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Wissen & Umwelt

Europas Aufholjagd im Wettlauf ums All

Die USA ist Europa in Sachen Weltraumforschung um einiges voraus. Aber die ESA-Mitgliedsstaaten wollen zu den US-Amerikanern aufschließen. Sind staatlich-privatwirtschaftliche Kooperationen der richtige Weg?

Keine Frage: Es sind spannende Zeiten, um neue Raketen und Antriebssysteme für die Raumfahrt zu entwickeln. "Beispiellos" nennt Casey Dreier die aktuelle Situation, Direktor für Weltraumstrategien bei der nichtstaatlichen Organisation "The Planet Society". "Wir sind gerade in einer Phase von berauschender Begeisterung, und wahre Innovation erreicht man dann, wenn die Leute noch nicht wissen, was unmöglich ist."

Der Schlüssel zum Erfolg der USA in der Weltraumforschung sind private Unternehmen, erklärt Dreier. "SpaceX und Blue Origin haben die Pionierarbeit geleistet, und Planetary Resources [eine Firma für Asteroiden-Bergbau] hat sehr viel Geld von privaten Investoren sammeln können. Jetzt muss man fragen: 'Was ist eigentlich die Rolle der Regierung?'"

Die USA kann auf eine lange Geschichte des Unternehmertums zurückblicken, sagt Julian Guthrie, Autor des Buchs "How to make a Spaceship" über private Weltraumreisen. "Ich denke zum Beispiel an Burt Rutan, den berühmten Flugzeugdesigner, der ein geheimes Raumschiffprojekt in der Mojave-Wüste betrieb. Hätten er und sein Team die Regierung im Nacken gehabt, die ihnen Regularien auferlegt hätte, hätten sie nie das geschafft, was sie erreicht haben. Allerdings würden die meisten zahlenden Gäste nicht mit seinem Raumschiff fliegen wollen. Man will halt Kontrolle."

SpaceShipOne in der Mojave-Wüste (Getty Images/AFP/D. Benc)

SpaceShipOne, das 2004 den XPrize in Höhe von 10 Millionen Dollar gewann, wurde in der Mojave-Wüste entwickelt

Kein exklusiver Zugang zum Weltall

Aber egal ob mit staatlicher Aufsicht oder ohne, ob in der Wüste oder im Silicon Valley, US-Firmen haben Großes bewirkt, denn sie waren von Anfang an Teil des US-Weltraumprogramms. Die Mondlandefähre des Apollo-Programms, die auf dem Mond landete, wurde zum Beispiel von der Firma Grumman Corporation in New York entwickelt. Elon Musks Firma SpaceX fliegt jetzt Lieferungen zur Internationalen Raumstation. Und Jeff Bezos' Unternehmen Blue Origin ist so kurz vor der Entwicklung einer Trägerrakete, wie es seit der Entwicklung von Saturn V niemand mehr war.

Im Laufe der Jahre hat sich die Art und Weise der Kollaborationen zwischen der NASA und ihren Auftragnehmern verändert. In den Anfangstagen zahlte die NASA für alles und beanspruchte die entwickelten Techniken für sich. Heutzutage, so Dreier, agiert die NASA eher als Business Angel: Sie unterstützt Start-Ups finanziell, aber die Unternehmen haben stärkere Kontrolle über das von ihnen entwickelte geistige Eigentum - "ein wirklich großer Schritt", sagt Dreier. "SpaceX besitzt die Rechte am Design für die Trägerrakete Falcon 9. Sie haben damit eine unabhängige Startmöglichkeit ins All. So etwas gab es zuvor noch nie: Regierungen haben nicht mehr alleine den exklusiven Zugang zum Weltall."

Das Weltall verändern

In Europa sucht man nach Vergleichbarem vergeblich. Europäische Regierungsinstitutionen agieren recht träge und "private Investoren sind sehr zurückhaltend, was den Weltraum betrifft", sagt Amnon Ginati, Senior-Berater der Europäischen Weltraumbehörde ESA.

