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Wirtschaft

Europas Gastransporteure gründen Verbund

Es gibt noch Grenzen mitten in Europa. Zumindest beim Gasnetz. Denn bisher kann Gas in Europa nicht frei fließen und gehandelt werden. Durch ENTSOG - einen neuen EU-Verbund der Gasnetzbetreiber - soll das anders werden.

Terminal der Gaspipeline Interconnector im britischen Bacton (Foto: dpa)

Terminal der Gaspipeline Interconnector im britischen Bacton

Die Probleme beginnen schon beim Geruch: Französisches Gas kann nicht ins deutsche Netz eingeleitet werden, weil in beiden Ländern unterschiedliche Verfahren angewendet werden, um es mit den gastypischen Geruchsstoffen zu versetzen.

Stephan Kamphues (l.) und Vittorio Musazzi (Foto: ENTSOG)

Stephan Kamphues (l.) bei der ENTSOG-Gründung mit ENTSOG-Manager Vittorio Musazzi

Damit der Gastransport in Europa in Zukunft einheitlich verläuft, steht jetzt Stephan Kamphues in der Verantwortung. Neben seiner Arbeit als Geschäftsführer bei E.ON Gastransport ist er seit dem 1. Dezember auch Präsident des gerade neugegründeten Verbundes der europäischen Gasnetzbetreiber, des so genannten ENTSOG (European Network of Transmission System Operators for Gas). Im Interview mit der Deutschen Welle sprach er von einer "einmaligen Chance für die Transparenz und den Wettbewerb auf dem europäischen Gasmarkt."

ENTSOG wurde auf Initiative der Europäischen Kommission gegründet und vereinigt 31 Gastransporteure aus fast allen Mitgliedsstaaten der EU. Sie sind es, die das Gas zu uns nach Hause pumpen, damit wir in Europa heizen und kochen können. Durch die Zusammenarbeit soll nun ein bindendes Regelwerk für den Gastransport entstehen. Das Ziel: Eine stabilere Versorgung und ein stärkerer Wettbewerb. Denn jeder Kunde kann zukünftig in ganz Europa einen geeigneten Gasanbieter frei wählen.

Knackpunkt ist der freie Zugang zu den Pipelines

Doch nicht alle sind davon überzeugt, dass durch ENTSOG alles besser wird auf dem Gasmarkt: "Letztendlich ist eben die Frage, wer diesen Verbund dominiert und welcher Geist dort einzieht", sagt Gero Lücking, Vorstandsmitglied der LichtBlick AG. "Wir brauchen eine neutrale Institution, die das Transportgeschäft von Erdgas wirklich als Dienstleistung betrachtet und der es egal ist, ob LichtBlick das Gas transportiert oder E.ON oder das Stadtwerk XY. Wichtig wäre es, diese Neutralität und diesen Dienstleistungsgedanken bei ENTSOG zu verankern."

Verlauf der Gaspipelines in Europa (Grafik: gie)

Knackpunkt beim Handel mit Gasprodukten ist der Zugang zu den Pipelines. Da die Europäische Kommission einen einheitlichen und freien europäischen Binnenmarkt will, müssen die europäischen Gastransporteure bereits heute unabhängig von den großen Energiekonzernen organisiert sein. Die Transporteure besitzen jeweils Teilstücke im riesigen Geflecht der europäischen Gaspipelines. Alleine oder in Gruppen bilden diese Teilstücke dann die so genannten Marktgebiete. Theoretisch kann dort jeder Anbieter Gas einspeisen und wieder entnehmen, je nach Bedarf. Doch vor allem die kleinen Gasanbieter klagen, dass sie Schwierigkeiten hätten, ihr Gas zu transportieren.

Nur eingeschränkte Transportkapazitäten für neue Anbieter

Gero Lücking, Vorstand Energiewirtschaft der Lichtblick AG (Foto: dpa)

Gero Lücking erwartet von ENTSOG vor allem Transparenz und Neutralität

LichtBlick hat unter den ehemaligen Monopolisten am Gasmarkt eine besondere Stellung. Bisher war das Hamburger Unternehmen vor allem als Ökostrom-Versorger aufgetreten. Als erstes Unternehmen versucht es nun, auch eine deutschlandweite Gasversorgung mit Biogas-Anteil aufzubauen. Biogas gilt als die klimafreundliche Alternative zum fossilen Erdgas. Weil es aus Biomasse gewonnen wird, gilt es als CO2-neutral.

Ein großes Problem bei der Vermarktung des Biogases sind nach Angaben von LichtBlick vor allem die fehlenden Transportkapazitäten: "Wenn man Transportanfragen macht, dann heißt es meist, die Rohre seien voll. Ob das stimmt, lässt sich nicht kontrollieren - das ist völlig intransparent. Und so kommt auch keine Bewegung in den Markt. Deshalb haben neue Anbieter wie wir es überproportional schwer."

ENTSOG-Präsident Kamphues widerspricht diesem Argument. Gerade Transparenz habe sich der Verbund auf die Fahnen geschrieben: "Wir veröffentlichen heute schon Kapazitäten an Grenzübergangspunkten aktuell im Netz. Das heißt: Wer will, kann sich das dort jederzeit anschauen."

Regulierung und Transporteure sitzen in einem Boot

Matthias Kurth (Foto: AP)

Matthias Kurth begrüßt die Gründug von ENTSOG

Verantwortlich für die Vermittlung bei Konflikten zwischen Gasanbietern und Transporteuren sind die Regulierungsbehörden. In Deutschland ist das beispielsweise die Bundesnetzagentur. Doch um den grenzüberschreitenden Gastransport in Europa zu stemmen, arbeiten Transporteure und Regulierungsbehörden eng zusammen. Die Gastransporteure helfen also gewissermaßen dabei, sich die eigenen Spielregeln aufzustellen.

Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur, betonte gegenüber der Deutschen Welle, dass diese Kooperation unumgänglich sei. Es gäbe aber keinen Grund zur Sorge: "Wir als Regulierer - sowohl hier in Deutschland als auch in Europa - werden die Regeln natürlich überwachen. Wir werden die erforderlichen Rahmenbedingungen vorgeben, insbesondere, wenn es um den Wettbewerb und Zugangsfragen geht."

Kurth begrüßt die Gründung von ENTSOG und ist davon überzeugt, dass der Gasmarkt sich in die richtige Richtung entwickelt. Die Situation habe sich gegenüber der Zeit ohne Regulierung deutlich verbessert, denn vor drei, vier Jahren hätte man seinen Gasanbieter als Privatkunde noch nicht einmal wechseln können. "Ich persönlich glaube, dass diese Entwicklung weitergehen wird. Wir wollen die Gasmarktgebiete noch einmal weiter reduzieren, dann haben wir ein einheitliches Gasmarktgebiet. In den letzten vier bis fünf Jahren hat sich im Gasmarkt mehr getan als in den 20 Jahren zuvor."

Vergleicht man den Gasmarkt allerdings mit dem Strommarkt, dann kommt der Handel bisher nur langsam in Schwung. Nur etwa 350.000 Haushalte in Deutschland haben im letzten Jahr den Gasanbieter gewechselt. Im Strombereich waren es über zwei Millionen.

Autor: Martin Heidelberger

Redaktion: Julia Elvers-Guyot

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