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Politik

Europa wird nicht geliebt - leider

Feierlich begeht die EU in dieser Woche ihren Geburtstag. 50 Jahre Römische Verträge. 50 Jahre Europäische Union – genauer: erst EWG, dann EG, dann EU. Und gekrönt wird die Feier mit einer Berliner Erklärung.

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Die Erklärung soll - man hört es selten im politischen Alltagsbetrieb - kurz sein, höchstens vier Seiten und lesbar, verständlich - frei von politischen Kommuniquéfloskeln und Plattitüden. So hat es jedenfalls die deutsche Ratspräsidentin Angela Merkel versprochen. Was ihr auf einer Pressekonferenz die Nachfrage eintrug, ob Hans-Magnus Enzensberger die Erklärung mitschreibe. Aber soweit wird es nicht kommen.

Die Erklärung, von der ungewöhnlich genug nichts bekannt ist, außer dass sie sich mit den Erfolgen und den Herausforderungen Europas befasst - wird in Berlin geschmiedet - und Kenner der Berliner Szenerie munkeln, Angela Merkel höchst selbst schreibe sie in ihren wichtigsten Absätzen. Mehr als warten, als abwarten bis zum Wochenende bleibt da nicht übrig.

Hommage an Merkel

Es ist ja schon auffällig genug, dass die Feier in Berlin stattfindet - und nicht in Rom (was bei Silvio Berlusconi wohl kaum möglich gewesen wäre, aber bei Prodi selbstverständlich wirkt). So ist sie ein Zeichen für das sich vereinigende Europa - von Nord nach Süd und von Ost nach West - und eine Hommage der anderen Europäer an Angela Merkel, die durch ihre Ost-Biographie auch für das neue Europa der vom Kommunismus befreiten Länder steht.

Aber noch wichtiger wird sein - neben den Feiern und den Feierlichkeiten, neben den Reden und den Erklärungen - ein emotionales Gefühl für die europäische Seele zu wecken - was schwierig genug sein und sicher nicht durch ein Feuerwerk allein gehen wird. Europa steckt in der Krise. Den meisten Europäern ist die EU inzwischen zu groß, zu unübersichtlich, zu bürokratisch. Ein Moloch, mit dem man zwar leben kann, mit dem man sich aber nicht anfreunden will.

Beachtliche Erfolge

Europa wird nicht geliebt. Leider. Dabei sind die Erfolge der EU beachtlich. Seit 50 Jahren Frieden. Seit 50 Jahren ein unglaublicher Bewusstseinswandel, der es den Menschen unmöglich macht, in Kriegs- und Erbfeindkategorien auch nur zu fühlen - vom Denken und Handeln ganz zu schweigen. Eine Integrationsleistung sui generis - junger Demokratien wie Griechenland, Spanien und Portugal nach Jahren und Jahrzehnten faschistischer Diktatur - und zerbrechlicher Demokratien in Ost- und Mitteleuropa nach Jahrzehnten kommunistischer Diktatur.

Eine gemeinschaftlicher Binnenmarkt. Ein gemeinschaftliches Rechtsempfinden. Eine gemeinschaftliche Achtung der europäischen Freiheitsrechte der Bürger. Ein ständig tagender Wiener Kongress, der alle im Alltag fesselt und ins Boot zwingt - und der nationalistische Alleingänge schwierig bis unmöglich macht. Und selbst renitent europaskeptische Länder wie Großbritannien bleiben ja im Club - bei allen rhetorischen Ausfällen. Die EU schweißt die Nationen zusammen. Tag für Tag. In der Bürokratie. In der Welt der Normen und Gesetze.

Erfolgsmodell für die Welt

Das macht Unterschiede, Differenzen, ja selbst Zerwürfnisse - wie vor dem unseligen Irakkrieg - aushaltbar. Zum Bruch, zum Ende der EU führen sie nicht. Und genau das macht den unwiderstehlichen Charme der EU aus. 50 Jahre Römische Verträge - das ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Das müssen die Bürger begreifen und fühlen lernen. 50 Jahre Europäische Einigung - das ist ein Erfolgsmodell für die Welt.

Vor 50 Jahren - wenige Jahre nach einem verheerenden Weltkrieg (und der Erste war noch nicht vergessen!) mit all seiner Barbarei, den Konzentrationslagern, dem Holocaust - reichten fünf Länder (eher vier Länder, da Italien ja kein Opfer des deutschen Nationalsozialismus, sondern des Faschismus des Duces war) Deutschland die Hand zur Versöhnung. Genauer: die Eliten reichten die Hände zur Versöhnung - denn bei den Menschen - seien es Franzosen oder Niederländer - war nur ein verschwindend kleiner Teil damals schon zur Versöhnung bereit.

Gedankenspiel für die Zukunft

Die Europäische Einigung - sie war ein Elitenprojekt - , aber ein erfolgreiches! Ein Jahrhundertwerk, eine Meisterleistung der Psychologie und der Diplomatie - das übrigens nie den Friedensnobelpreis erhalten hat (ein politisches Skandalon - nebenbei bemerkt).

Was man übrigens an einem Gedankenspiel sofort begreift: was wäre wenn Olmert und Abbas (und Hanija), Assad und König Abdallah, Mubarak und Siniora morgen beschließen zusammenzuarbeiten, auf Krieg und Ansprüche und Nationalismus zu verzichten, die Landwirtschaft zu vergemeinschaften, die Energie zusammen zu verwalten, ein gemeinsames Parlament und eine oberste Behörde zu schaffen, Grenzen einzureißen - es wäre der Beginn des wirklichen Traums vom nahöstlichen Frieden. Das haben die Europäer vor 50 Jahren geschafft - und daran erinnern sie sich am Sonntag in Berlin.