Obama-Regierung hat einer Militärhilfe jedoch eine Absage erteilt. Sie will der Ukraine vor allem diplomatisch und finanziell zur Seite stehen.

Die Krim als Vorspiel?

Vor negativen Folgen für die Krim durch das Referendum warnt der pensionierte amerikanische Bundesrichter Bohdan Futey. Der Jurist, der sein Geburtsland Ukraine nach der Abspaltung von der Sowjetunion beim Schreiben seiner Verfassung beriet und dort auch als Wahlbeobachter eingesetzt war, spricht von einem durch und durch illegalen Akt - ob nach ukrainischer Verfassung oder Internationalem Recht.

Iryna Fedets (Foto: DW/Antje Passenheim)

Iryna Fedets von der Washingtoner Stiftung "Heritage Foundation"

Und er warnt vor den Folgen für die Krim-Bewohner selbst: "Vergessen wir nicht: Die Krim hat weder eine eigene Wasser- noch eine Stromversorgung", so Futey. Er wolle nichts vorwegnehmen. "Aber: um ihre Wasser- und Gasversorgung zu sichern, müssen sie mit der Ukraine verhandeln." Futeys große Sorge: Die Übernahme der Krim könnte für Putin das Vorspiel für den Ostteil der Ukraine sein. "Das würde die EU, die NATO-Staaten und die ganze Welt vor ein großes Problem stellen", meint er.

Sorge um Ostukraine

Für die Ukrainerin Iryna Fedets, Mitarbeiterin der konservativen Washingtoner Stiftung "Heritage Foundation", ist das Ob gar keine Frage mehr. "Eine russische Invasion in der Ostukraine ist eine Frage der Zeit und des Auslösers", meint sie.

Es sei wichtig, dass der Westen alle diplomatischen Möglichkeiten ausschöpft, um eine friedliche Lösung zu fördern. "Wir müssen Russland als Aggressor betrachten", meint die Politologin. Es komme aber darauf an, Putin keinen Anlass zum Eingreifen zu geben. Gewalttätige Eskalationen wie etwa zuletzt in der Stadt Donetsk müssten deshalb vermieden werden, mahnt sein.

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