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Missbrauch in der katholischen Kirche

Ex-Domspatz Probst: "Ich habe meinen Frieden gefunden"

Alexander Probst wurde als Kind bei den Regensburger Domspatzen missbraucht. Anlässlich des Abschlussberichts, der an diesem Dienstag in Regensburg vorgestellt wurde, blickt er im DW-Gespräch zurück - ohne Zorn.

Alexander Probst (Foto: Picture Alliance)

Alexander Probst ist Teil des Aufarbeitungsgremiums, wirkt in der Position aber nicht an dem Untersuchungsbericht mit

Ab 1968 besucht Alexander Probst als Drittklässler die Vorschule der Domspatzen. Seine Mitschüler und er erleben in dem Internat des Chores jeden Tag Demütigungen, Prügel, Misshandlungen. Nach zwei Jahren wechselt Probst an das Musikgymnasium.

Dort drängt ihn ein Erzieher in dessen geheime Gruppe: Der Erzieher trifft sich mit Jungs, mit denen er Bier trinkt, raucht und Pornos schaut. Kurz darauf kommt der Mann quasi jede Nacht in den Schlafsaal, greift unter die Decke des Elfjährigen und vergeht sich an ihm. Weit mehr als hundert Mal, wie Probst schreibt. Als er gegen Ende des Schuljahres seinem Vater von dem sexuellen Missbrauch berichtet, nimmt dieser ihn sofort von der Schule.

Jahrzehnte später, 2010, entschließt sich Probst als Erster öffentlich zu machen, was ihm bei den Domspatzen angetan wurde. Für Probst und andere Betroffene beginnt ein Kampf um die Anerkennung ihres Leids. Anfang des Jahres veröffentlichte er ein Buch, in dem er  die Erlebnisse während seiner Kindheit aufarbeitet.

Alexander Probst (Privat)

Alexander Probst als Regenburger Domspatz

Deutsche Welle: Das Bistum Regensburg legt am Dienstag seinen Abschlussbericht zu den Missbrauchsfällen bei den Regensburger Domspatzen vor. Sie haben Ihre Erlebnisse bereits vor sieben Jahren öffentlich gemacht. Wie geht es Ihnen?

Alexander Probst: Ich selbst habe meinen Frieden gefunden. Das bedeutet auch, dass ich der Gegenseite den Frieden zubillige. Ich werde helfen, wenn ich helfen kann, aber es ist jetzt nicht mehr mein Lebenszweck. Und damit geht es mir ganz gut.

Welche Erwartungen haben Sie an den Bericht?

Ich möchte wissen: Wie viele Domspatzen haben sich gemeldet? Wie viele Täter gab es insgesamt? Wie viele Fälle hatten die einzelnen Täter zu verantworten? Wie sieht es mit den finanziellen Leistungen der Kirche aus, sind die schon ausreichend? Ich hoffe für die Zukunft, dass dieser Bericht vielen Leuten Anregungen für die Prävention gibt.

Schon vor Ihrer Zeit bei den Domspatzen waren dort Missbrauchsfälle bekannt. Zwei Direktoren wurden sogar verurteilt. Auch später gab es vereinzelte Berichte über Missbrauch. Warum ist das 2010 so ein Skandal gewesen?

Es war nicht mehr wegzulügen. Die Möglichkeit der schnellen Nachrichtenübertragung und der Fakt, dass man heute alles nachlesen kann, führte dazu, dass die Kirche zwar noch versucht hat, das Thema auszusitzen, aber nicht mehr zurück konnte.

Sie hatten mit Anfeindungen auf verschiedenen Ebenen zu kämpfen: Der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller warf Ihnen unter anderem Denunziation der Kirche vor. Was haben Sie dabei empfunden?

Ich habe damals vor Wut richtig gekocht und es als beschämend gefunden, wie man mit uns umgeht und wie man ein Opfer für den eigenen Narzissmus instrumentalisiert. Dieser Mensch hat aktiv Täterschutz betrieben. So etwas ist demütigend und tut furchtbar weh. Es wurde dann fast noch schlimmer, als man den größten Bock zum Gärtner gemacht hat, als er dann Leiter der Glaubenskongregation wurde. Das ist schon fast lächerlich gewesen.

