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Wirtschaft

Europas Umgang mit der russischen Gas-Macht

Russland und der Westen befinden sich längst in einer gegenseitigen Sanktionsspirale. Russlands eigentliches Exportgut - Gas - blieb bislang unangetastet. Dabei könnte ein Gas-Stopp Europa empfindlich treffen.

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Debatte um Schiefergasförderung (27.06.2014)

Die Sanktionen des Westens hinterlassen in Russland deutliche Spuren: Die Wirtschaft wird 2015 nur noch halb so stark wachsen wie ursprünglich prognostiziert, nämlich ein Prozent statt zwei. Das verkündete das russische Wirtschaftsministerium Anfang dieser Woche. Grund seien die Folgen der Ukraine-Krise. Auch Russland hat auf die Sanktionen geantwortet und Gegenmaßnahmen ergriffen. Westliche Agrarprodukte dürfen nicht mehr importiert werden.

Europa braucht russisches Gas

Viel empfindlicher könnte Russland allerdings den Westen treffen, wenn es ans Eingemachte ginge - ans Erdgas. In Reaktion auf die Strafmaßnahme des Westens hatte das russische Außenministerium mitgeteilt, dass die Sanktionen "ein unüberlegter und verantwortungsloser Schritt" seien, der unweigerlich zu einem "Anstieg der Preise auf dem europäischen Energiemarkt" führen würde.

Im Gegensatz zu den USA, die dank Fracking unabhängig von Gasimporten sind, hängen die Europäer am Gas-Tropf Russlands. Ein Viertel des in Europa verbrauchten Gases stammt aus Russland. In Deutschland kommen gar 38 Prozent des verbrauchten Gases aus russischem Boden und einige südeuropäische Länder sind sogar zu 100 Prozent von Russland abhängig.

Ersatz nicht leicht zu finden

Die Sorge ums Gas wurde vom ukrainischen Regierungschef Arseni Jazenjuk am Mittwoch noch befeuert. Er behauptete, er habe Kenntnisse von Plänen, dass Russland der EU im Winter den Gashahn zudrehen wolle. Vom russischen Energieminister Alexander Nowak wurde die Behauptung umgehend dementiert.

Was aber passiert, wenn Russland den Gasstrom nun doch stoppt? "Kurzfristig wäre es ziemlich schwierig diese Größenordnungen an Gas zu substituieren", sagt Kurt Oswald Energieexperte der Unternehmensberatung A.T. Kearney gegenüber der DW. Aus Norwegen und den Niederlanden könnte zwar mehr Gas importiert werden, aber nicht so viel, dass ein russischer Gasausfall in vollem Umfang ausgeglichen werden könnte.

Auch mit Flüssiggas (LNG) wäre nicht das komplette russische Gas ersetzbar. Zwar gebe es in Europa die Infrastruktur Flüssiggas einzuführen, da die bestehenden Terminals nur zu 30 Prozent ausgelastet seien, aber: "Momentan ist eine Substitution des gesamten russischen Gases bei den derzeitigen Marktrahmenbedingungen faktisch nicht möglich", so Oswald. Die Preise seien zu hoch und es gäbe auch nicht genügend LNG auf dem Weltmarkt. Somit sei Europa "auf einer mittelfristigen Basis, also in den nächsten drei bis fünf Jahren, noch relativ stark von Russland abhängig."

Volle Speicher und langlaufende Verträge

Trotz dieser starken Abhängigkeit, gibt man sich in Europa gelassen. Die Gasspeicher sind in ganz Europa zu 86 Prozent gefüllt. Deutschland verfügt über die mit Abstand größte Speicherkapazität und hat seine Speicher zu 88 Prozent gefüllt. Das würde selbst dann über den Winter reichen, wenn die russischen Lieferungen komplett ausfallen würden.

Auch der Energiekonzern Eon beruhigt: Die Gaslieferungen aus Russland seien zum großen Teil über langfristige Verträge mit einem festgelegten Preis abgesichert, betonte Eon-Chef Johannes Teyssen. Er sei sicher, dass sich vertraglich festgelegte Preise nicht änderten, sie würden nicht einseitig nach "irgendwelchen politischen Wohlfühlkriterien" festgelegt. "Preissteigerungen sind nur bei neuen Verträgen möglich", hieß es Anfang August auch aus dem deutschen Wirtschaftsministerium. Man befürchtet keine Probleme bei den Gaslieferungen, beobachte die Situation aber genau.

