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Kultur

Europa schwimmt auf einer neuen Energiewelle

In Portugal gab es diesen Sommer eine Weltpremiere: An der Atlantikküste wurde der erste kommerzielle Wellenpark installiert. Eine weitere erneuerbare Energiequelle sorgt für Schlagzeilen.

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Test des Wellenkraftwerks vor der Küste Portugals

Erfinderstolz klingt irgendwie anders. Aber vielleicht will David Lindley einfach nur Appetit auf eine ganz neue Technologie machen: "Stellen Sie sich einfach vier Bratwürste vor, die auf dem Meer schwimmen wie ein U-Boot, halb untergetaucht. Und dann stellen Sie sich vor, dass Wellen frontal auf sie zulaufen. Und die Würste versuchen, darauf zu reiten."

Was der britische Maschinenbau-Ingenieur da so flapsig beschreibt, ist immerhin ein Meilenstein. Vor der portugiesischen Atlantikküste entsteht im Moment das erste kommerziell genutzte Wellenkraftwerk der Welt: Aguçadoura in der Provinz Varzim im Norden des Landes. Noch im Herbst soll die Anlage Netzstrom liefern, den sie aus dem Auf und Ab der anrollenden Wogen gewinnt. Bisher gab es nur Test- oder Demonstrationsprojekte. Doch jetzt nimmt der erste richtige Wellenpark seinen Betrieb auf.

Bratwürste mit Kupplung

Wellenkraftwerk Rote Röhre In Portugal wird eine Versuchsröhre für den Transport aufs Wasser fertig gemacht

Noch auf dem Trockenen: die gekuppelten "Bratwürste"

Die noch junge schottische Firma Ocean Power Delivery hat das System entwickelt. David Lindley ist einer ihrer Direktoren. Die Bratwürste sind in Wahrheit 30 Meter lange Stahlzylinder. Jeweils vier von ihnen hängen aneinander wie die Waggons eines Zuges. Im Wellengang heben und senken sich die Kupplungen zwischen ihnen. Das ist so, als würde man ein Kniegelenk mal strecken und mal beugen. Aus diesem ständigem Auf und Ab lässt sich etwas machen ...

"Die Röhren heben und senken sich also andauernd und bewegen auf diese Weise hydraulische Kolben in den Verbindungsstücken zwischen ihnen. Dadurch wird ein Hochdruck-Öl in einen angeschlossenen Hydraulik-Motor gepumpt, und der wiederum treibt einen Stromerzeuger an."

Mit dem neuen Wellenpark ist es wie mit den ersten Windparks im Meer: Man fängt klein an, später wird aufgestockt. Von den stählernen Röhren sollen zunächst einmal zwölf Stück im Meer verankert werden, fünf Kilometer vor der portugiesischen Küste. Zusammen bringen sie es auf eine elektrische Leistung von rund zwei Megawatt. Mehr schaffen auch heutige Windkraft-Turbinen nicht. Später sollen es dann sogar über 110 Zylinder sein, die 15.000 Haushalte mit elektrischem Strom versorgen.

Wie 300 AKWs

"Es gibt viele geeignete Küsten für Wellenparks", meint Lindley. "In Spanien und in Portugal, in Frankreich und Großbritannien. Aber auch in Südafrika und Südamerika. In den USA werden gerade brauchbare Plätze an der West- und Ostküste ausgeguckt. An vielen Stellen auf der Erde hat man große Wellenkraft-Potentiale."

In Europa existiert inzwischen ein Aktionsbündnis zur Förderung der Energie aus dem Meer. Ihm gehören zahlreiche Forschungseinrichtungen und Firmen aus insgesamt zwölf Ländern an. Im jüngsten Statusbericht der Initiative heißt es, das Wellen-Klima an der europäischen Atlantikküste sei "hochenergetisch". Allein dort steckten Ressourcen in der Größenordnung von fast 300 Gigawatt im Meer. Das entspricht der Leistung von 250 bis 300 Atomkraftwerken.

Als nächstes kommen "Wellendrachen"

Dass die erste kommerzielle Wellenkraftanlage jetzt vor Portugal entsteht, ist kein Zufall. Die Regierung hat beschlossen, Strom aus dem Meer üppig zu vergüten, mit 22 Cent pro eingespeister Kilowattstunde. Veronica La Regina vom Forschungszentrum für Wellenenergie in Lissabon: "Spätestens in fünf Jahren soll es in Portugal schon fünf Wellen-Parks geben. Dann werden auch die Umwelt-Verträglichkeitsprüfungen abgeschlossen und die günstigsten Standorte gefunden sein."

Wave Dragon

Prototyp des 'Wellendrachen'

Auch in Großbritannien startet die neue regenerative Energieart jetzt richtig durch. Vor der Küste von Pembrokeshire im Südwesten von Wales will ein dänisches Firmenkonsortium im nächsten Jahr seinen "Wellendrachen" zu Wasser lassen. Die Anlage heißt so, weil sie die Wellen mit ausgebreiteten Flügeln einfängt. Sie laufen dann eine Rampe hinauf, und das Wasser fällt durch Turbinen zurück auf Meereshöhe. In der Endausbaustufe soll das Kraftwerk über 70 Megawatt leisten - genug, um Strom für 60.000 Haushalte zu produzieren.

Europa schwimmt offenkundig auf einer neuen Energiewelle. Noch wissen viele seiner Bewohner gar nicht, dass sich aus Meereswogen Strom gewinnen lässt. Doch schon in ein paar Jahren könnte die Wellenkraft in einem Atemzug mit den anderen erneuerbaren Energiequellen genannt werden.

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