1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Europa-Kritiker im Aufwind

Die EU verliert während der Finanzkrise stark an Zustimmung. Vom Frust der Bürger profitieren in zahlreichen Ländern die Anti-Europa-Bewegungen. Sie attackieren vor allem den Euro, aber nicht nur ihn.

Mitglieder der Partei Alternative für Deutschland heben in Berlin während des Gründungsparteitages ihre Stimmkarten hoch. Die Partei, in der auch viele ehemalige CDU-Anhänger organisiert sind, fordert das Ende des Euro. Sie hält auch eine Rückkehr zur D-Mark für möglich. (Foto: Marc Tirl/dpa pixel)

Gründungsparteitag Alternative für Deutschland AfD 14.04.2013

In Griechenland ist es Plan B, in Großbritannien die UKIP und in Deutschland die AfD. So verschieden die politischen Hintergründe dieser Parteien sind, sie alle machen der Europäischen Union das Leben schwer und sorgen für einen Klimawandel in der Europapolitik. Entweder zeigen sie dem Euro die Rote Karte oder sie wollen gleich ganz aus der Gemeinschaft austreten. Die jungen Parteien Plan B, UKIP und AfD stehen nicht allein. Sie sind Teil einer größer werdenden EU-kritischen Bewegung, die sich aus verschiedenen Strömungen speist und der sich immer mehr Menschen aus Wut und Verzweiflung über die Finanzkrise anschließen.

EU-Beliebtheit im Sinkflug

Der europaskeptische Trend, der sich bereits bei den Europawahlen 2009 angedeutet hatte, wird durch das Euro-Desaster zusätzlich verstärkt. Nach einer unlängst veröffentlichten Umfrage des Washingtoner Pew Research Centers äußern mittlerweile nur noch 45 Prozent der Befragten in sieben EU-Staaten Zustimmung zur Europäischen Union. Vor einem Jahr lag der Wert noch bei 60 Prozent. Befragt wurden rund 7600 Menschen in Deutschland, Frankreich, Italien sowie Spanien, Großbritannien, Polen und Tschechien.

Protesters stand in front of a Demonstranten von Plan B stehen, vor einem riesigen Banner das die Front eines Hauses verdeckt. Darauf ist zu lesen: 'Angela, weine nicht. Da ist nichts im Schrank, was zu holen ware'. (Foto: LOUISA GOULIAMAKI/AFP/GettyImages)

Mit einem Banner protestiert die griechische Anti-Euro-Partei Plan B gegen die EU-Politik von Kanzlerin Merkel

Die Finanzkrise untergräbt das Vertrauen in die Europäische Union, stellen viele EU-Beobachter immer wieder fest. Die Forscher am Pew Research Center gehen in ihrem Bericht noch einen Schritt weiter, indem sie darauf hinweisen, dass es längst nicht mehr darum gehe, ob der Euro abgeschafft werden solle, sondern die EU-Integration insgesamt deutlich geschwächt werde. Letztendlich steht das Ziel einer politischen Einigung Europas auf dem Spiel. Unter anderem schreiben die Mitarbeiter der Denkfabrik: "Der sich über das vergangene halbe Jahrhundert hinziehende Versuch, ein vereinigtes Europa zu schaffen, ist das größte Opfer der Eurokrise."

Diese Entwicklung mache ihm seit mehreren Jahren Sorgen, sagt der Direktor des Zentrums für Europäische Integrationsforschung (ZEI) der Universität Bonn, Professor Ludger Kühnhardt, der Deutschen Welle. Im Gegensatz zum Pew Research Center sieht er die Integration Europas allerdings nicht ganz so bedroht. "Die Finanzkrise ist keine existenzielle Herausforderung der Integration an sich, aber sie ist eine Herausforderung im Prozess der Integration." Die anti-europäischen Bewegungen seien letztlich Ausdruck dafür, "dass die europäische Einigung immer relevanter, immer ernsthafter wird und dagegen hat sich in den letzten Jahren Unmut aus unterschiedlichen Quellen herausgebildet". Die EU wäre damit ein Stück weit Opfer ihres Integrationserfolgs.