US-Unternehmen Blue Origin gelingt dritter Raketentest (Reuters/Blue Origin)

Firmen wie Blue Origin oder Space sind in den USA an der Spitze der Weltraumforschung

"Elon Musk hatte die brillante Idee, zum Mars zu fliegen, aber dann hat er festgestellt, dass es dafür noch nicht die Raketen gibt. Also hat er gesagt, er würde selbst welche entwickeln", sagt Ginati. "Genau das ist der amerikanische Unternehmergeist." Die Europäer seien einfach noch nicht so weit gewesen. "Aber jetzt wacht Europa auf", stellt Ginati fest.

Ginati hat geholfen, den Seraphim Space Fund zu verhandeln. Dieser umfasst derzeit 50 Millionen britische Pfund (58 Millionen Euro) und ist dazu gedacht, kleine und mittelgroße Start-Ups zu ermutigen, an Anwendungen und Techniken für die Erforschung des Weltraums zu arbeiten.

Mittlerweile gibt es mehr als 300 Projekte. Sie reichen von unbemannten Raumfahrzeugen, über Tourismus, Medien, Smart Cities bis zu Sicherheitsentwicklungen, die laut Ginati "ganz oben auf der Liste" stehen. So zeigen die Ergebnisse einer von der ESA initiierten Bürgerdebatte, dass sich 69 Prozent der Teilnehmenden wünschen, die ESA sollte mehr in Projekte investieren, die die Sicherheit der Raumfahrt verbessern (16 Prozent waren dagegen).

Kooperationen statt Alleingänge

Die ESA wird weiterhin die Infrastruktur für die Weltraumfahrt ausbauen. Der Plan, einen britischen Weltraumbahnhof zu bauen, ist noch nicht vom Tisch. Und kürzlich hat die Firma Reaction Engines Unterstützung von der ESA erhalten, und zwar in Form eines Vertrages in Höhe von 10 Millionen britischen Pfund. Sie sollen zur Entwicklung eines neuen treibstoffeffizienten Motors für mehrfach nutzbare Raumfahrzeuge beitragen. Der hybride luftbetriebene Raketenantrieb namens SABRE kann ein Luftfahrzeug aus dem Hochstart auf das fünffache der Schallgeschwindigkeit beschleunigen, was einem Hyperschallflug in der Atmosphäre entspricht.

SABRE-Motor von Reaction Engines (Reaction Engines)

Der SABRE-Motor soll im Jahr 2025 einsatzbereit sein

Thomas Mark, Vorstandsvorsitzender von Reaction Engine, sagt, Großbritannien und allgemein Europa strebten ein Förderungsmodell nach US-Vorbild an. "Den großen Unterschied haben die Risikokapitalgeber aus den USA gemacht, jene aus Silicon Valley, die viel Eigenkapital haben und sozusagen über Nacht eine Weltraumfirma gründen können. Um als Start-Up richtig groß werden zu können, musste man in den USA sein. Aber jetzt spüren wir hier eine sich anbahnende Veränderung", sagt er.

Doch es gibt auch Vorbehalte. Thomas sagt, es müsse einen Mix aus verschiedenen Förderungsmodellen geben; private Investitionen allein würden nicht ausreichen. Staatliche Unterstützung sei ein Anziehungsmagnet, um Investoren aus anderen Bereichen zu gewinnen. Allerdings gehe sie einher mit technischer Überwachung durch die ESA, denn nur unter ihrer Beteilung flössen Steuergelder.

Auch Kooperationen zwischen verschiedenen Unternehmen spielen eine wichtige Rolle. Auch sie sind sicherlich ein Teil von ESAs Vision einer "vereinten Raumfahrt in Europa" in der neuen Ära der „Raumfahrt 4.0". Aber wird die Vision der 22 Minister der ESA-Mitgliedsstaaten, inklusive Kanada, bei ihrem Treffen in Luzern (1 bis 2. Dezember) ehrgeizig genug sein, um zu den USA aufzuschließen?