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Wirtschaft

Europa sollte Vorbild, nicht Feindbild sein!

Die Aufklärung hat Europa in den Wohlstand der Gegenwart geführt. Das brauchen der Nahe Osten und Nordafrika auch, fordert der Schweizer Ökonom und Migrationsforscher Thomas Straubhaar.

Der Terror von Paris verängstigt und verstört. Wie nur kann es sein, dass junge Muslime zu Massenmördern werden? Oft sind sie in Europa zur Welt gekommen und in den westlichen Gesellschaften aufgewachsen, die sie als Erwachsene zerstören wollen. Sie sind also weder ungebildet, noch wissen sie nicht, was sie tun.

Seit 9/11 und den Terroranschlägen in den USA im September 2001 ist die Frage, was junge Muslime radikalisiert, mehr und mehr gestellt worden. Die Antworten sind alles andere als eindeutig. Für die barbarischen Gräueltaten von New York und Washington DC oder nun von Paris gibt es viele unterschiedliche Gründe. Neben ganz anderen Faktoren spielt die gewaltige ökonomische Diskrepanz zwischen reich und arm eine Rolle. Sie führt dazu, dass junge europäische Muslime sich und andere Glaubensbrüder als Verlierer verstehen. Und als Ursache für ökonomischen Misserfolg werden dann eben der Westen, der Kapitalismus, die Marktwirtschaft oder eben auch eine Unterdrückung durch Andersgläubige angeklagt.

Das Wohlstandsgefälle wird größer

Thomas Straubhaar, Direktor des Weltwirtschafts-Instituts, HWWI

Thomas Straubhaar, Schweizer Ökonom und Migrationsforscher

Auch wenn Terroristen selber oft gar nicht in Armut gelebt haben und Armut alleine nicht zu Terrorismus führt, bieten Massenelend und Hoffnungslosigkeit gewaltbereiten Ideologen Vorwand und Begründung für eine Radikalisierung des Tuns. Armut kann von Terroristen instrumentalisiert werden, die selber nicht arm sind. Empfundene Ungerechtigkeit und ohnmächtige Hoffnungslosigkeit, ohne Gewalt etwas ändern und verbessern zu können, schaffen den Nährboden, auf dem Terror eher gedeiht.

Zwischen armen, kriegs- und krisengeschüttelten Regionen des Nahen Ostens und Westeuropa besteht ein Wohlstandsgefälle, das in den letzten Jahren größer und nicht kleiner geworden ist. Zwar erreichen die Länder im östlichen und südlichen Mittelmeer höhere Wachstumsraten des Bruttoinlandprodukts (BIP) als das von der Euro-Krise geplagte Europa. Aber es gibt zwei Trends, die sich - bei allen länderspezifischen Abweichungen - wie ein Roter Faden durch die vergleichenden #link:http://data.worldbank.org/sites/default/files/wdi-2015-ch2.pdf): Datenreihen der Weltbank# ziehen.

Erstens ist der ökonomische Aufholprozess brutal langsam, und er wird immer wieder von politischen Krisen und Umbrüchen gebremst, oft gestoppt. Das gilt für für die Länder des "Arabischen" Frühlings, deren Ökonomien die Transformation zu stabilen Volkswirtschaften noch längst nicht geschafft haben. Und es stimmt für den Nahen Osten, der sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten in einem Zustand der permanenten Krisen und (Bürger-)Kriege befindet.

Sechs von zehn Erwachsenen ohne Arbeit

Als besonders eindrückliches Beispiel verweist der Weltentwicklungsbericht 2015 darauf, dass die Erwerbsbeteiligung im Nahen Osten und Nordafrika unfassbar gering ist - wie sonst nirgendwo weltweit. Gerade einmal 41 Prozent der über 15-jährigen haben einen Job, was nichts anderes bedeutet, als dass drei von fünf Erwachsenen ohne Arbeit und damit ohne reguläres oder gar festes #link:http://data.worldbank.org/sites/default/files/wdi-2015-ch2.pdf: Einkommen# sind.

Zweitens werden kleine Fortschritte bei durchschnittlichen Pro-Kopf-Indikatoren durch zunehmende Ungleichheiten bei der Verteilung und einer wachsenden Bevölkerung zunichte gemacht. So ist zwischen 2011 und 2014 das reale Pro-Kopf BIP in den ärmeren Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas um insgesamt 1,8 Prozent gesunken, in der EU ist es wenigstens konstant geblieben. Die Einkommensschere zwischen Europa und seinen Nachbarn hat sich also nicht weiter geschlossen. Sie ist eher größer geworden.

Die Diskrepanz zwischen arm und reich zeigt sich nicht nur makroökonomisch zwischen Europa und seinen Nachbarn. Sie ist auch alltäglich zwischen muslimischen Einwanderern und Mehrheitsgesellschaft in den Vororten europäischer Großstädte im Allgemeinen und in den frankophonen Metropolregionen Paris und Brüssel im Speziellen. Soziologen und Stadtforscher weisen seit längerer Zeit auf eine zunehmende Segregation hin, die es so - im Gegensatz zu den USA - in Europa früher kaum gab (weil hierzulande - anders als in den USA - die sozialen Wohlfahrtsstaaten für eine Korrektur sorgten).