Glaubwürdigkeitsproblem der Politik

Auch nach Meinung des deutschen EU-Parlamentariers Elmar Brok gibt es für den Aufwind der EU-Skeptiker tiefer liegende Gründe. "Es hat auch damit zu tun, dass Politik insgesamt ein Glaubwürdigkeitsproblem hat", erklärt der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Europäischen Union im DW-Gespräch. Man könne dies nicht allein auf die EU-Politik begrenzen. "Die demokratische Politik muss wieder an Vertrauen bei der Bevölkerung gewinnen", fordert der CDU-Politiker.

Elmar Brok am Schreibtisch (Foto: Yevgen Teyze)

Elmar Brok will die EU besser erklären

Angesichts der jüngsten Wahlergebnisse in Europa wird es den EU-Befürwortern aber wohl schwerfallen, Boden gut zu machen und den Anti-EU-Trend zu stoppen. Bei den Parlamentswahlen in Italien Ende Februar konnte die populistische Protestbewegung "Fünf Sterne" des ehemaligen Komikers Beppe Grillo in der Gunst der Wähler ordentlich zulegen. Und bei den Kommunalwahlen in England und Wales Anfang Mai fügte die anti-europäische und rechtsgerichtete United Kingdom Independence Party (UKIP) der konservativ-liberalen Regierungskoalition schwere Verluste zu. Die UKIP erzielte das beste Ergebnis einer vierten Partei neben den drei seit 1945 dominierenden Parteien Tory, Labour und Liberaldemokraten.

Chor der Euro-Rebellen

Selbst in Deutschland, dem Land, dem die Krise bisher weniger anhaben konnte, werden die EU-Kritiker immer populärer. Die Alternative für Deutschland (AfD) könnte bei der Bundestagswahl im September sogar die Fünfprozenthürde nehmen. In den jüngsten Umfragen liegt sie zwischen zwei und drei Prozent. Das sind zwar nur geringe Werte, aber Spitzenpolitiker etablierter Parteien, die die Konkurrenz anfangs nicht ernst nahmen, reagieren zunehmend nervös auf den neuen politischen Gegner. Besonders die konservative Union würde die AfD gerne ausbremsen. Bei einem knappen Ausgang der Bundestagswahl könnten Stimmen für die AfD der CDU und CSU den Wahlsieg kosten.

Die AfD betont derweil, dass sie von ehemaligen CDU-Mitgliedern gegründet worden sei. Dies soll die Ernsthaftigkeit unterstreichen, um sich von anderen Splitterparteien und der rechtsradikalen Szene abzugrenzen. Neben der hohen Zahl an neuen Mitgliedern können die Newcomer auch damit punkten, dass sie sich im Wettstreit der europakritischen Bewegungen in Deutschland mit ihrer radikalen Forderung des Euro-Austritts als führende Kraft durchzusetzen scheint. Damit reiht sich die AfD nahtlos in den europaweiten Chor der Euro-Rebellen ein.

United Kingdom Independence Party (UKIP) supporters hold Union Jack flags and placards as they take part in a demonstration outside the Houses of Parliament in central London on October 24, 2011, the day that Parliament votes on whether to hold a referendum on the UK's membership of the European Union. David Cameron faced the biggest rebellion of his premiership today as eurosceptic backbenchers in his Conservative Party vowed to defy orders and vote for a referendum on Britain's EU membership. AFP PHOTO/ CARL COURT (Photo credit should read CARL COURT/AFP/Getty Images)

Sie wollen mit der EU nichts zu tun haben: Anhänger der United Kingdom Independence Party UKIP

Vor einem Nein zum Euro kann der Wissenschaftler Ludger Kühnhardt nur warnen. Ein Euro-Austritt komme schon alleine deswegen nicht infrage, weil die Europäische Union das Ziel verfolge, eine politische Union zu sein, die über den Binnenmarkt hinausgeht. "Ein Binnenmarkt ist ohne gemeinsame Währung undenkbar, und eine gemeinsame Währung ist auf Dauer ohne gemeinsame politische Union mit faktisch einer europäischen Regierung undenkbar." Insofern lasse sich das eine nicht vom anderen trennen. "Der Euro ist das tragende Korsett des europäischen Binnenmarktes", betont der Direktor des Zentrums für Europäische Integrationsforschung.

