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Amerika

"Europa versteht Lateinamerika nicht"

Der mexikanische Krimiautor Paco Ignacio Taibo II auf Lesereise in Deutschland.

Paco Ignacio Taibo II (Foto: AP)

Paco Ignacio Taibo II

Fünfzehn seiner Krimis und Romane sind auf Deutsch erschienen. Paco Ignacio Taibo II hat in Deutschland längst eine Fangemeinde, und jede Lesereise nach Deutschland ist auch ein Wiedersehen mit seinen Lesern. Dabei trifft Taibo II immer wieder auf ein "sehr verzerrtes Bild von Mexiko", das nicht aus seinen Büchern stammen kann, fügt er schmunzelnd hinzu. Doch gleich darauf wird er wieder ernst. "Das ist aber normal. Selbst wir Mexikaner haben ein verzerrtes Bild von unserem Land. Was über die Medien transportiert wird, sind ja nur die Spitzen von Eisbergen, Meldungen, die mit Verbrechen, Katastrophen, schrecklichen Ereignissen zu tun haben." Dabei versuche er in seinen Büchern über das zu schreiben, was den gesamten Eisberg ausmacht, über das, was sich unter der Oberfläche abspielt. "Ich lebe in einer sehr vielfältigen Stadt, in der die Erste und die Dritte Welt aufeinandertreffen", sagt Paco Ignacio Taibo II über Mexiko. "Dort werden mehr Abtreibungen vorgenommen als in London, da gibt es mehr Kinos als in Paris, mehr Studenten als in New York und wir haben die korrupteste Polizei der Welt, schlimmer noch als in Thailand. Und außerdem mehr Bürokraten als in Berlin."

Blick auf Mexiko Stadt

Die Megacity Mexico Stadt ist der Schauplatz von Taibos Krimis

Literatur fängt da an, wo Journalismus versagt

Er habe es sich zur Aufgabe gemacht, diese Komplexität darzustellen, sagt der 1949 in Spanien geborene Autor, der im Alter von acht Jahren mit seinen Eltern nach Mexiko kam. Sein eigener Werdegang ist ebenso komplex wie die Stadt, in der er groß geworden ist und die ihn geprägt hat. Er studierte Literatur, Soziologie und Geschichte – ohne einen Abschluss zu machen. Er arbeitete zunächst als Journalist, Universitätsdozent und Sachbuchautor, bevor er dank des Erfolgs als freier Schriftsteller leben konnte.

"Die Literatur hat sich als Instrument der Enthüllung herausgestellt", beschreibt er seinen Zugang zur Schriftstellerei. "Wenn Politik, Wirtschaft und Journalismus versagen, dann kommt der Moment der Literatur. Denn die Literatur geht in die Tiefe, sie ist intensiver als die Informationshäppchen, mit denen wir täglich gefüttert werden, und die aus dem Zusammenhang gerissen sind. Die Literatur eröffnet einen vielschichtigeren Blick auf eine komplexe Gesellschaft."

Zusammenhänge herstellen

Die Literatur räumt auf, so seine Überzeugung. Und genau das bräuchten die Menschen in Mexiko, in einer vom Fernsehen beherrschten Gesellschaft. "Die Verzerrung der Realität durch das Fernsehen ist brutal und es fällt den Menschen schwer sich ein Bild vom Ganzen zu machen, zu verstehen, wo sie leben und vor allem einordnen zu können, was gerade passiert und warum die Dinge geschehen."

Ordnen, Puzzleteile zusammenfügen, Zusammenhänge herstellen zwischen Ereignissen, die von den Medien als isolierte Phänomene dargestellt werden, darin sieht der Schöpfer des "unabhängigen" Detektivs Hector Belascoarán Shayne seine Aufgabe. "Wenn in den Außenbezirken von Mexiko Stadt eine Straße überflutet wird, dann hängt das nicht nur mit dem Klimawandel zusammen, sondern auch mit der Korruption von Politikern, die in undurchsichtige Geschäfte verwickelt sind und Straßen mit drittklassigem Baumaterial bauen lassen."

Magische Realität

Der magische Realismus eines García Márquez, der in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland der Inbegriff für Literatur aus Lateinamerika war, sei seine Sache nicht, betont Paco Ignacio Taibo II. "Ich praktiziere die Magie der Realität. Unsere Wirklichkeit ist voller absurder, surrealer und chaotischer Elemente und Ereignisse, wie zum Beispiel die Bauern aus dem Umland von Mexiko Stadt, die versucht haben die Statue des Tlaloc (der Regengott der Azteken) aus dem Anthropologischen Museum zu stehlen, weil sie sagen, man hätte ihnen den Regen gestohlen."