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Europas Werte und die Grenzen der Kultur

"GrenzenNiederSchreiben" lautet das kämpferische Motto der 2. Europäischen Schriftstellerkonferenz. 30 Autoren aus 30 Ländern treffen sich am 9. und 10. Mai in Berlin, um zu klären, was eigentlich Europa ausmacht.

Berlin Europäische Schriftstellerkonferenz 2016 Copyright: Dirk Bleicker

Moderatorin Shelly Kupferberg, Kefah Ali Deeb, Joanna Bator, Doris Kareva, Shumona Sinha (v.l.n.r.)

Eine Reihe war zunächst nicht geplant. Doch als man 2014, nach dem ersten unter der Ägide von Außenminister Frank-Walter Steinmeier veranstalteten Zusammentreffen europäischer Schriftsteller auseinanderging, war der "Traum von Europa" längst nicht ausgeträumt. Die Diskussion verlangte nach einer Fortsetzung. Was ist Europa, und wo hört es auf? Was sind europäische Werte, und für wen gelten sie? Was können die Worte und Erzählungen von Schriftstellern leisten in Zeiten von wachsendem Nationalismus und zunehmender Fremdenfeindlichkeit?

Die Verständigung über europäische Identitäten und Lebenswelten jenseits politischer und wirtschaftlicher Interessen ist dringend notwendig. Gemeinsam mit Frank-Walter Steinmeier ergriffen deshalb die Autoren Mely Kiyak, Nicol Ljubić, Tilman Spengler und Antje Rávic Strubel erneut die Initiative und luden 30 Schriftsteller aus ganz Europa nach Berlin ein. Zwei Tage lang diskutieren und lesen sie öffentlich, in der Akademie der Künste und im Deutschen Theater - ein Gespräch in vielen Sprachen, das auch jenseits der Podien intensiv geführt wird.

Die Kluft zwischen Wunsch und Realität

Berlin Europäische Schriftstellerkonferenz 2016, Außenminister Steinmeierim Gespräch mit den Initiatoren Copyright: Dirk Bleicker

Außenminister Steinmeier im Gespräch mit den Initiatoren

Der Titel sei zunächst eine Aufforderung zur Auseinandersetzung über Grenzen hinweg, eröffnete der deutsche Außenminister Steinmeier das Gespräch. Dabei gehe es vor allem um jene Grenzen, die nicht sichtbar sind: Unverständnis, Vorurteile, Ressentiments, Abgrenzungen, die immer wieder neue Trennlinien schaffen. "GrenzenNiederSchreiben", das bedeute anzuschreiben gegen "die Grenze zwischen dem Möglichen und dem Wünschbaren, das, was wir heute mit dem Traum Europa hoffentlich immer noch verbinden." Während "ein ganzes Krisengebräu von Finanz- und Wirtschaftskrise, Brexitdebatte und einer Flüchtlingsdebatte, die Europa gehörig unter Stress setzt" hochkoche, sei die Kluft zwischen Traum und Wirklichkeit in Europa heute vielleicht tiefer denn je, resümierte Steinmeier. Er appellierte deshalb an die europäischen Literaten und das, was er für ihre Kernkompetenz hält: "Sie machen die neuen Grenzen zu Ihrem Thema, den Stacheldraht, die Mauern aber auch die Bürokratie. Sie halten uns ein Bild unseres Kontinents vor Augen, in vielen Fragmenten, viel komplexer als die oft simple Darstellung, die wir aus unseren nationalen Debatten und Medien kennen. Wir brauchen den Perspektivwechsel, der unsere Sicht öffnet, auf uns selbst und auf unsere Nachbarn, diesen Blick durch Film, Literatur, Kunst, Theater."

Hat Europa seine Werte verraten?

"Haben wir unsere Werte angesichts von Ertrinkenden, Lagern und Zäunen nicht längst verraten?", fragt der in Kroatien geborene deutsche Journalist und Autor Nicol Ljubić. Beim Podiumsgespräch um europäische Werte kommt die Diskussion ebenfalls umgehend auf das Thema Flüchtlinge und die ganz konkreten, inzwischen fast unüberwindlich gewordenen Grenzen Europas."Mein persönliches Bild von Europa hat sich nicht grundlegend verändert", entgegnet die Syrerin Kefah Ali Deeb. Die Kinderbuchautorin und Künstlerin, die sich für den demokratischen Wandel in ihrem Heimatland einsetzte, kam 2014 als Asylsuchende nach Berlin. Zweifellos gebe es eine humanitäre Krise in der Welt, nicht nur in Syrien. Die Wertedebatte sieht sie nicht auf Europa beschränkt. Und sie dreht den Spieß um: Sie selber führt in Berlin Besucher durch die assyrischen Kunstsammlungen - und sieht sich immer wieder darin bestätigt, wie sehr die Kunst des Nahen Ostens Teil der europäischen Kultur sei.