Profiteure im rechten Lager

Es geht aber nicht nur um den Euro. Die Krise verschärft offensichtlich auch den Drang nach größerer Unabhängigkeit in einigen Regionen Europas. Katalonien, Schottland oder Flandern sind dafür Beispiele. Elmar Brok hat grundsätzlich Verständnis für das Bedürfnis einer regionalen Identität, solange sie sich nicht gegen Brüssel richtet und nicht in Kleinstaaterei ausartet. Wenn Europa zusammenwachsen solle, sagt der EU-Parlamentarier deshalb, "wäre es falsch, dass wir uns in Teilen wieder auseinanderleben. Eine Europäische Union, die unter diesen Umständen dann 40 Mitgliedsländer oder mehr hätte, wäre nicht handlungsfähig."

Zusätzlich besteht die Gefahr, dass ausländerfeindliche Kräfte vom Zuspruch regionalistischer oder EU-kritischer Parteien profitieren könnten. So befürchtet Brok, dass Populisten mit fremdenfeindlichen Sprüchen punkten könnten. "Die europakritische Partei UKIP, die ja aus der Europäischen Union austreten will, beschäftigt sich jetzt mehr mit Migration und Ausländerfeindlichkeit. Solche Populisten nehmen immer das Thema auf, was ihnen gerade passt, um den Menschen Angst zu machen und um so wieder Hass zu säen."

Werbung für Nutzen der EU

Um den Glauben an das Zusammenwachsen Europas zu stärken, plädiert Brok dafür, dass die EU und die Regierungen ihrer Mitgliedsstaaten den Nutzen Europas immer wieder herausstellen sollten. "Man könnte beispielsweise in allen Parlamenten jährlich eine Kosten-Nutzen-Debatte einführen, um die Fakten deutlich zu machen." Auf diese Weise könne man eher verhindern, dass nationale gegen europäische Interessen ausgespielt würden. "Die Methode, dass man sagt, wenn die Sonne scheint, waren es Paris oder Berlin, und wenn es regnet, war es Brüssel, ist keine Ausgangsbasis, um das Vertrauen der Bürger zu gewinnen."

Ludger Kühnhardt hinter einem Rednerpult (Copyright: ZEI) via:DW/ Ralf Bosen

Ludger Kühnhardt vom Zentrum für Europäische Integrationsforschung

Der Politikwissenschaftler Ludger Kühnhardt spricht sich vor allem dafür aus, die sehr komplex gewordenen Zusammenhänge des Regierens und Regulierens in Europa verständlicher zu erklären. "Wir haben uns in Folge der Finanzkrise furchtbar viele technische Begriffe anhören müssen, die niemand, der nicht Finanzmarktexperte ist, versteht, ohne ins Lexikon zu schauen."

Gemeinsam auf Medaillen-Jagd

Um den EU-kritischen Bewegungen den Wind aus dem Segel zu nehmen, schlägt Kühnhardt vor, mit symbolhaften Aktionen wieder Begeisterung für ein vereintes Europa zu wecken. So könnten die Mannschaften der EU-Länder bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro hinter einer gemeinsamen europäischen Fahne in das Stadion einlaufen. "Dies würde eine emotional unglaublich freisetzende Motivation und Inspiration für eine ganze Generation junger Europäer nach sich ziehen, für die es selbstverständlich ist, dass sie Italiener und Europäer, Schweden und Europäer, Esten und Europäer, Portugiesen und Europäer gleichzeitig sind." Zumindest im Medaillenspiegel wäre Europa dann Spitze.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema