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Staatsakt

Europäischer Trauerakt für Kohl: Abschied von einem "Nachkriegsgiganten"

Im Straßburger Europaparlament verneigten sich Staats- und Regierungschefs vor dem verstorbenen deutschen Altkanzler Helmut Kohl.

"Mit Helmut Kohl verlässt uns ein Nachkriegsgigant": EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker (Artikelbild) verabschiedete sich mit sehr persönlichen Worten und tief bewegt von Altkanzler Helmut Kohl. Dieser habe ihn als "treuer Freund" lange begleitet, sagte Juncker bei dem Trauerakt des Europaparlaments in Straßburg.

"Europäischer Patriot"

Juncker erinnerte an Kohls Rolle als Kanzler der deutschen Wiedervereinigung und beim Zusammenwachsen Europas. "Helmut Kohl war ein deutscher Patriot, aber auch ein europäischer Patriot", meinte der Luxemburger. Zwischen beidem habe es für ihn keinen Widerspruch gegeben. In "geduldigen Einzelgesprächen" habe er die Skepsis in manchen europäischen Ländern gegen die deutsche Einigung abgebaut. Und: Er habe "die Gunst der Stunde richtig eingeschätzt und genutzt." Ohne Kohl hätte es auch den Euro nicht gegeben, so Juncker. "Für ihn war der Euro stets europäische Friedenspolitik mit anderen Mitteln."

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Merkel würdigt historische Leistung Kohls

Der Dank der Kanzlerin 

Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete Kohl in ihrer Trauerrede als großen Brückenbauer zwischen Ländern und Menschen. "Er war ein den Menschen zugewandter Weltpolitiker", sagte die CDU-Vorsitzende. Der engagierte, unermüdliche Einsatz für Frieden, Freiheit und Einheit sei Kohls Vermächtnis. Merkel dankte dem Altkanzler auch ganz persönlich: "Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl, dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben. (...) Ich verneige mich vor Ihnen und Ihrem Angedenken in Dankbarkeit und Demut".

Merkel schilderte Kohl als einen Mann der Vertrauenswürdigkeit und unerschütterlichen Überzeugung. Und auch als einen Politiker, an dem sich viele Menschen gerieben haben und der Gegenargumente scharf abwehren konnte. Merkel erinnerte auch an Kohls erste Ehefrau Hannelore, die sich 2001 das Leben genommen hat. "Wir gedenken auch ihrer in Dankbarkeit." Über Kohls Witwe Maike Kohl-Richter sagte Merkel, sie habe den Altkanzler "voller Hingebung und Liebe begleitet bis zuletzt".

Macron auf Deutsch: Kein Anlass zu Resignation 

Der französische Präsident Emmanuel Macron würdigte Kohl als großen Freund Frankreichs. "Helmut Kohl reichte uns die Hand", sagte der Staatschef. Er erinnerte an die Annäherung beider Länder in den 1980er Jahren und die Nähe Kohls zum damaligen französischen Präsidenten François Mitterrand. "Für meine Generation ist Helmut Kohl schon Teil der europäischen Geschichte", sagte der 39-Jährige. Er bekräftigte in Straßburg auch erneut seinen Willen zur Zusammenarbeit mit Deutschland und mit Kanzlerin Merkel. Macron zum Abschluss auf Deutsch: "Wir haben heute überhaupt keinen Anlass zur Resignation. Wir haben vielmehr Grund zu realistischem Optimismus."

Straßburg Trauerfeier Europa nimmt Abschied von Helmut Kohl Bill Blinton (picture alliance / Sven Hoppe/dpa)

Eine sehr emotionale Rede des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton

Eine Liebeserklärung 

Der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton widmete große Teile seiner Rede persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen mit Kohl. "Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand niemanden dominiert", eine Welt, in der Zusammenarbeit als besser gilt als der Konflikt, fasste er das Lebenswerk des Verstorbenen zusammen. Clinton endete mit den Worten an Kohl: "Du hast das gut gemacht in deinem Leben. Und wir, die wir dabei sein durften, lieben dich dafür." 

Der Moskauer Ministerpräsident Dmitri Medwedew erinnerte an die engen Beziehungen Helmut Kohls zu Russland. Für den Altkanzler sei Russland Bestandteil eines vereinten Europas gewesen, sagte Medwedew in Straßburg, wo er als Privatperson sprach. "Für ihn war das ein Teil eines gemeinsamen Hauses, ohne Stacheldraht", so der Regierungschef. 

Zum Auftakt hatte EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani Mut und Tatkraft Kohls gewürdigt. Er nannte Kohl "einen politischen Riesen, der fähig war, dem Bürger Gehör zu schenken und eine Vision über das Tagesgeschäft hinaus zu entwickeln". "Er war ein Kämpfer für die Freiheit und die Demokratie und einer der Protagonisten der Wiedervereinigung unseres Kontinents. Stets und überall verteidigte er die Würde des Menschen gegen Mauern, gegen eiserne Vorhänge und gegen totalitäre Regime." Kohl habe "sicherlich einen Ehrenplatz im europäischen Pantheon verdient."

Kaiserdom zu Speyer (picture-alliance/dpa/U. Anspach)

Die Totenmesse für Helmut Kohl findet im Dom zu Speyer statt.

Zuvor hatten Soldaten des Wachbataillons des Bundesverteidigungsministeriums den mit einer Europaflagge bedeckten Sarg des Altkanzlers in den Plenarsaal getragen - begleitet von einer Totenwache des Eurokorps.

Erstmals wurde für einen Politiker ein solcher europäischer Trauerakt ausgerichtet. Einen deutschen Staatsakt für Kohl wird es dagegen nicht geben. Helmut Kohl war 16 Jahre lang Bundeskanzler und 25 Jahre lang CDU-Vorsitzender. Der "Ehrenbürger Europas" starb am 16. Juni im Alter von 87 Jahren.

Mit dem Schiff nach Speyer  

Am Nachmittag transportierte ein Hubschrauber den Sarg zurück in Kohls Heimatstadt Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz. Er wurde in einem Trauerkonvoi durch die Innenstadt gefahren, um den Menschen einen Abschied von Kohl zu ermöglichen. Die letzten Kilometer bis ins nahe Speyer bringt ein Schiff den Leichnam Kohls.

Im Kaiserdom zu Speyer wird der katholische Bischof Karl-Heinz Wiesemann dann die Totenmesse halten (18.00 Uhr MESZ). Rund 1500 geladene Gäste werden dazu erwartet. Zu Speyer und seinem Dom hatte der Pfälzer Kohl seit seiner Kindheit eine besondere Beziehung.

Ludwigshafen Trauerzug für Altkanzler Kohl (picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

Trauerkonvoi durch Ludwigshafen

Nicht im Familiengrab 

Nach einem militärischen Ehrenzeremoniell der Bundeswehr soll er anschließend auf einem nahen Friedhof in Speyer im Freundes- und Familienkreis beigesetzt werden. Kohl wird damit nicht im Familiengrab in Ludwigshafen bestattet.

Ein Großaufgebot der Polizei mit mehr als 1000 Beamten sichert die Trauerfeierlichkeiten. Die Beisetzung dürfte zu den größten Beerdigungen in der deutschen Nachkriegsgeschichte zählen, Tausende Menschen werden dazu alleine in Speyer erwartet.

SC/gri (dpa, afp, epd)

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