Gibt es überhaupt so etwas wie europäische Werte? "Als Estland in die EU aufgenommen wurde, war es für mich so, als ob ich nach Hause käme", erzählt die vielfach preisgekrönte Lyrikerin Doris Kareva. Doch von einer auf Europa beschränkten Wertedebatte will sie nichts wissen. Zentrale Werte wie gegenseitiger Respekt seien universell. "Wir brauchen eine vielfältigere Sichtweise auf die Welt, in der wir leben."

Sprache als Heimat

Berlin Europäische Schriftstellerkonferenz 2016 - Shumona Sina Copyright: Dirk Bleicker

Shumona Sinha hat erlebt, wie es ist, wenn die Fiktion mit der Realität verwechselt wird

Shumona Sinha hat mit ihrem wütenden Roman "Erschlagt die Armen" in Frankreich für Furore gesorgt. Sie selber wurde in Kalkutta geboren und lebt seit 2001 in Paris. Nachdem sie ihren Roman über die unerträgliche Realität von Asylsuchenden veröffentlicht hatte, verlor sie ihre Anstellung als Dolmetscherin der französischen Einwanderungsbehörde. Worin besteht für sie die Attraktivität europäischer Werte? "Meine Heimat ist weder Indien noch Frankreich, sondern die französische Sprache", sagt Shumona Sinha. "Aber zu dem, was ich für die Werte Europas halte - Freiheit, Toleranz, Fortschritt, in Deutschland vielleicht auch die Ideologie von Marx und Engels, ein Leben ohne Grenzen und Barrieren - dafür muss man auch das richtige Gesicht haben. Ich werde nie Franzose sein. Das Blut definiert immer noch, wie europäisch du bist." Diesem nüchternen Fazit setzt sie ein poetisches Wunschbild entgegen: "Wo wir doch so allein im Universum sind - ich möchte einen Außerirdischen treffen."

"Wir haben versagt"

"1990 wollten wir Freiheit, einen Pass zuhause liegen haben, und Gleichberechtigung", erinnert sich die polnische Romanautorin Joanna Bator. Inzwischen müsse die Freiheit wieder gegen eine rechtsnationale Regierung verteidigt werden. "Aber wir als Schriftsteller und Künstler haben versagt. Wir haben nicht übersetzt, was in Syrien passierte, warum die Flüchtlinge zu uns kommen. Wir haben in Polen nicht genügend für die europäischen Werte geworben." Differenzierung gegen Populismus - ist Literatur unweigerlich politisch in Zeiten von Kriegen und Krisen?

Zu viel unterschiedlicher kultureller Input?

Diese Frage stellt sich auch Nir Baram aus Israel, Lawen Mohtadi aus Schweden, Mehmet Yashin aus Zypern und Jonas Lüscher aus der Schweiz, die die schwierige Aufgabe übernahmen, darüber zu sprechen, wieviel Zuzug die Kultur verträgt. Baraman führt den hybriden Zustand der israelischen Kultur an, die sich zunächst als europäische definierte, um sich dann in einem Land, in dem 90 Prozent der Bevölkerung arabisch sprechen, zu einer noch unstrukturierten "Kultur im Werden" zu wandeln.

Berlin Europäische Schriftstellerkonferenz 2016 Copyright: Dirk Bleicker

Moderator Thomas Böhm, Nir Barman, Lawen Mohtadi, Mehmet Yashin und Jonas Lüscher (v.l.n.r.)

Jonas Lüscher wendet sich gegen den provokant negativen Ton der Frage. Sein klares Statement: "Um unsere Kultur zu zerstören, brauchen wir nicht die Migranten. Das schaffen unsere Rechtsnationalen schon selbst." Viel interessanter sei vielleicht die Frage, wie viel Zuzug eine Kultur brauche, damit sie nicht in eine Monokultur versinke. "Die Vielfalt der Kulturen definiert Europa - das muss viel mehr propagiert werden!" Gegen den weit verbreiteten Gedanken, dass die Einwanderung von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Muttersprachen die bestehende Kultur eines Landes ungünstig beeinflussen würde, fordert er andere politische Narrative, verdeutlicht in einem Bild: "Die diffuse Angst vor dem nicht existenten Monster unterm Bett muss in eine Furcht vor Konkretem verwandelt werden. Dann kann man politisch damit umgehen."

Literatur als Brücke zwischen Kulturen

Der Tag bleibt einen Annäherung. Was europäische Kultur ausmacht, können auch Autoren aus so vielen Ländern nicht genau definieren. Am schönsten gelingt es ihnen in einem Manifest, das am Nachmittag und Abend des ersten Konferenztages vorgetragen wird. Konzentrische Kreise um das Thema Europa, könnte man die 34 politischen, literarischen oder poetischen Sentenzen der Schriftsteller und Moderatoren nennen. Doris Kareva findet die prägnanteste Formel: "Europa ist ein Archipel voller Wortbrücken."

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