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Kultur

Europa vor Moralpredigten des Papstes

Papst Franziskus kommt nach Europa - als zweites Oberhaupt der katholischen Kirche. Vor dem Europarat und dem EU-Parlament in Straßburg wird er Reden halten. Doch es könnten Moralpredigten werden.

Europa erwartet Franziskus Blitzbesuch. "Es wird", so rechnet eine deutsche Nachrichtenagentur vor, wohl "eine der kürzesten Auslandsreisen eines Papstes in der Geschichte des Heiligen Stuhls." Doch besucht der Pontifex nicht das EU-Land Frankreich, sondern zwei europäische Institutionen. Vor dem EU-Parlament und dem Europarat will der Argentinier sprechen. Weder Messe noch Mittagessen sind geplant. Nach drei Stunden und 50 Minuten hebt sein Flieger wieder in Richtung Rom ab. Zurücklassen dürfte der Pontifex aber klare Signale an die Europapolitiker.

Papst Franziskus und Martin Schulz. Foto: REUTERS/Vincenzo Pinto

Audienz für den EU-Parlamentspräsidenten: Martin Schulz bei Papst Franziskus

Auf eine starke Botschaft des Papstes hofft denn auch Martin Schulz, der deutsche Präsident des Europäischen Parlaments. Bei seiner Papst-Audienz im Apostolischen Palast von Rom im vergangenen Jahr hatte Schulz den Pontifex nach Straßburg eingeladen. Hinterher konstatierte er eine "wachsende Bedeutung" des Papstes für die Politik. Vatikansprecher Federico Lombardi sagte jedoch, Franziskus wolle nicht als Ratgeber auftreten. Das Kirchenoberhaupt sei von den Abgeordneten als moralische Autorität eingeladen worden: "Er kommt nicht als Staatsmann."

Moralisches Schwergewicht

Als moralisches Schwergewicht gilt der Papst etwa in Sachen Flüchtlinge. Mehrfach hat er die europäische Flüchtlingspolitik gegeißelt, die er für unmenschlich hält. Auf seiner ersten Reise als neuer Papst hatte er 2013 die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa besucht. Er gedachte der vielen Menschen, die bei der Überfahrt nach Europa ums Leben kamen. Europa schotte sich ab, kritisierte der Papst. Das Flüchtlingsproblem müssen "mit der Logik der Gastfreundschaft, nicht mit der Logik der Gleichgültigkeit" angegangen werden, schrieb Franziskus Europa unlängst ins Stammbuch.

Lampedusa Triton. Schiffsfriedhof auf Lampedusa, Italien. Foto: DW/Bernd Riegert

Der Schiffsfriedhof auf Lampedusa

Als Mahner und als Mann deutlicher Worte könnte der Papst auch auf den Konflikt in der Ost-Ukraine zu sprechen kommen. Der Präsident der EU-Bischofskommission COMECE, Kardinal Reinhard Marx, erhofft sich von den bevorstehenden Reden einen Anstoß für Frieden und Aussöhnung. "Er muss auch über den Krieg sprechen, der auf unserem Kontinent ist", sagte Marx, der auch Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist. Daher habe der Besuch des Papstes im Europarat, dem auch Russland und die Ukraine angehören, eine besondere Bedeutung.

Kommunisten protestieren

Vor dem Besuch des Papstes meldeten sich vereinzelt auch Vatikan-Kritiker zu Wort. So ließ die Abgeordnete der spanischen Kommunisten, Marina Albiol, wissen: Die Präsenz des Papstes sei eine Beleidigung für Millionen kirchlicher Laien in Europa. Insgesamt aber darf Franziskus wohl auf einen freundlichen Empfang hoffen. Der deutsche Linke Fabio De Masi, selbst Katholik, bezeichnete das erste Apostolische Schreiben des Papstes, das "Evangelii Gaudium", als "die römische Variante unseres Parteiprogramms". Einem Papst, der "dem Paten eines Steuerkartells und Verfechter der gescheiterten Euro-Politik wie dem neuen Kommissionschef Jean-Claude Juncker ins Stammbuch schreibt, dass diese Wirtschaftspolitik tötet, "könne er nur applaudieren", so De Masi.

Rebecca Harms Europaabgeordnete. Foto: Bernd Riegert, DW

Die Grünen wollen ihre Parlamentssitze Schwulen und Lesben leihen. Die Grünen-Politikerin Rebecca Harms.

Europas Grüne wollen dem Papst "Respekt und Anerkennung" für seinen Kampf gegen die Armut und für neue Wege in der Flüchtlings- und Klimapolitik entgegen bringen, kündigte Fraktionschefin Rebecca Harms an. Gleichwohl sei man in der Frage der Minderheitenrechte mit der katholischen Kirche "nicht einer Meinung". Daher wollen die Grünen die Plätze, die ihnen auf der Besuchertribüne des Parlaments zustehen, Vertretern von Schwulen- und Lesbenorganisationen zur Verfügung stellen.

Kaum jemand glaubt an eine Wiederholung jener Bilder, die den ersten Besuch eines Papstes bei Europas Institutionen prägten. Im Jahr 1988

sprach Johannes Paul II. vor dem EU-Parlament

. Damals hob Ian Paisley, Gründer der radikal-protestantischen DUP aus Nordirland, ein Plakat hoch, auf dem der Papst als "Antichrist" bezeichnet wurde. Paisley wurde von erbosten Katholiken aus dem Saal geprügelt.

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