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Europa

Ex-Prostituierte hilft Sex-Sklavinnen

Die Vereinten Nationen schätzen, dass weltweit 1,5 Millionen Menschen als Zwangsprostituierte arbeiten müssen. Menschenhändler verkaufen Sex-Sklaven nach Europa. Eine befreite Sklavin in Italien erzählt.

Symbolbild Prostitution (Foto: dpa)

Alles, was Isoke Aikpitanyi sich wünschte, war ein besseres Leben. Ein Leben ohne die anstrengende Arbeit als Verkäuferin auf einem Markt in ihrer nigerianischen Heimatstadt Benin. Deshalb nahm sie das verlockende Angebot eines Anwalts aus Lagos an, ihr illegale Ausreisedokumente und auch noch einen Job in einem schicken Laden in London zu beschaffen. England war das Land der Verheißung, aber dann merkte Isoke Aikpitanyi irgendwann, dass sie die zwielichtige Schleuserbande hinters Licht führte: "Ich wurde nach Italien verkauft. Ich könne dort in einem Supermarkt arbeiten und wenn ich gut wäre, könne ich weiter in Europa arbeiten."

Endstation: Straßenstrich

Demonstration von Migranten (Foto: dpa)

Migranten demonstrierten im März für mehr Rechte in Italien

Doch als Isoke Aikpitanyi über Umwege aus Nigeria in Italien ankam, gaben ihr die Schleuser einen Büstenhalter und einen knappen Schlüpfer. In einem Vorort von Turin wurde sie auf dem Straßenstrich zusammen mit anderen spärlich bekleideten Mädchen gezwungen, ihren Körper zu verkaufen, erzählt Isoke Aikpitanyi: "Mehr als zwei Jahre musste ich in Italien auf der Straße arbeiten. Sie sagten, ich müsse 30.000 Euro Schulden abbezahlen. Jeden Tag kamen die Geldeintreiber zu den Prostituierten. Im ersten Monat weigerte ich mich zu zahlen. Doch dann wurde eine meiner Kolleginnen ermordet, weil sie nicht zahlen wollte. Von da an habe ich gezahlt."

Ausstieg nach zwei Jahren

Nach zwei Jahren wollte sich Isoke Aikpitanyi die Ausbeutung nicht mehr gefallen lassen. Ihre Zuhälter schlugen sie und stachen sie nieder. Sie fiel ins Koma, aber sie überlebte. Nach Monaten im Krankenhaus war für sie klar, dass sie sich nie wieder versklaven lassen wollte. Sie gründete eine Selbsthilfe-Organisation und schrieb ein Buch über ihre Leidensgeschichte: "Die Mädchen aus der Stadt Benin. Sklavenhandel auf den Straßen Italiens".

Afrikanische Flüchtlinge (Foto: DW)

Mit dem Boot übers Mittelmeer: Afrikanische Einwanderer

Die italienische Journalistin Laura Maragnani half Isoke Aikpitanyi, das Buch zu verfassen. Sie interviewte weitere 50 Frauen, die zur Sex-Arbeit gezwungen wurden. Laura Maragnani sagt heute, diese Interviews hätten ihr eine Hölle beschrieben, von der außerhalb der Prostituierten-Szene niemand etwas sehe: "Die Einstellung in Italien lautet, diese Mädchen seien obszön, halbnackt und anstößig. Die Polizei bestraft sie und ihre Kunden. Die meisten Menschen wollen nichts davon wissen."

Viele kehren zurück zu den Peinigern

Die Journalistin hat erfahren, dass viele Mädchen, die den Absprung geschafft hatten, irgendwann wieder ins Millieu zurückkehren. Oder sie werden in ihre Heimatländer abgeschoben, was noch schlimmer sei, da sie dort als Aussätzige gelten oder gar getötet würden. Einige Frauen, die wieder in die Prostitution einstiegen, würden sich aus Not in Italien sogar zu Hilfszuhälterinnen machen lassen und andere neue Mädchen ausbeuten, berichtet Laura Maragnani. "Das ist ein Teufelskreis, den niemand versteht und durchbrechen möchte."

Wurzeln bekämpfen

Die internationale Organisation für Entwicklungsrechte in Rom fordert härtere Strafen für Schlepper und Zuhälter. Ilaria Bottigliero arbeitet als Anwältin für die Menschenrechts-Organisation. Sie will erreichen, dass Aussteigerinnen Hilfen bekommen: "Wir brauchen Wiedereingliederung, damit diese Frauen als Opfer von den kriminellen Zuhälterringen wegkommen und nicht von der Regierung abgestempelt werden." Den Nachschub an illegal einreisenden Sex-Sklavinnen könne nur stoppen, wer das Übel an der Wurzel packe, so die Anwältin weiter. Die wesentliche Gründe für den Weg nach Europa seien Armut und mangelnde Bildung: "Viele Mädchen würden ja zur Schule gehen, wenn man sie in Nigeria nur ließe. Als Frauen haben sie dann keine Rechte auf Scheidung, rechtliches Gehör oder auf Erbe und Vermögen."

Raus aus dem Teufelskreis

Isoke Aikpitanyi ging vor genau zehn Jahren den Menschenhändlern in die Falle. Jetzt ist sie 30 Jahre alt und möchte ihr Leben in Italien verbringen, trotz aller schlimmen Dinge, die sie hier erfahren hat. Sie hilft anderen Aussteigerinnen, ein neues Leben zu beginnen: "Wir müssen ihnen ihre Würde zurückgeben. Sie müssen wissen, dass es eine Chance gibt, aus dem Teufelskreis auszubrechen."

Autorin: Megan Williams (Rom)
Redaktion: Neil King, Bernd Riegert

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