Auch Russland hängt an Gasexporten

Auch Kurt Oswald glaubt nicht, dass Russland künftig seine Verträge brechen werde. Seit rund vier Jahrzehnten fließt russisches Gas stetig in den Westen. An seine Verträge habe sich Russland seit den ersten Gaslieferungen nach Europa immer gehalten, sagt Oswald. "Ich würde nicht davon ausgehen, dass Russland das relativ gute Image, ein zuverlässiger Lieferant zu sein, riskiert."

Zumal die Einnahmen aus dem Gasexport einen großen Teil des russischen Staatshaushaltes ausmachen. "Russland ist sehr stark abhängig von den Energielieferungen nach Europa", betont Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, DIW. "60 Prozent der russischen Staatseinnahmen kommen aus den Verkäufen von Öl, Gas und Steinkohle - ein Großteil durch das Geschäft mit Europa. Insofern würde sich Russland [bei einem Exportstopp, Anm. d. Red.] ins eigene Fleisch schneiden."

Nadelöhr Ukraine

Viel größer sei die Gefahr, dass die Ukraine kein Gas mehr bekomme, meint Kurt Oswald von A.T. Kearney. Die Ukrainer seien dann gezwungen, das Gas anzuzapfen, das nach Europa durchgeleitet werden soll. Im Endeffekt wäre der Effekt ähnlich wie bei einem Gas-Stopp für Europa, nämlich es käme deutlich weniger Gas aus Russland in Europa an.

Seit 2006 hat Russland der Ukraine bereits zweimal den Gashahn zugedreht. Die Gründe: Streit um Transitbedingungen und um Preise. Außerdem hatte Russland die Ukraine verdächtigt, Pipelines angezapft und das abgezweigte Gas nicht bezahlt zu haben. Und auch jetzt bekommt die Ukraine die Macht Russlands zu spüren. Seit Mitte Juni fordert Russland, die Ukraine solle erst ihre Schulden tilgen bevor wieder Gas geliefert werde. Kiew droht im Gegenzug mit einem Transitstopp für russisches Öl und Gas in die EU.

Schlichter im Einsatz

Russisches Gas in vollem Umfang an der Ukraine vorbeizuleiten ist bislang noch nicht möglich. Erst wenn die South-Stream-Pipeline weiter ausgebaut werde, könnten zusammen mit der Nord-Stream-Pipeline etwa 110 Milliarden Kubikmeter Gas von den 140 Milliarden Kubikmetern, die derzeit im Durchschnitt an Europa geliefert werden, an der Ukraine vorbei nach Europa geleitet werden, so Kurt Oswald. Das ist aber Zukunftsmusik.

So wird EU-Energiekommissar Günther Oettinger auch aus Eigeninteresse am Freitag in Moskau, wo er den russischen Energieminister Alexander Nowak treffen wird, zwischen Ukraine und Russland vermitteln, um deren Gasstreit zu lösen.

"Die Lage ist ernst", sagte Oettinger bei einer Balkan-Konferenz am Donnerstag in Berlin. Er erwarte zwar nicht, dass Russland oder das Transitland Ukraine den Gashahn zudrehten, die Wahrscheinlichkeit sei aber auch nicht gleich Null.

"Wir brauchen die Ukraine als Transitland [für Gaslieferungen nach Westeuropa, Anm. d. Red.], die Ukraine braucht Gas im Winter", sagte Oettinger am Donnerstag im deutschen Fernsehen. "In einem langen und kalten Winter hat die Ukraine nicht genügend Speichergas, nicht genügend eigenes Gas, und dann besteht die Gefahr, dass Gas gestohlen wird, auf dem Wege von Ost nach West einfach verloren geht."

Er werde für eine Zwischenlösung werben, so Oettinger. Für ein halbes Jahr sollen sich die beiden Streitparteien auf einen Interimspreis einigen bis das von beiden angerufene internationale Schiedsgericht in Stockholm den Streit geklärt hat.

Außerdem kündigte Oettinger an, die EU-Kommission werde den EU-Staats- und Regierungschefs Mitte Oktober ein Konzept zur Sicherheit der Energieversorgung vorlegen. Das werde für jedes Mitgliedsland sicherstellen, dass es dort warme Wohnungen gebe und die Finanzierung der Infrastruktur wie auch der Erhalt der Industrie in den Monaten November bis März gesichert bleibe.

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