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Europa

Europas Jugend diskutiert über Menschenrechte

Die freie Meinungsäußerung und die Rechte Homosexueller sind Europas Jugendlichen besonders wichtig. Das wurde auf der Europäischen Jugendkonferenz der Menschenrechte in Nürnberg deutlich.

Die Freiheit der Gedanken, Religionsfreiheit und freie Meinungsäußerung, Bildung und die Annahme der Unschuld bis zum Gegenbeweis - diese Grundrechte wurden vor mehr als sechs Jahrzehnten bestätigt, als die UNO Vollversammlung am 10. Dezember 1948 in Paris die Allgemeine Erklärung der Menschrechte verkündete.

Diese grundlegenden Menschenrechte bilden heute die Eckpfeiler der modernen europäischen Gemeinschaft. Das heißt aber noch lange nicht, dass jeder Europäer die Strukturen versteht, die diese Gemeinschaft tragen.

"Wenn Sie jemanden auf der Straße nach EU-Organen fragen - sie kennen sie nicht", sagt die 20-jährige Alexandra Kotthaus. Es sei sehr wichtig, der Jugend eine Plattform zu geben, und damit die Möglichkeit, die Strukturen unmittelbar zu erleben, meint die Ko-Organisatorin der Europäischen Jugendkonferenz der Menschenrechte. Die Konferenz, die Kotthaus zusammen mit dem 23-jährigen Sebastian Gerbeth Anfang Dezember in Nürnberg auf die Beine gestellt hat, stand unter dem Motto "Rightfully yours." Fünf Tage diskutierten achtzig Jugendliche aus 16 europäischen Ländern über Themen wie Meinungsfreiheit, gleichgeschlechtliche Ehe oder die soziale und wirtschaftliche Integration der Roma in Europa.

Zu diesen heißen Eisen entwickelten sie eigene Vorstellungen. Etwa darüber, wie man in Europa den Schutz der Menschenrechte effektiver in Gesetze fassen kann. Ihre Vorschläge werden zwar nicht direkt in Gesetzesvorhaben einfließen - sie zeigen aber EU-Politikern deutlich, was junge Wähler denken.

Freiheit und Schutz abwägen

Migration und das Freizügigkeitsprinzip standen ebenfalls auf der Tagesordnung. Konferenzteilnehmer waren hin- und hergerissen: wie erreicht man ein Gleichgewicht zwischen dem Schutzangebot an Unterdrückte und Kriegsflüchtlinge unter gleichzeitigem Schutz der Grenzen und der Heimat?

Quelle: Pressestelle von der European Youth Conference 2012 zugeliefert von Helen Whittle

Fünf Tage lang wurde diskutiert

In ihrer Resolution riefen die Delegierten zu strengeren Grenzkontrollen auf durch eine Erweiterung von FRONTEX, der europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen. Den reisefreudigen Jugendlichen in Nürnberg ist Freizügigkeit dennoch wichtig, denn sie wissen, dass viele Menschen außerhalb der EU diese Freiheit nicht genießen.

"Das ist einer der Hauptgründe, warum ich hier bin", meint Raquel Robayo. Jeder sollte frei sein - Freiheit sei das Beste überhaupt, deswegen reise sie gern, sagt die 18-jährige Schwedin gegenüber der Deutschen Welle.

In Robayos Gruppe ging es um die Integration der Roma in Europa, ein Thema, bei dem die Meinungen auseinander gingen. Die Resolution der Arbeitsgruppe schlug ein Sozialnetzwerk für Roma in der EU vor, und unabhängig vom Personalausweis den allgemeinen Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und dem Arbeitsmarkt - ein Vorschlag, den die Mehrheit der Delegierten ablehnte.

Unterstützung für LGBT-Rechte

Erstaunlich einig war man sich, was die "LGBT-Rechte" (Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) angeht. In Zeiten von Cyber-Mobbing und daraus resultierenden Selbstmorden junger Homosexueller ist die psychische Verfassung ein wichtiges Thema für junge Leute, die sich sozialem Druck ausgesetzt sehen.

