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Musik

Europas ulkiger Songcontest - und Australien ist wieder dabei

Das Land, das AC/DC, INXS und Tame Impala hervorgebracht hat, schaffte es 2015 mit Guy Sebastian unter die besten Fünf beim ESC. Auch 2016 ist Australien wieder dabei. Julian Tompkin hat sich dort umgehört.

Es ist später Nachmittag in einem Pub in Perth - Australiens westlichster Stadt und selbsternannter "isoliertester Hauptstadt der Welt" (Hauptstadt des Bundesstaates Western Australia, Anm. d. Red.). Der Raum riecht nach gebratenem Fisch und abgestandenem Bier und aus der Jukebox in der Ecke dröhnt Highway to Hell von AC/DC. Drei Mittdreißiger mit gelockerten Krawatten trinken Bier, diskutieren über Football, die anstehenden Wahlen und - natürlich - den größten Skandal, der die Nation in den vergangenen Jahrzehnten erschüttert hat: Die Berufung des Radaubruders der 1990er-Jahre, Axl Rose von Guns N‘ Roses, zum Frontmann von AC/DC, Australiens erfolgreichstem Musikexport.

Portugal Lissabon Konzert AC/DC Axl Rose Rollstuhl

Axl Rose von Guns N' Roses und Angus Young von AC/DC

"Es ist einfach nicht richtig", ruft einer der Männer verzweifelt. "Er ist unzuverlässig. Und er ist nicht einmal Australier!" Einer seiner Freunde erinnert ihn sofort daran, dass der erst kürzlich zurückgetretene AC/DC-Sänger, Brian Johnson, Brite ist und momentan in Florida wohnt. "Ja was soll's … er war ein Australier im Herzen", zischt der Mann verzweifelt. Sein Freund hätte ergänzen können, dass der Großteil der Band aus in Europa geborenen Immigranten besteht.

Die Diskussion über das Thema kommt genau zur rechten Zeit, wenn man bedenkt, dass Australien in dieser Woche erneut an Europas größtem Songcontest teilnehmen möchte: Eurovision. Ich frage die drei Männer: "Was haltet ihr davon, dass Australien am Eurovision Songcontest teilnimmt?" "Ich finde es ein bisschen komisch", antwortet einer von ihnen, der sich als Nigel vorstellt. "Ich meine, wir sind nun wirklich keine nahen Nachbarn… obwohl ich eine Vorliebe für französischen Käse habe. Lass uns ehrlich sein: es ist witzig! Aber ich weiß nicht, ob ich mich damit wohlfühle, die Zielscheibe des Spotts zu sein."

Zwischen Skepsis und Euphorie

Der "Lachfaktor" steht seit Jahrzehnten im Zentrum von Australiens leidenschaftlicher Eurovision-Besessenheit. Ironisch überschwängliche Eurovision-Partys sind zum Nationalsport geworden. Aber hat die traurige Tatsache, dass das Land nun selbst an dem albernen Songcontest teilnimmt, die Stimmung des festlichen Spotts getrübt und dem Spaß ein Ende bereitet? Wohl eher nicht.

Australien Paul Clarke Direktor von Blink TV

Paul Clarke, australischer Eurovision Producer

Laut Paul Clarke, der die australische Eurovision-Delegation leitet, haben 2015 viele Australier mit Unsicherheit auf die Schocknachricht reagiert, ihr Land werde beim ESC in Österreich antreten. Aber das legte sich schnell, als die Veranstaltung näher rückte. "Wir konnten es anfangs nicht glauben, dass wir zu dieser Party eingeladen sind", schwärmt er von Australiens Debüt im letzten Jahr, bei dem Guy Sebastian seinen Titel "Tonight Again" sang. "Damit haben wir die Messlatte 2015 ziemlich hoch gelegt! Guy ist einer unserer beliebtesten Künstler und er hat einen perfekten Song für diesen Anlass geschrieben. In dieser Nacht fühlte es sich so an, als sei der Knoten geplatzt: Wir waren angekommen beim ESC. Als Guys Teilnahme in Australien angekündigt wurde, waren viele zwiegespalten, doch in der großen Finalnacht stand Australien hinter ihm."

