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Asien

Europa im Spiegel Asiens

Der indische Autor Pankaj Mishra erhielt den "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung". Sein Buch handelt von der wechselvollen Geschichte Europas und Asiens seit der Kolonialzeit, die bis heute nachwirkt.

Alle reden über Asien und seinen weltpolitischen Aufstieg. Aber nur wenige hören, was Asien selbst zu sagen hat. Pankaj Mishras Buchs "Aus den Ruinen des Empires" könnte das ändern. Mishra zeigt in einer Mischung aus Essay, Biografie und Analyse die historischen Wurzeln der asiatischen Selbstbefreiung von seiner kolonialen Vergangenheit. Für sein Buch wurde er am Mittwoch (12.03.2014) im fast voll besetzten Leipziger Gewandhaus mit dem

Buchpreis zur Europäischen Verständigung

ausgezeichnet.

Notwendig und heilsam sei der zuweilen schmerzhafte Perspektivwechsel, den Mishras Buch europäischen Lesern abverlange, so betont der weitgereiste Schriftsteller und Laudator Ilija Trojanow. "Dieses Buch hält Europa, vor allem dem dominanten Westeuropa, einen Spiegel vor: darin erkennt Europa hoffentlich das eigene Konterfei mit Erschrecken als manipulative, ausbeuterische und gelegentlich genozidale Fratze wieder." Die Selbsterkenntnis, so der Preisredner Trojanow, sei die Voraussetzung für ein grundsätzliches Umdenken. Und nur so könne das vergiftete Erbe der Kolonialzeit "mit seiner Mischung aus Brutalität und Heuchelei" überwunden werden. Den ersten Schritt habe Mishra mit seinem Buch getan.

Der indische Publizist Pankaj Mishra erhält auf der Buchmesse in Leipzig den Buchpreis zur europäischen Vereinigung (Foto: picture alliance/dpa)

Preisverleihung in Leipzig: Mishra erhält den "Buchpreis zur europäischen Verständigung"

Im Zentrum des Werkes stehen drei Intellektuelle, die im Westen wenig, im Osten dafür umso bekannter sind: der aus dem Iran stammende Gelehrte Jamal al-Din al-Afghani, der chinesische Philosoph Liang Quichao und der indische Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore. Alle drei haben sich auf ihre Weise mit dem westlichen Denken auseinandergesetzt. Dazu gehört für Asiaten selbstverständlich und gleichzeitig die liberale Demokratie, der Imperialismus, die individuelle Freiheit sowie die rassistische Intoleranz, wie Mishra in seiner Dankesrede in Leipzig ausführt. Im Guten wie im Schlechten: "Europa war immer schon in meinem Selbstverständnis - und in dem von hunderten Millionen Asiaten - präsent."

Der koloniale Schock

Denn in wenigen Jahrzehnten war es dem winzigen Erdteil Europa gelungen, die Herrschaft über den größten Teil der Welt zu erlangen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten europäische Kolonialmächte fast ganz Afrika und große Teile Asiens unter sich aufgeteilt. Weder das Osmanische Reich, noch die Mogulkaiser Indiens oder das stolze China hatten das vorhergesehen oder verhindern können. "Die große Geschwindigkeiten des Wandels und die Hilflosigkeit angesichts der Veränderungen waren eine gemeinsame Erfahrung Asiens. Schon der geringste Kontakt des Westens mit asiatischen Ländern führte dort unvermeidlich zu drastischen Veränderungen - in der Regel zum Schlechteren", schreibt Mishra in seinem Buch.

Die Unterjochung Asiens war total. Sie betraf, so Mishra, nicht nur Wirtschaft, Politik und Militär, sondern auch die geistigen und moralischen Werte des Kontinents. Das perfide war, dass "die Opfer nicht nur zornig, sondern auch neidisch auf ihre Eroberer waren", deren überlegene Technik sie anerkennen mussten.

Den Lauf der Geschichte ändern

Autor Ilja Trojanow hielt die Laudatio auf das Buch von Pankaj Mishra (Foto: picture alliance/dpa)

"Dieses Buch hält Europa einen Spiegel vor", so Laudator Ilja Trojanow

Aus der gemeinsamen Erfahrung der Unterdrückung entstand in verschiedenen Teilen Asiens eine jeweils eigene Antwort, die Mishra in erster Linie anhand der drei genannten Gelehrten darstellt. Al-Afghani hoffte auf eine Selbstermächtigung durch einen Panislamismus, also einen religiös-politischen Islam, der die muslimischen Länder gegen den Westen verbünden würde. Liang Quichao setzte auf eine Erneuerung Asiens durch eine Adaption der Machtpolitik nach westlichem Vorbild. Tagore war sich sicher, dass eine andere, asiatische Weltordnung möglich ist: "Wir werden dem Westen in seinem Wettstreit, seinem Egoismus und seiner Brutalität nicht folgen." Doch je länger sich einige der Intellektuellen erfolglos für eine Emanzipation ihres Kontinents engagierten, desto radikaler wurden sie. So könne etwa al-Afghani auch als Vorläufer Osama bin Ladens gelten, wie Mishra schreibt.

Nach dem Ersten Weltkrieg und mit der Gründung des Völkerbundes 1919 hofften viele Kolonien, endlich zu ihrem Recht zu kommen. Der damalige US-Präsident Wilson wollte das Prinzip der nationalen Selbstbestimmung zur Grundlage des Völkerbundes machen. Doch Wilson scheiterte am Widerstand der Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich. Dieser historische Wendepunkt zerstörte in den Kolonien den letzten Rest von Glauben an die vom Westen so oft beschworenen Werte wie Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit, wie Mishra anhand vieler Quellen belegt. Von diesem Punkt der Geschichte an waren viele Asiaten überzeugt, dass eine Befreiung von Europa nur mittels Gewalt möglich ist, was etwa der Vietnamkrieg belegt.

Die Geister, die ich rief

Menschenaufstellung in den Nationalfarben: Indien feiert den Unabhängigkeitstag 2013 (Foto: Reuters)

Indien feiert jedes Jahr am 15. August seine Unabhängigkeit, seit 1947

Der letzte Teil des Buches, der sich dem Wiederaufstieg Asiens während und nach dem zweiten Weltkrieg widmet, lässt die analytische Tiefe und Quellenkenntnis der vorangehenden Teile vermissen. Mishra wird Asiens Vielfalt und seiner Widersprüche nicht immer gerecht. Seine eigene These droht zwischen Verkürzungen unterzugehen.

Asien war erfolgreich, weil es westliche Gedankenmuster übernommen hat: China den Marxismus, Indien die Demokratie und fast ganz Asien schließlich den Kapitalismus. Doch vielleicht war Asien dabei zu erfolgreich. Asien träumt, so Mishra mit Bedauern, den Traum der westlichen Mittelklasse. Das sei bedauerlich, nicht nur, weil es einen Verlust an kultureller Vielfalt bedeute, sondern auch, weil er, wie er in seiner Dankesrede schreibt, überzeugt ist, "dass unser Selbstverständnis in einer so komplex vernetzten Welt unbedingt weniger provinziell und kosmopolitischer werden muss." Ansonsten müssten wir alle einen hohen Preis bezahlen. Das "Streben nach endlosem Wirtschaftswachstum" sei eine gefährliche Fantasie, die für hundert Millionen Menschen nur Frustration und Wut bereithalte. Der "Triumph der westlichen Moderne" erweise sich somit als Pyrrhussieg - sowohl für Asien als auch für Europa.


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