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Europa

"Europa lässt sich nicht nur in Konferenzen entwerfen"

Europa ist in der Öffentlichkeit noch nicht wirklich angekommen, sagt der Journalistik-Professor Gerd G. Kopper. Ohne mitreißende Ideen und deren wirksame öffentliche Vermittlung wird sich dies auch nicht ändern.

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Über "Europa" wird zumindest in den aktuellen Medien immer wieder viel Abfälliges verbreitet. Es mangelt nicht an Kritik in laufender Berichterstattung und in Kommentaren. Leider gibt es dabei ein Übermaß an Dünnbrettbohrerei. Vieles wird einfach nachgeplappert. Detaillierte Recherchen zur europäischen Politik und darauf gründende Kritik stellen eher eine Ausnahme dar. All das zeigen viele Untersuchungen zu Medienaktivitäten, die sich mit Europa befassen.

Dieses "Europa" in den Medien, nicht selten eine Mixtur aus Häme an vermeintlicher Bürokratie, an übertriebenen Vorwürfen und an verstecktem Nationalismus in vielen Ländern, steckt in allzu vielen Köpfen. Daneben gibt es ein sehr handfestes und praktisches Europa, das bestens funktioniert und über das fast gar nicht mehr nachgedacht oder berichtet wird: Handel, Finanzbeziehungen, Tourismus und wissenschaftlicher Austausch – und vieles mehr - funktionieren. Und sie funktionieren sogar immer besser – alle Statistiken und andere Auswertungen zeigen das.

Die europäische Dimension des Alltags

Der Alltag der europäischen Bürger findet seit geraumer Zeit – spätestens seit der Euro in den meisten Mitgliedsländern Zahlmittel ist – immer stärker in europäischen Dimensionen statt. Das wird nicht unbedingt im Alltag bemerkt. Dennoch gilt dies in Arbeit und Ausbildung, in Sport und Unterhaltung, in Wissenschaft und Forschung. Am eindrucksvollsten ist dies zu bemerken, wenn man sich in einer der europäischen Hauptstädte aufhält und hört und sieht, wie die aktive europäische Grenzenlosigkeit zu neuer Dynamik, zu weiter steigendem Austausch, zu wirkungsvollen kreativen Horizonten geführt hat.

Gerd G. Kopper

Prof. Dr. Gerd G. Kopper ist emeritierter Professor für Journalistik an der Universität Dortmund

Diese Art der "Europäisierung" muss weitergehen, sie muss zusätzliche Wirkung in anderen wichtigen Bereichen haben: vor allem in wichtigen Entscheidungssektoren wie Gesundheit, Umwelt und Arbeitswelt. Dabei darf nicht aus dem Blickwinkel verloren gehen, Europas wichtigster Rohstoff ist Kreativität, zukunftsfähige Intelligenz, Erfindergeist und Innovationsbefähigung.

Die Gefahr des politischen Inseldaseins

Europäische Initiativen haben die Möglichkeit, Verkrustung und Stillstand in vielen Bereichen und in allen Mitgliedsländern aufzubrechen. Hierbei sollte Europa noch viel stärker und auch durchsetzungsfähiger werden. Europas größte Gefahr besteht darin, sich in eine Art geistiges und politisches Inseldasein hineinzudenken und innerlich auf eine solche Inselexistenz zurückzuziehen – oder diese Art Gedankengut für billige politische Siege in einzelnen Mitgliedsländern zu nutzen.

Die größte Herausforderung für Europa besteht daher in einem weltoffenen, nachvollziehbaren und angstfreien Realismus. Dazu gehören tragfähige Entscheidungen, die das Verhältnis zwischen Militärbündnissen wie der Nato und der Supra-Nationalität einer Europäischen Union handlungsfähig klären. Dazu gehören aber auch wegweisende Entscheidungen zu Status, Rolle und Praxis der europäischen Landwirtschaft angesichts der Welternährungs- und der Weltklimalage. Zu einem neuen Realismus gehören neue und langfristig wirksame Gemeinsamkeiten mit Afrika und neue Formen wechselseitiger Verbindlichkeit. Das Verhältnis zu Asien und zu China ist damit eng verknüpft.

Keine klare Strategie

Kurzum, das genaue Gegenteil von Inselpolitik wird in den kommenden zwei Jahrzehnten benötigt. Europas Strategie ist keineswegs klar genug – geschweige wirklich überzeugend in den Köpfen verankert. Das Zukunftsprojekt Europa lässt sich nicht ausschließlich am Schreibtisch oder in verbarrikadierten Konferenzen entwerfen. Ohne mitreißende neue Ideen und deren wirksame öffentliche Vermittlung, wird es an Motivation und Begeisterung fehlen.

Dabei wird Europäische Politik im Kern immer auch abstrakt und komplex bleiben. Europäische Politik ist für die vermittelnden Journalisten und ihre Redaktionen zu sehr fixiert auf nationale Berichtsmuster und überlieferte Arbeitsweisen. Und das kann sich verschlimmern. Sie ist im Allgemeinen zu sehr fixiert auf Gewicht und Sichtweise einzelner Interessengruppen und unterliegt zu häufig deren Organisationsmacht. Neue Ideen und Arbeitsweisen sind deswegen überall erforderlich.

Mit einem Wort, auf der Grundlage der Vereinbarungen von Lissabon gäbe es endlich die Chance, gemeinsam zu sagen: Dies sind unser nächsten realisierbaren und realistischen gemeinsamen Ziele. Alle sollten sich damit verbunden fühlen. Diese einfache Aufgabe gehört von jetzt an zu den allerschwierigsten in Europa. Ohne Optimismus allerdings gäbe es schon das jetzt Erreichte nicht – z. B. mehr als ein halbes Jahrhundert Frieden in einem historischen Europa fortlaufender Kriege.


Prof. Dr. Gerd G. Kopper ist emeritierter Professor für Journalistik an der Universität Dortmund. Er initiierte das dortige Erich-Brost-Institut für Journalismus in Europa und war von 1999 bis 2006 dessen Direktor.