Parallelgesellschaften und Perspektivlosigkeit

Gemeint ist damit eine stärkere Trennung der Wohnbevölkerung nach Herkunft und/oder auch Kultur, Religion, Sprache. Sie ist oft mit einer größer werdenden Polarisierung in reichere Inländer- und ärmere Ausländerquartiere verbunden. Was mit "China Town" oder "Little Italy" in den USA lange schon Alltag ist, erweist sich in Europa als Hemmnis für eine gelungene Integration. Segregation fördert die Entstehung von Parallelgesellschaften, in denen wenig Verständnis für die Mehrheitsgesellschaft, wenig Akzeptanz europäischer Verhaltensweisen und kaum große Hoffnung auf ökonomischen Aufstieg dominieren.

Und auch hier kann es zu einer stellvertretenden Viktimisierung kommen. Auch wenn sie im Einzelfall vielleicht gar nicht selber betroffen sind, weil sie ökonomisch erfolgreich sind, sehen sie sich als Angehörige einer Religionsgemeinschaft, die von den Mehrheitsgesellschaften in Frankreich, Belgien oder auch Deutschland ungerecht behandelt würden und nicht die gleichen Aufstiegs- und Erfolgschancen hätten wie die gleichaltrigen Einheimischen.

Auch wenn Armut allein nicht zu Terrorismus führt, bieten Massenelend und Hoffnungslosigkeit gewaltbereiten Ideologen Vorwand und Begründung für eine Radikalisierung des Tuns. Armut kann von Terroristen instrumentalisiert werden, die selber nicht arm sind. Empfundene Ungerechtigkeit und ohnmächtige Hoffnungslosigkeit, ohne Gewalt etwas ändern und verbessern zu können, schaffen den Nährboden, auf dem Terror eher gedeiht.

Ein Vorbild aus der Wirtschaftsgeschichte

Will man eine von vielen Ursachen des Terrors schwächen, müssen die immensen ökonomischen Diskrepanzen zwischen arm und reich verringert werden, durch stärkere Entwicklung, wenn es makroökonomisch um Volkswirtschaften geht, durch bessere Integration, wenn es mikroökonomisch um Menschen mit Migrationshintergrund geht. Diese Erkenntnis ist weder neu, noch ist sie einfach oder rasch umsetzbar. Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, wie schwierig, wie lange und wie krisenanfällig Transformations-, Entwicklungs-, Aufhol- und Integrationsprozesse sind. Sie macht aber auch Hoffnung, dass es zu schaffen ist. Denn es gibt eine Erfolgsgeschichte, aus der sich gerade für den Nahen Osten und Nordafrika vieles lernen lässt: Europa!

Warum steht das Abendland heute ökonomisch soweit vor seinen Nachbarn im Orient oder Nordafrika - anders als es im Altertum und im Mittelalter der Fall war? Die einfache Antwort lautet: es war die Aufklärung, die nach vielen Jahrhunderten des Stillstands, der Not und des Elends, Europa aus dem dunklen Mittelalter in die Neuzeit führte. Das "europäische Wunder" war einem auch durch die Gewalt der Straße erzwungenen fundamentalen Perspektivenwechsel geschuldet. Mit der Aufklärung und der französischen Revolution verschwanden Einheitsstaaten mit absolutistischen Alleinherrschern und Einheitsreligionen. Gewaltenteilung und unveräußerliche Menschen-, Bürger- und Freiheitsrechte traten an ihre Stelle.

Terroristen schaden ihrer eigenen Gesellschaft

Europa wurde säkularisiert, demokratisiert und modernisiert. Im Merkantilismus abgeschottete Märkte wurden geöffnet. Unternehmer erhielten Freiräume, die Bevölkerung flächendeckend Bildung. Die Aufklärung war die Geburtshelferin des wirtschaftlichen Aufschwungs, des Rückgangs der Massenarmut, des langsamen, aber stetigen und bis heute ungebrochenen Anstiegs der Lebenserwartung, kurz: des europäischen Wohlstands der Gegenwart.

Die Grundwerte der Aufklärung, die Unantastbarkeit der Menschenwürde, der absolute Schutz der Menschenrechte, die Garantie individueller Freiheitsrechte - kurz die Grundrechte, wie sie in den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes verankert sind - haben sich als unschlagbares Erfolgsmodell erwiesen, das zu wirtschaftlichem Wohlstand, kultureller Vielfalt und gesellschaftlicher Toleranz gegenüber unterschiedlichen individuellen Lebensformen geführt hat.

Wenn Terroristen ihr Unwesen treiben, versetzen sie nicht nur Europa in Angst und Schrecken. Sie schaden auch und ganz besonders den Gesellschaften im Nahen Osten und in Nordafrika. Gerade die auf nachhaltige Entwicklung angewiesenen Volkswirtschaften bräuchten mehr vom europäischen Modell der Aufklärung und nicht weniger. Europa sollte seinen Nachbarn Vorbild, nicht Feindbild sein.

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