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Fokus Osteuropa

Ex-Jugoslawien: NGOs bündeln Kräfte bei Vergangenheitsbewältigung

Aktivisten aus Bosnien, Kroatien und Serbien haben gemeinsam die Initiative „Documenta“ gegründet. Zusammen verfolgt man zwei Ziele: Aufklärung und Versöhnung. Dabei nutzen die NGOs auch deutsche Erfahrungen.

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Berliner NS-Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" Beispiel für Südosteuropa?

Die schmerzliche Erfahrung der Jugoslawien-Kriege der 1990er Jahre hat gezeigt, dass nicht aufgearbeitete Kriegsverbrechen missbraucht werden können, um neue Konflikte zu schüren. Das wurde schon im Vorfeld der Balkankriege deutlich. Damals hatten nationalistische Kriegstreiber aller Couleur Opferzahlen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs für ihre jeweiligen Zwecke manipuliert, um Angst zu verbreiten und Stimmung für einen neuen Krieg zu erzeugen. Die eigene Nation wurde dabei stets als Opfer dargestellt. Man sprach von alten Rechnungen, die es zu begleichen galt.

Lehren aus der Vergangenheit

Daraus zogen Aktivisten von Friedens- und Menschenrechtsorganisationen aus Bosnien, Kroatien und Serbien eine Lehre und gründeten nun gemeinsam „Documenta - Zentrum für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“. Das Projekt habe sich der Feststellung der Tatsachen verschrieben, sagt die Leiterin des Zentrums, Vesna Terselic aus Zagreb: „Damit wollen wir die Lügen über die Umstände des Todes der Ermordeten bekämpfen.“ Wenn man verdränge, die Verbrechen zu verstecken versuche oder in der Öffentlichkeit darüber nicht sprechen dürfe, werde dies zur Quelle ständiger Spannungen, sagt Terselic. Sie fügt hinzu: „Man kann nicht von einer stabilen Entwicklung sprechen, so lange die Verbrechen verheimlicht werden und nicht dokumentiert sind.“

Fakten und Zahlen

Deswegen werden Zeugen befragt, Dokumente gesammelt, Geschehnisse akribisch rekonstruiert. Es werden Listen mit Namen der Getöteten erstellt, die Umstände der Verbrechen beschrieben und Orte aufgelistet, an denen Vermisste zum letzten Mal lebend gesehen wurden. Erst wenn die Fakten bekannt seien, könne man einen Dialog über deren Interpretation führen, glaubt man bei Documenta. Das soll die Grundlage für eine neue Zukunft bilden, betont Mirsad Tokaca, Leiter der NGO „Forschungs- und Dokumentationszentrum“ aus Sarajewo: „Die Bürger haben ein Recht auf die Wahrheit und natürlich auch ein Recht auf Gerechtigkeit. Das ist ein Prozess mit dem Ziel der Versöhnung.“ Wichtig dabei sei die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina. So wie der Krieg aus der gemeinsamen Vergangenheit hervorgegangen sei und das ganze Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens umfasst habe, so müsse auch die „Vergangenheitsbewältigung" ein gemeinsames Anliegen sein.

Regierungen am Zug

Nichtregierungsorganisationen haben damit kein Problem. Das zeige das gemeinsame Projekt Documenta, betont Natasa Kandic, Leiterin der serbischen Menschenrechtsorganisation „Fonds für humanitäres Recht" aus Belgrad: „Es ist eine große Sache, dass die Zivilgesellschaft in den postjugoslawischen Ländern sich länderübergreifend zusammengeschlossen hat. Mit der Documenta haben wir ein Netzwerk der NGOs, eine regionale Initiative, die viele unterstützen. Wir hoffen, damit einen Konsens über die gemeinsamen historischen Fakten zu erreichen, damit man sich nie mehr streiten wird.“

Die NGOs können die gesamte Versöhnungsarbeit nicht allein leisten. Sie hoffen auf die Unterstützung der Regierungen, die sich in dieser Frage bisher eher zurückhalten. Noch immer würden Kriegslegenden für tagespolitische Zwecke benutzt, sagt Vesna Terselic. Deswegen wolle Documenta jetzt die Gründung einer regionalen Wahrheitskommission vorantreiben: „Es geht darum, den Opfern eine Möglichkeit zu geben, ihre Geschichte zu erzählen und eine regionale Öffentlichkeit dafür zu schaffen. Aus Erfahrung wissen wir, dass das Interesse dafür groß ist. Die Menschen wollen hören, was passiert ist.“

„Deutsche Erfahrung lehrreich“

Es geht um einen langwierigen Prozess, das ist allen Beteiligten klar. Eine Kultur der Verklärung soll in eine Kultur der Erinnerung verwandelt werden – keine einfache Aufgabe. Doch dass es möglich sei, zeige das Beispiel Deutschland. Hier sei man weit fortgeschritten in der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Um aus den deutschen Erfahrungen im Umgang mit den Naziverbrechen zu lernen, wurde jetzt eine Studienreise nach Deutschland unternommen. Vertreter von Documenta besuchten unter anderem das ehemalige KZ Buchenwald bei Weimar und die Berliner Gedenkstätte „Topographie des Terrors“. Eine wichtige Erfahrung, sagt Natasa Kandic. Man habe sehen können, „wie die historische Erinnerung geschaffen und die Verantwortung für das Geschehene von einer zur nächsten Generation weitergegeben wird. Man konnte auch lernen, wie die Erinnerung an diejenigen wach gehalten wird, die mutig und integer genug waren, um Widerstand zu leisten. Die deutsche Erfahrung ist für uns sehr wichtig und sehr lehrreich.“

Autor: Zoran Arbutina

Redaktion: Birgit Görtz

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