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Fokus Osteuropa

Europa als Ziel: Albanien vor den Wahlen

Am 3. Juli wird in Albanien ein neues Parlament gewählt. 15 Jahre nach dem demokratischen Wandel strebt die Regierung eine EU-Integration an, doch ein Großteil der Bevölkerung kämpft gegen Armut und Arbeitslosigkeit.

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Viele Wähler haben kein Vertrauen mehr in die Politik

„Wir werden den Erzfeind des albanischen Volkes bekämpfen, und das ist die Armut". Mit solchen Parolen versucht Oppositionsführer Sali Berisha, acht Jahre nach seiner unrühmlichen Abwahl nach bürgerkriegsähnlichen Unruhen wieder an die Macht zu kommen. Und er steckt den Finger in die Wunde der regierenden Sozialisten: Denn trotz einer aufblühenden Hauptstadt liegt in Albanien auch 15 Jahre nach Beginn des demokratischen Aufbruchs noch vieles im Argen. Etwa ein Viertel der Bevölkerung lebt immer noch unter der Armutsgrenze in dem drei Millionen-Seelen-Land. Die Arbeitslosenquote liegt hoch und die Produktion danieder.

Das Volk fühlt sich vergessen

Tirana, die Stadt der Kontraste, wird heute auch „Hauptstadt der bunten Fassaden" genannt. Hier prallen zwei Welten aufeinander: Vergangenheit und Gegenwart, Reichtum und Armut. Gerade in dem schicken Viertel der Boutiquen und Banken trifft man auch die Bettelarmen. Geprägt wird das Bild von Straßenhändlern.

Auf einem Hocker an der Ecke des neuen Luxus-Hotels Sheraton sitzend, versucht ein alter Mann, seine Telefonkarten zu verkaufen. Vor der stechenden Sonne schützt er sich im Schatten einer Mauerecke und liest Zeitung. Auf die Frage, was es denn Neues in der heutigen Presse gebe, hat er die Antwort parat: „Die üblichen Lügen, es geht nur um die Macht und die Monopole“. Seine Aussagen untermauert er mit temperamentvollen Gesten: „Schauen Sie, es gibt doch nur diesen Sessel, auf den können wir uns nicht zu zweit setzen, weil er sonst zerbricht. Unsere Politiker kämpfen nur für sich und für die Macht. Seit 15 Jahren haben sie das Volk vergessen, niemand kümmert sich darum, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Wir haben kein Vertrauen mehr in unseren Politiker."

„Bakschisch-Mentalität“ allgegenwärtig

Der 70-jährige Mann hat über 20 Jahre in der Landwirtschaft Knochenarbeit geleistet. Das steht ihm ins Gesicht geschrieben. Jetzt muss er sich mit ca. 60 Euro Rente im Monat über Wasser halten. Obwohl die jetzige Regierung besser für Recht und Ordnung im Lande sorgt und er sich heute frei fühle, sei man doch keinesfalls sicher, sagt er: „Ich kann mich an niemanden wenden, wenn mir Unrecht getan wird. Obwohl heute dafür die Gerichte zuständig sind. Ich frage mich: Welche Gerichte? Man muss zahlen. Ich habe doch keinen Groschen in der Tasche."

Was er sagt, ist nicht nur eine Behauptung: Unter der Hand geben das auch Richter und Justizbeamte zu, aber ins Mikrofon traut es sich doch keiner zu sagen. Auch in den Krankenhäusern ist es ein offenes Geheimnis: Wer gut behandelt werden will, muss den unterbezahlten Ärzten Trinkgeld geben. Bakschisch sei sogar in den Schulen von schlecht bezahlten Lehrern oft erwünscht, sagt Florenc, ein Abiturient aus Tirana. Der sportlich aussehende und kräftig gebaute junge Mann lebt seit einigen Jahren in der Metropole. Dort hat seine Familie sich in der Hoffnung angesiedelt, der bitteren Armut Nordalbaniens zu entfliehen: „Ich sehe für mich keine Perspektive in Albanien, weder in der Schule noch im Sport. Ich spiele ausgezeichnet Fußball, aber um vorwärts zu kommen, muss man hier entweder Beziehungen oder Geld haben. Ich habe weder das eine noch das andere und erlebe unverschämte Ungerechtigkeiten auch in der Schule. Für gute Noten muss man den Lehrern etwas „anbieten“. Ich möchte auswandern, egal wie und wohin."

Keine Perspektiven

Am 3. Juli darf der 18-jährige zum ersten Mal an die Urnen gehen, aber er weiß nicht, wem sein Votum gelten wird: „Wem soll ich mein Votum geben?! Die beiden großen Parteien, Sozialisten und Demokraten, unterscheiden sich kaum von einander. Außerdem denkt jeder Politiker, der an der Macht ist, nur ans eigene Geld und seine Interessen. Keiner kümmert sich um das Wohl des Volkes."

Nicht weit vom Stadtzentrum entfernt harrt ein Man um die 50 den ganzen Tag an einer Bushaltstelle in der Hoffnung seine frischen Sardinen zu verkaufen. Obwohl er noch fit ist und etwas Vernünftigeres machen könnte, ist er arbeitslos: „Früher habe ich in dem Stahlwerk "Çeliku i Partisë" (Stahl der Partei) gearbeitet. Der Betrieb ist in dem Werk heutzutage lahm gelegt. Ich kriege keine Rente, weil ich das Rentenalter nicht erreicht habe."

Deswegen sieht er sich gezwungen etwas privat zu unternehmen, um seine 4-köpfige Familie zu ernähren. Verkaufen auf der Straße ist ein unerlaubtes Geschäft - trotzdem wird sein Votum nur der Partei gelten, die die Gesetze respektiert. Ob er selber aber auf das Gesetz achte: „Sie haben mich erwischt. Aber was soll es, so ist es bei uns Albanern: Man kommt nicht voran ohne ab und zu mal zu tricksen. Schließlich haben wir uns jahrelang der Diktatur angepasst!"

Vilma Filaj-Ballvora, Tirana
DW-RADIO/Albanisch, 16.6.2005, Fokus Ost-Südost

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