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Ostmitteleuropa

"Ewiges Dahinvegetieren"

- Etwa 400 000 Menschen in Polen haben kein Dach über dem Kopf

Warschau, 15.04.2002 GAZETA WYBORCZA, poln.

"In der Sozialpolitik gibt es kein Programm zur Verhinderung der Obdachlosigkeit", behaupten private Organisationen, die sich um Obdachlose kümmern. Für dringend halten sie Änderungen in dem Gesetz über das Meldewesen und über Personalausweise. Der 14. April wurde in Polen zum Tag der Obdachlosen erklärt.

Die Organisationen weisen auch auf den Mangel an konkreten Gesetzen hin, die ihre eigenen Aktivitäten regeln sowie an Bestimmungen, die z.B. das Recht auf Arbeitsaufnahme ohne Meldenachweis betreffen. Die Obdachlosen erhalten praktisch nie irgendwo Arbeit, haben deswegen keine Rentenansprüche und sind darüber hinaus zum ewigen "Dahinvegetieren" verurteilt.

Auch der stellvertretende Bürgerbeauftragte Stanislaw Trociu weist auf Situationen hin, in denen die Rechte der Obdachlosen nicht respektiert werden. Auf die größten bürokratischen Hindernisse stoßen die Obdachlosen bei der Erstellung des Personalausweises, des Führerscheins oder der Inanspruchnahme von Leistungen im Bereich der Gesundheitsversorgung: "Die fehlende Anmeldung oder die fehlende Wohnung haben sehr oft zur Folge, dass die Obdachlosen Schwierigkeiten bekommen, die einem 'normalen' Bürger nicht widerfahren könnten", so Stanislaw Trociuk (....) "Der Bürgerbeauftragte hat bereits Schritte unternommen, die eine Änderung des Gesetzes über das Meldewesen und des Gesetzes über Personalausweise zum Ziel haben."

Marek Kotanski, der 170 "Markot"-Obdachlosenheime führt, in denen fast 15 000 Obdachlose untergebracht sind, sagte gegenüber der Polnischen Presseagentur PAP, dieser Tag sei eingeführt worden, um eine andere Seite der Obdachlosigkeit zeigen zu können. Er ist mit der Darstellung der Obdachlosen in den Medien nicht einverstanden. Sie seien darauf spezialisiert, die dunkelste Seite der Obdachlosigkeit zu zeigen: "Die Obdachlosen werden als Bewohner von Bahnhöfen und Kanalisationsrohren gezeigt, verlaust, schmutzig und aggressiv. Die Lage ist jedoch viel komplizierter", so Marek Kotanski.

Die Bewohner seiner Heime verfügten oft über ein großes intellektuelles und emotionelles Potential und versuchten sich selbst und den Anderen zu helfen: "Im Rahmen der Bekämpfung der eigenen Obdachlosigkeit bauen sie eine Infrastruktur für andere Hilfsbedürftige auf: Mit mir zusammen bauen sie u.a. Hospize für Krebs- oder Alzheimerkranke." Dieses Hilfsprogramm umfaßt allein in Warschau 5 000 Obdachlose.

Auch Danuta Zalewska, Vizevorsitzende der Arbeitsgemeinschaft des Verbandes Sozialer Organisationen, die sich mit dem Problem der Obdachlosigkeit an der Breslauer Universität beschäftigt, ist der Meinung, dass die Obdachlosigkeit "ein Syndrom, eine menschliche Lebenssituation" ist "und nicht nur aus dem Wohnungsmangel" resultiert.

Nach dem polnischen Recht wird als obdachlos eingestuft, wer "in keiner Wohnung lebt und nirgendwo ständig gemeldet ist".

Zu den Ursachen der Obdachlosigkeit in Polen zählt Danuta Zalewska vor allem materielle Gründe wie niedriges Einkommen, die hohen Wohn- und Nebenkosten sowie auch die Tatsache, dass viele Menschen auf der Suche nach Arbeit ihre vertraute Umgebung verlassen.

38 Prozent der Haushalte geben 30 Prozent ihres Einkommen aus, um die Wohnungskosten zu decken und 70 Prozent des Geldes wird für Energie ausgegeben. Nach Schätzungen des Hauptamtes für Statistik (GUS) sind etwa 43 Prozent der Haushalte aufgrund der hohen Wohnungsnebenkosten zahlungsunfähig. Die Verschuldung der Haushalte wächst ständig. "Diesen Menschen droht direkt die Obdachlosigkeit, da sie ständig mit Räumung rechnen müssen", sagte Danuta Zalewska. Sie sprach auch vom Mangel an entsprechenden Wohnungen und Sozialwohnungen: "Jeder zehnte Haushalt hat keine eigene Wohnung und 43 Prozent der Haushalte sind überbelegt.

Sie verwies auch auf das Fehlen geeigneter administrativer Lösungen. Zu den Einrichtungen, die meisten Obdachlosen "heranziehen", gehörten u.a. die Waisenhäuser (...). Verstärkt werden die Obdachlosenreihen auch durch entlassene Häftlinge, Süchtige und psychisch Kranke. "Immer öfter weisen Obdachlosenforscher darauf hin, dass die Zustände in der Familie, der Verfall der familiärer Bindungen, sexueller Mißbrauch, sowie die Tatsache, dass die Eltern im Gefängnis sitzen, die Hauptursache für die Obdachlosigkeit sind." (...)

Aus den Untersuchungen der Bresaluer Universität geht hervor, dass die Hälfte der obdachlosen Frauen unter Psychosen oder Neurosen leidet. (...)

Nach Ansicht von Stanislaw Trociuk gibt es in Polen 200 000 bis 300 000 Menschen, die nirgendwo gemeldet werden. Die Organisation Marko geht davon aus, dass es in Polen fast 400 000 Obdachlose gibt. In den offiziellen Angaben des Ministeriums für Arbeit und Soziales ist jedoch von lediglich 40 000 Obdachlosen die Rede. Die Pressestelle des Ministeriums betont jedoch, dass diese Angaben sich lediglich auf die registrierten Personen beziehen, die verschieden Leistungen in Anspruch nehmen. (Sta)

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