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Bildung

Europaweit Bildungsabschlüsse vergleichen

Was kann ein deutscher Abiturient? Welche Fähigkeiten bringt ein spanischer Mechatroniker mit? Antworten soll der Europäische Qualifikationsrahmen geben. Was er wirklich bringt, darüber scheiden sich die Geister.

Schülerin bei der Abiturprüfung (Foto: dpa)

Eine duale Ausbildung zum Industriekaufmann in Deutschland ist eine gute Sache. Und das Beste ist: Jeder Arbeitgeber kann mit diesem Abschluss etwas anfangen – deutschlandweit jedenfalls. Aber was ist, wenn der frisch gebackene Industriekaufmann sich im Urlaub in eine Spanierin verliebt, zu ihr nach Barcelona zieht und dort auf Bewerbungstour geht?

Kein Problem, sagen die europäischen Institutionen. Auch spanische Unternehmen sollen in Zukunft auf einen Blick sehen können, welche Qualifikationen ein Industriekaufmann aus Deutschland mitbringt. Der Schlüssel dazu ist der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR). Er soll als Übersetzungshilfe zwischen den europäischen Bildungssystemen fungieren und die nationalen Bildungsabschlüsse überall in Europa vergleichbar machen. "Es geht darum, die Transparenz zu erhöhen und die Mobilität von Arbeitnehmern auf dem europäischen Arbeitsmarkt zu stärken", sagt Friedrich Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn, das das Vorhaben unterstützt.

In Deutschland soll der EQR 2012 angewendet werden

Ein Schüler trägt sein Abiturzeugnis in der Hosentasche (Foto: Fotolia)

Was zählt mehr? Abitur ...

2008 haben die europäischen Institutionen den Europäischen Qualifikationsrahmen verabschiedet. Neun Staaten machen bereits mit, zum Beispiel Irland, Malta und Großbritannien. Vier weitere werden bald folgen, zu ihnen zählt auch Deutschland. Schon ab 2012 soll auf jedem Abschlusszeugnis in Deutschland die entsprechende EQR-Stufe verzeichnet sein – in Schule, Hochschule und beruflicher Bildung. Damit der verliebte Industriekaufmann sich seine Zeugnisse nicht erst für viel Geld ins Spanische übersetzen lassen muss.

Kernidee des EQR ist ein Modell mit acht Stufen. Stufe 1 beschreibt das niedrigste Ausbildungsniveau, Stufe 8 das höchste. Jeder nationale Bildungsabschluss soll einer bestimmten Stufe zugeordnet werden, der deutsche Industriekaufmann entspräche der Stufe 4, die Promotion der Stufe 8. Damit das System europaweit funktioniert, müssen alle Staaten zuerst ihren eigenen Referenzrahmen entwickeln. In Deutschland ist das der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR).

Kaum jemand in Deutschland hat vom EQR gehört

Das alles klingt sehr bürokratisch. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass kaum jemand in Deutschland je von EQR und DQR gehört hat. Die Bologna-Reform, die mit dem Bachelor und dem Master zwei international vergleichbare Hochschulabschlüsse anstrebt, wird in Deutschland seit Jahren von einer breiten Öffentlichkeit sehr kritisch begleitet. Über den Qualifikationsrahmen diskutieren hierzulande hingegen nur die Experten.

Angehende Kfz-Mechaniker (Foto: dpa)

... oder eine dreijährige Berufsausbildung?

"Dabei ist der Prozess längst überfällig", sagt Steffen G. Bayer, Referatsleiter Bildungsrecht beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin. Er sitzt, ebenso wie BIBB-Präsident Friedrich Esser, im Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen, der das Konzept maßgeblich entwickelt. Der DIHK, wie auch andere Vertreter der beruflichen Bildung in Deutschland, unterstützen grundsätzlich die Idee des Qualifikationsrahmens. Kein Wunder, stellt der doch zum Beispiel den nicht-akademischen Industriemeister auf dieselbe Stufe 6 wie den akademischen Bachelor-Abschluss.

Bürokratisches Monster oder sinnvolle Übersetzungshilfe?

Genau das ruft die Kritiker auf den Plan, allen voran den Deutschen Hochschulverband (DHV), die Berufsvertretung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland. Der Qualifikationsrahmen sei ein "bürokratisches Monstrum mit Scheingenauigkeit" kritisiert der Verband. Die Wissenskategorien, die der Rahmen aufstellt, seien nicht aussagekräftig genug. Ein zweiter Streitpunkt ist das Abitur, das die deutschen Kultusminister auf Stufe 5 sehen wollen, eine Stufe höher als eine dreijährige Berufsausbildung. Der reiselustige Industriekaufmann mit Berufserfahrung hätte dann das Nachsehen gegenüber dem Abiturienten, der bisher nur die Schulbank gedrückt hat.

Dass das Stufenmodell – trotz dieser Konflikte – bald gängige Praxis wird, davon ist BIBB-Präsident Friedrich Esser aber überzeugt. "Was dreißig Jahre lang in Sonntagsreden immer wieder betont worden ist, würde dann in die Tat umgesetzt werden – die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung in Deutschland."

Bald sollen auch informelle Qualifikationen zählen

Die Straße La Rambla in Barcelona (Foto: Barcelona Turisme)

Sprachkenntnisse kann man auch informell erwerben ...

Für den verliebten Industriekaufmann in Barcelona kann es in ein paar Jahren übrigens noch einmal spannend werden. Dann nämlich, wenn er mit seiner spanischen Freundin zurück nach Deutschland kommt und fließend Spanisch spricht. Denn langfristig sollen nicht nur formale Ausbildungen im Qualifikationsrahmen eine Rolle spielen, sondern auch informelle Kenntnisse, die man nicht über eine offizielle Ausbildung erworben hat. Ganz im Sinne des lebenslangen Lernens. Dazu zählen dann auch Sprachkenntnisse aus Spaziergängen auf der Rambla in Barcelona.

Autorin: Svenja Üing
Redaktion: Gaby Reucher