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Europa

"Europa sollte Deutschlands Vorbild folgen"

Hans ten Feld, Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) in Berlin, lobt Deutschlands Flüchtlingspolitik. Andere europäische Länder schneiden in seiner Analyse schlechter ab.

DW: Haben Sie die jüngsten Nachrichten überrascht, dass Flüchtlinge in Deutschland in Flüchtlingsheimen schwer misshandelt wurden?

Hans ten Feld: Das waren natürlich unangenehme Nachrichten und man wünscht sich, dass sich so etwas nicht wiederholt. Aber die sofortige Reaktion der zuständigen Behörden lässt mich hoffen, dass diese Vorfälle sich nicht wiederholen. Allerdings ist es sehr bedauerlich, dass so etwas passiert ist.

Halten Sie diese Vorfälle für Ausnahmen oder fürchten Sie, dass sie nur die Spitze des Eisbergs sein könnten?

Ich gehe definitiv nicht davon aus, dass sie die Spitze eines Eisbergs sind. Ich denke, die Standards und Voraussetzungen sollten so sein, dass Flüchtlinge und Asylsuchende aufgenommen werden und die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Darum glaube ich wirklich und würde es gern glauben, dass es Einzelfälle sind und dass Maßnahmen ergriffen werden, die sicherstellen, dass so etwas nicht mehr passieren kann. Und ich bin zuversichtlich, dass das gerade passiert: Diese Schritte werden eingeleitet.

Nach dem, was wir wissen, ereigneten sich die Vorfälle in Flüchtlingsheimen, die von privaten Firmen betrieben wurden. Würden Sie aufgrund Ihrer internationalen Erfahrung sagen, dass privat bzw. staatlich geführte Einrichtungen Asylsuchende unterschiedlich behandeln?

Die Hauptsache ist, dass die Standards und der Verhaltenskodex den Mitarbeitern klar sind. Und dann sollte es kein Thema sein und keinen Unterschied machen, ob ein Flüchtlingsheim staatlich oder privat betrieben wird. Die Grundlagen müssen klar und garantiert sein.

Aufgrund der Konflikte im Mittleren Osten erlebt Deutschland - so wie viele europäische Länder - einen großen Zustrom an Flüchtlingen, den höchsten seit 20 Jahren. Glauben Sie, Deutschland ist bereit und vorbereitet, das zu bewältigen?

UNHCR Vertreter Hans ten Feld in Berlin (Foto: Reuters)

Hans ten Feld, Vertreter des UNHCR in Berlin

Es ist klar, dass es für die Behörden eine Herausforderung ist, mit diesen höheren Zahlen umzugehen. Aber auch hier bin ich ziemlich zuversichtlich, dass die Behörden das schaffen. Was ich höre und lese und sehe, ist, dass die Behörden in den verschiedenen Kommunen und Bundesländern klar darauf hinweisen, dass es eine Herausforderung ist, aber dass sie überzeugt sind, dass sie ihr gewachsen sind. Und die Erfahrungen der Vergangenheit haben das auch gezeigt. Ich denke dabei an die frühen 1990er Jahre, als Jugoslawien auseinanderbrach und Deutschland, die deutschen Behörden und die deutsche Gesellschaft gezeigt haben, dass sie darauf angemessen reagieren können.

Deutschland nimmt das höchste Kontingent an Flüchtlingen innerhalb Europas auf. Deshalb wurde diskutiert, ob Deutschland oder ob andere Länder weitere Flüchtlinge aufnehmen sollten. Was sagen Sie Leuten, die argumentieren, dass Deutschland jetzt seinen Teil geleistet habe, und die meinen, dass nun andere europäische Länder an der Reihe sind, ihren Beitrag beizusteuern?

Es ist klar, dass mehr Solidarität innerhalb Europas vonnöten ist. Von 28 Ländern in der Europäischen Union bekommen nur zehn wirklich Asylgesuche. Deutschland hat eine fantastische Rolle gespielt, eine wirklich positive Rolle, in dem es zum Beispiel zugestimmt hat, 20.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen.

Deutschland sorgt auch dafür, dass sich Flüchtlinge hier ansiedeln. Es gibt ein Pilotprogramm, jedes Jahr werden 300 Flüchtlinge aufgenommen. Das Programm gibt es seit drei Jahren und wir sind hoffnungsvoll - und alles deutet darauf hin -, dass das Programm ausgeweitet wird. Es ist Teil des weltweiten Programms des UNHCR.

Europa nimmt im Schnitt pro Jahr nur 5000 Flüchtlinge auf. Wir würden diese Zahl gern auf 20.000 bis zum Jahr 2020 steigern, um Solidarität zu zeigen mit anderen Ländern, die deutlich mehr Flüchtlinge beherbergen.

Hans ten Feld ist Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) in Deutschland. Der Niederländer arbeitet seit mehr als 30 Jahren für die UN.

Das Interview führte Michael Knigge.

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