Quelle: Pressestelle von der European Youth Conference 2012 zugeliefert von Helen Whittle

Eine Plattform, um die Zukunft mitzugestalten

"Ich wußte nicht, dass mehr Leute unserer Altersgruppe Selbstmord verüben, wenn sie wissen, dass sie homosexuell sind", meint Raquel Robayo. Sie sei sehr erstaunt darüber in einer Welt, die auf gewisse Weise so offen sei.

Organisatorin Kotthaus ist sich mit vielen der Delegierten einig: Es sei entscheidend, die Rechte der LGBT-Community voran zu bringen. Sie sei schockiert gewesen von den Argumenten gegen eine Resolution für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare. "Ich dachte, Leute heute, vor allem Jugendliche, seien viel liberaler", meint sie. Aber gerade aus den osteuropäischen Ländern habe es sehr kontroverse Argumente gegeben, nach dem Motto: Homosexuelle könnten Kinder nicht so erziehen wie Heterosexuelle und sie sollten nicht das Recht haben zu heiraten.

Nach langen Debatten wurde schließlich die Resolution für die Gleichstellung homosexueller und heterosexueller Paare bei Adoptionen und eingetragenen Lebenspartnerschaften unter großem Applaus von der Mehrheit der Teilnehmer verabschiedet.

Grenzen ziehen

Quelle: Pressestelle von der European Youth Conference 2012 zugeliefert von Helen Whittle

Die Menschenrechte stehen zur Debatte

Man könnte meinen, für die jungen Delegierten der Generation Facebook sei Meinungsfreiheit eine Selbstverständlichkeit. Aber die Konferenzteilnehmer verstrickten sich bald in einem politischen und ethischen Minenfeld: Wo soll etwa die Grenze gezogen werden zwischen dem Recht, seine Meinung zu äußern und der Wahrung der nationalen Sicherheit? Oder wo endet die freie Meinungsäußerung und beginnt der Tatbestand der Holocaustleugnung?

Die Diskussion über die Meinungsfreiheit habe ihm gezeigt, wie heikel Diplomatie sein könne, meint Onur Can Ucarer. "Es gibt viele Grauzonen: Anti-Islam-Filme, Wikileaks, oder der Völkermord an den Armeniern", erzählt der 16-jährige Türke der DW. "Wir haben so ziemlich über alles gesprochen."

Ucarers Gruppe rief alle EU-Mitgliedsstaaten zu einem Verbot der Holocaustleugnung auf und forderte eine eigene Gesetzgebung für Völkermorde. Ihr Entwurf wurde jedoch abgelehnt. Jedes Wort einer Resolution könne lange Diskussionen auslösen, meint Ucarer, der die Tage in Nürnberg trotzdem als positive Erfahrung wertet. Es sei manchmal lästig, aber letztlich "finden wir Kompromisse und das ist eine gute Sache."

Gemeinsame Werte, ewige Freundschaft

Die Stadt Nürnberg ist von besonderer Bedeutung für die Menschenrechtsveranstaltung. Hier marschierten in den 1920er und 1930er Jahren die Nationalsozialisten auf. Nach dem Krieg folgten die Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher - eine historische Wende in der Geschichte des Völkerrechts.

Die Europäische Jugendkonferenz der Menschenrechte beschäftigte sich aber weniger mit der Vergangenheit als mit der Gegenwart. Solche Events, meint Ko-Organisator Sebastian Gerbeth, förderten Solidarität, erweiterten den Horizont und würden jungen Europäern dabei helfen zu erkennen, was sie verbindet.

"Es ist wichtig zu erkennen, dass junge Leute aus anderen Ländern auch nicht anders sind", erklärt Gerberth. Sie bekämen regelmäßig Feedback von Teilnehmern die sagten 'Wow, das sind ja Leute wie du und ich, sie leben nur in einem anderen Land, aber sie haben die gleichen Problem und die gleichen Interessen. Sie leben wie ich.'"

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