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Welt

Europas Schrottplätze in Westafrika

Elektroschrott ist weltweit der am schnellsten wachsende Müllsektor. Viel E-Abfall landet in Westafrika. Doch dort schadet das informelle Recycling Mensch und Umwelt, wie eine UN-Studie bestätigt.

Ein Junge sammelt Elektroschrott auf der Müllhalde Agbogbloshie in Accra/Ghana Foto: EPA/Jane Hahn

E-Müll: von Europa auf den Schrottplatz Agbogbloshie in Accra

Je mehr Elektronikgeräte auf den Markt kommen, desto mehr Elektroschrott gibt es. Doch der Müll bleibt nicht in den Industrienationen. Laut der Studie "Where are WEEE in Africa?“ des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) wächst in Westafrika der Anteil an Elektroschrott zunehmend. WEEE steht für "Waste electronic and electrical equipment", kurz Elektroschrott.

Das Problem ist nicht neu. Bereits im Jahr 2003 verabschiedete die Europäische Union eine Richtlinie zu Elektro- und Elektronik-Altgeräten, wonach schädliche Substanzen in Elektrogeräten verringert und bereits in Europa recycelt werden sollten. Bislang blieb die Initiative ohne merklichen Erfolg.

Anfang 2012 zog das Europäische Parlament nach und verabschiedete eine Novellierung der Elektroschrott-Richtlinie von 2003. In einer Pressemitteilung hieß es, dass es künftig schärfere Kontrollen illegaler Elektro-Schrott-Ladungen geben soll. Die Exporteure müssen in Zukunft nachweisen, dass Waren tatsächlich zur Reparatur oder zur Wiederverwendung ins Ausland versandt werden.

Spuren von Gold, Coltan, Kupfer

Computerteile auf dem Schrottplatz Agbogbloshie in Accra/Ghana Foto: EPA/Jane Hahn

Gold und Silber gibt es auch in Computern

In den von der UN-Studie untersuchten Ländern Ghana, Benin, Elfenbeinküste, Liberia und Nigeria entstehen nach Angaben der Forscher jedes Jahr zwischen 650.000 und einer Million Tonnen von inländischem Elektroschrott. Zusätzlich wird die Menge durch illegale Importe von Elektroschrott aus Europa erhöht. Funktionierende Geräte werden gemeinsam mit defekten Geräten exportiert, die später auf den Schrottplätzen afrikanischer Großstädte landen. Dort suchen tausende Menschen nach Spuren von Gold, Coltan oder Kupfer. Vor allem das Verbrennen der Isolierung von Elektrokabeln hat verheerende Konsequenzen für Mensch und Natur.

Ein Schrotthändler in Ghanas Hauptstadt Accra sagt, er sei schon länger krank. "Das Verbrennen der Kupferdrähte ist natürlich nicht gut für mich. Aber es ist meine Arbeit. Ich wüsste nicht, wo ich sonst hin sollte."

Viele der Arbeiter recyceln informell. Sie wühlen in den Bergen aus Handys, Computern und Laptops und entnehmen wertvolle Rohstoffe aus dem Inneren der Geräte. Meist sind es nur winzige Mengen an Gold, Silber oder Kupfer.

Die Müllsammler kommen häufig als Migranten aus den Nachbarländern. Sie haben den Spitznamen "scavengers“, Plünderer. Für das Sammeln und Zerlegen der Schrottteile sind häufig Kinder zuständig. Manche von ihnen sind erst fünf Jahre alt, beleget die UN-Studie. Durch die Verbrennungen des Mülls atmen sie toxischen Rauch ein. Aber nicht nur die Luft, auch das Trinkwasser ist gefährdet, denn über die Müllkippen gelangen giftige Stoffe in den Boden, wie der ghanaische Aktivist und Journalist, Emmanuel Dogbevi, erklärt. "Sie wissen nicht, wo das Wasser, das Sie zu Hause trinken, herkommt. Auch das Wasser, mit dem gekocht wird, könnte verseucht sein.“ Über das Wasser gelangen die gefährlichen Stoffe in die Nahrungskette. "Das Risiko betrifft also alle“, so Dogbevi.

Der meiste Schrott kommt aus Europa

Ein Junge trägt einen zerstörten Computer auf dem Kopf Foto: EPA/ Jane Hahn

Lukrativ: Handel mit Elektroschrott in Afrika

Ghana ist das zweitgrößte Importland für neue und gebrauchte Elektro-Geräte in Afrika. 2010 produzierte das Land laut der Studie der Vereinten Nationen rund 40.000 Tonnen Elektroschrott. Der Hauptexporteur Nigeria bezieht 85 Prozent seines Imports aus Europa. Hier steht Großbritannien an der Spitze.

Das Recycling von Elektroschrott ist für die Industrieländer ein Kostenfaktor. Zwar könnten die Staaten mit Metallen wie Coltan oder Kupfer wertvolle Rohstoffe gewinnen. Doch das sogenannte "urban Mining", das heißt die Gewinnung von Rohstoffen aus dem Recycling, lohnt sich in den Augen vieler Industriestaaten wirtschaftlich nicht, da die Mengen sehr klein sind. Die billigere Lösung ist, den Elektroschrott illegal nach Afrika zu verschiffen, wo er an kriminelle Händler verkauft wird.

2009 waren in Ghana knapp ein Drittel der eigentlich funktionstüchtigen gelieferten Elektrogeräte unbrauchbar und landeten sofort auf den Schrottplätzen der ghanaischen Städte Accra, Tema oder Kumasi. Laut Greenpeace werden die Geräte als gebraucht, aber funktionstüchtig ausgegeben, doch immer wieder stellt sich heraus, dass sie defekt sind.

Hoffnung auf Lösungen

Ein Junge sitz vor einer brennenden Müllhalde in Ghana. Foto: EPA/ Jane Hahn

Wertvoll aber giftig: Beim Verbrennen von Isolierungen verseuchen toxische Stoffe den Boden

In Ghana gibt es noch keine gesetzliche Lösung für das Problem. Der Journalist Dogbevi hat häufig über das Recycling auf den Schrottplätzen Ghanas berichtet. Er wünscht sich mehr soziales Engagement, um die Regierung unter Druck zu setzen. Vor allem müsste man die Bevölkerung aufklären. Doch viele seiner Kollegen haben ihm bereits den Rücken zugekehrt. "Leider bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich nicht mehr weiß, was wir noch tun können, um die Verantwortlichen zum Handeln zu bewegen.“

Doch die Novellierung der Elektroschrott-Richtlinie der EU könnte für Menschen wie Dogbevi ein Hoffnungsschimmer sein. Zusätzlich zu den angekündigten stärkeren Kontrollen des illegalen Schrott-Handels sollen die meisten EU-Mitgliedstaaten bis zum Jahr 2016 45 Tonnen Elektro-Schrott pro 100 Tonnen verkaufter Elektronikwaren selbst einsammeln. Für manche Warenkategorien soll die Recyclingrate sogar auf 80 Prozent steigen. Damit das Recycling einfacher wird, sollen die Produktionsmethoden verbessert werden. Auch will man in Zukunft in Europa tatsächlich wertvolle Rohstoffe durch die Weiterverarbeitung kaputter Geräte gewinnen. Damit die Richtlinie ins EU-Recht eingeht, muss der Europäischen Rat sie noch formal annehmen. Danach haben die EU-Mitgliedstaaten 18 Monate Zeit, die Richtlinie in ihre nationale Gesetzgebung aufzunehmen.

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