Papst trennt sich von Glaubenskongregation-Chef Müller (Picture alliance/dpa/A. Arnold)

Kardinal Gerhard Ludwig Müller - der Papst trennte sich erst kürzlich vom Chef der Glaubenskongregation

Das geschah 2012 unter Papst Benedikt XVI. Dieser berief Müller zum Präfekt der Glaubenskongregation. Der Mann, der die Taten in Regensburg verleugnete, war nun im Vatikan unter anderem für die Aufklärung von Missbrauchsfällen zuständig. Papst Franziskus hat Anfang Juli die Amtszeit von Müller nicht verlängert. Eine späte Genugtuung für Sie?

Man darf ja nicht böse sein, aber ich bin es trotzdem: Das ist nicht nur eine späte Genugtuung, ich sage einfach nur "Tschakka". Auch ich kann manche Dinge aussitzen, nicht nur die Kirche. Es war vollkommen klar, dass es so kommen musste. Er wird nicht begreifen, dass es eine Konsequenz aus seinem unsäglichen Verhalten und Versagen ist. Man hat sich mit dem Menschen eine Laus in den Pelz gesetzt. Er wurde dieser Stelle einfach nicht gerecht. Es passt ein wunderbarer Spruch, den ich kürzlich gelesen habe: Jetzt würde eine Seelsorgerstelle in der Antarktis zur Herzenswärme dieses Mannes passen. Herrlich!

Sie beschreiben eine Blockadehaltung der katholischen Kirche bei der Aufarbeitung. Wie hat sich das in den sieben Jahren entwickelt?

Anfangs war es für uns Betroffene ausschließlich ein Kampf. Erst als sich der neue Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, nach zweijähriger Amtszeit eingearbeitet hatte und merkte, es liegt etwas mehr im Argen als er wohl zuerst geahnt hatte, wollte er 2015 selbst mit uns zusammenarbeiten. Da begann es richtig gut zu werden.

Ein Jungenchor in kirchlichen Gewändern auf einem Chorpodest im Regensburger Dom (Foto: Picture Alliance)

Der Chor der Regensburger Domspatzen hat eine mehr als tausendjährige Geschichte

Wenn Sie den Fall der Regensburger Domspatzen in der Reihe der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche betrachten: Sticht der Umgang innerhalb der Kirche für Sie hervor?

Der Bundesbeauftragte für sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, sagte, es sei ein Meilenstein in der Geschichte der Aufarbeitung. Das haben wir allen Parteien zu verdanken. Den Betroffenen, die vorausschauend, gezielt und gut agiert haben. Auf zweiter Ebene dem Bistum, das sich dann bereit erklärt hat, mitzuarbeiten. Auf dritter Ebene muss man die absolute Unabhängigkeit betonen, die der Aufklärer, der Rechtsanwalt Ulrich Weber, bei seiner Untersuchung bewiesen hat. Ohne seine Neutralität wären wir nie so weit gekommen. Er hat sich nicht beirren lassen und hat sich zu keiner Seite zugehörig gefühlt.

Anfang des Jahres haben Sie ein Buch über Ihre Erlebnisse in der Kindheit und während der Aufarbeitung veröffentlicht. Was bedeutet Ihnen das Buch?

Mit dem Erscheinen ist das letzte Stückchen aus dem Weg geräumt, das mich noch belastet hat. Mein Ziel war, dass sich jeder seine Gedanken machen und tatsächlich präventiv handeln kann.

Sie sagten einmal, eine persönliche Entschuldigung sei Ihnen nicht mehr so wichtig. Warum?

Lange Zeit war es mein Wunsch, dass der Täter sich bei mir entschuldigen möge. Seitdem ich sehr viel mehr über ihn weiß, dass er sich zum Beispiel bis in die Neunziger Jahre noch an Kindern vergangen hat, wusste ich, dass eine Entschuldigung gar nicht möglich ist. Zum anderen hat Bischof Voderholzer um Verzeihung gebeten - obwohl er ja selbst nichts dafür kann. Dieses Gespräch war mir mehr wert als alle Entschuldigungen vergangener Täter.

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