Sebastian schockte mit seinem Platz unter den ersten Fünf sowohl Europa als auch Australien. In der notorisch schwankenden Abstimmung erhielt er von Schweden und Österreich jeweils 12 Punkte und von (Mutter) England satte zehn. Es war die erfolgreichste Eurovision-Ausstrahlung in der australischen Fernsehgeschichte - sie erreichte mehr als vier Millionen Zuschauer, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Außerdem war es drei Tage in Folge der populärste Twitter-Hashtag im Land.

Doch was für ein einmaliges Ereignis zur Würdigung des 60. Geburtstags des Songcontests und seiner globalen Tragweite gehalten wurde, kam plötzlich und unerwartet als Bumerang zurück. Australien wurde erneut eingeladen, beim diesjährigen ESC in Schweden teilzunehmen - auch wenn dieses Mal die Finalteilnahme nicht von Vornherein feststeht. In echter Eurovision-Manier wurde die australische X-Faktor-Gewinnerin Dami Im bei einer von Conchita Wurst moderierten Veranstaltung in der berühmten Oper von Sydney als diesjährige Teilnehmerin angekündigt. Im wird ihre Ballade "Sound of Silence" singen.

Nationalhymne

ESC 2016 Dami Im Australien

Sie wird für Australien beim Halbfinale am 12.05. den Song "Sound of Silence" performen: Dami Im

Für die meisten Australier ist es eine seltsame Wendung der Ereignisse und eine, die die Nation mit einer gewissen Beklommenheit aufnimmt. Wird Australien auch 2016 so herzlich empfangen? Oder werden nun die Samthandschuhe ausgezogen, da das Land eine echte Konkurrenz darstellt?

Der australische Musikjournalist Simon Collins, ein bekennender Eurovision-Verfechter, ist ein Stammgast des Events. Er war der erste australische Journalist, der für heimische Medien von vor Ort berichtete – damals vom Finale in Tallinn 2002. Seiner Meinung nach wird Russland in diesem Jahr dominieren, dicht gefolgt von Frankreich. Australiens Chancen seien hingegen schwer einzuschätzen. "Zwar finde ich das Lied nicht so gut wie das vom letzten Jahr, aber 'Sound of Silence' ist eine klassische Eurovision-Ballade und überdurchschnittlich, wenn man sie mit einigen der trostlosen Versuche in diesem Jahr vergleicht."

"Ich glaube, wenn wir weiterhin gut abliefern und unsere Kandidaten die Sache ernst nehmen, könnte Australien ein fester Bestandteil des ESC werden", sagt Collins abschließend, bevor er hinzufügt: "Aber ich wäre auch nicht am Boden zerstört, wenn wir nicht mehr mitmachen würden."

Takte zählen

Australien Guy Sebastian ESC 2015

Er wurde 2015 Fünfter: Guy Sebastian

Während die Tragweite des ESC bis nach Down Under vielen Europäern komisch erscheinen mag, verbirgt sich hinter diesem Spiel eine harte wirtschaftliche Logik. Australien liegt im Herzen der Region Australasien, dem vielleicht größten Fernsehmarkt der Welt.

"Letztes Jahr haben wir mit Eurovision über die Idee gesprochen, das Format auf Asien, den größten Musikmarkt der Welt, auszuweiten", verrät Paul Clarke. "Niemand möchte dem Event seine Besonderheit nehmen - wir wollen es lediglich an anderen Orten verbreiten. Diese Gespräche finden gerade mit einigen der großen Musiknationen und Fernsehnetzwerken Nordasiens statt… Ich kann mir den ESC als ein globales Ereignis vorstellen. Aber wir müssen sehen, ob der Rest der Welt das auch kann."

Ob Eurovision die FIFA Weltmeisterschaft der Songcontests wird, bleibt abzuwarten. In der Zwischenzeit hoffen die drei Männer im Pub, dass Australien seine Gelassenheit bewahrt: "Natürlich ist es etwas ganz anderes, wenn du mit anderen in Konkurrenz trittst", erklärt Nigel, die Stimmung der Nation zusammenfassend. "Aber hoffentlich können wir unsere Perspektive bewahren. Ich meine, das ist der ESC – das kann man nicht allzu ernst nehmen, richtig? Aber trotzdem, wenn ich ehrlich sein soll, hoffe ich, dass wir es wieder unter die besten Fünf schaffen – alles andere wäre furchtbar peinlich."

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