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Bildung

Europäischer Hochschulraum? Yes we can!

Internationalisierung des Studiums, Verkürzung der Studienzeiten, Harmonisierung der Abschlüsse: In Belgien haben die europäischen Erziehungsminister über die weiteren Ziele des Bologna-Prozesses bis 2020 beraten.

Symbolbild Europa (Foto: pa / Helga Lade Fotoagentur / DW)

"Yes we can" - Diesen Spruch hatten wohl auch die Erziehungsminister aus 46 Ländern im Kopf, als sie sich vergangene Woche im belgischen Leuwen trafen, um die weiteren Ziele des Bologna-Prozesses bis 2020 zu beraten und zu verabschieden. Armin Himmelrath war in Leuwen dabei und berichtet im Gespräch mit DW-WORLD.DE über die Ergebnisse der Tagung.


DW-WORLD.DE: Haben sich die Minister in Leuwen gegenseitig auf die Schulter geklopft und gesagt: "Yes we can"?

Armin Himmelrath: Man hat sogar diesen Ausspruch von Barack Obama in der Abschlusspressekonferenz zitiert. Man hat gesagt: "Yes we can - und auf das, was wir in den letzten zehn Jahren bei diesem Bologna-Prozess geschafft haben, können wir stolz sein. Wir sind auf dem richtigen Weg, der hinführt zu einem einheitlichen europäischen Hochschulraum." Das war ja das Ziel, das damals formuliert worden war, und von daher herrschte bei den Ministern nach der Veranstaltung große Zufriedenheit.

Die Vereinheitlichung der Studienabschlüsse auf Bachelor und Master sollte aber eigentlich schon bis 2010 geschafft werden. Hat man das nun bis 2020 verschoben oder was sind die nächsten Ziele?

Man hat einfach den alten Endtermin 2010 zum neuen Halbzeittermin erklärt und gesagt, bis 2020 wollen wir es schaffen, dass die internationale Mobilität der Studierenden zustande kommt und dass die Abschlüsse europaweit wirklich einheitlich und vergleichbar sind. Man hat auch ein paar ganz konkrete Ziele formuliert. Eines davon ist zum Beispiel, dass bis zum Jahr 2020 jeder fünfte Student in Europa vor seinem Examen wenigstens ein halbes Jahr im Ausland gewesen sein soll.

Hat man sich da nicht ein bisschen viel Zeit eingeräumt? In Deutschland sind drei Viertel der Studiengänge bereits umgestellt - was soll denn in weiteren zehn Jahren alles passieren?

Studierende der Jacobs-University Bremen bei der Bachelor-Zeremonie (Foto: dpa)

Deutschland ist bei der Umstellung auf Bachelor und Master weit vorne

Es sind schon einige Probleme deutlich geworden bei dieser Tagung. Deutschland ist mit der Umstellungsquote auf Bachelor und Master sehr weit vorne in Europa. Es gibt andere Länder wie Spanien, Griechenland oder Portugal, die da deutlich zurückhaltender sind und in denen es auch viel mehr Skepsis gegenüber dem Bologna-Prozess gibt. Auf der anderen Seite wurde in Deutschland bisher sehr stark über die Strukturen debattiert mit dem Erfolg, dass wir tatsächlich diese neuen Studienabschlüsse haben, aber dafür wurde bei uns zuwenig über die Inhalte diskutiert.

Der deutsche Delegationsleiter Jan-Hendrik Olbertz, Wissenschaftsminister in Sachsen-Anhalt, sieht da auf der deutschen Seite noch erheblichen Bedarf und fordert inhaltliche Diskussionen statt Strukturdebatten. Dann werde man die gegenwärtigen Umstellungsprobleme nicht nur lösen, sondern auch in eine positive Haltung wenden können. Gerade in Deutschland, so Olbertz, würden Probleme dem Bologna-Prozess angelastet, die manchmal gar nichts damit zu tun hätten und bereits viel älter seien. Die Lehrdefizite an den deutschen Universitäten etwa seien nicht kausal auf den Bologna-Prozess zurückzuführen. Im Klartext: Es muss sich viel mehr bewegen als diese Umstellung, die Unis müssen sich einfach mehr Gedanken machen über besseren Unterricht.

In Deutschland gibt es ja die Kritik, dass der Stoff einfach nur komprimiert wurde ohne die Studiengänge wirklich inhaltlich umzustrukturieren.

Darüber sind sich die Studenten und die Minister sogar relativ einig. Jan-Hendrik Olbertz hat während der Konferenz mehrfach betont, dass die Lehrpläne von überflüssigem Wissen entrümpelt werden müssen, so dass das Studium dann auch gut in sechs Semestern zu schaffen ist bis zum Bachelor, dass in diesen sechs Semestern auch möglichst noch Zeit ist für ein Auslandssemester und dass die Studenten auch das Gefühl haben, sich auf ein Thema einlassen zu können und nicht nur von Prüfung zu Prüfung zu hetzen.

Kritisiert wurde ja auch immer der soziale Rahmen dieses ganzen Bologna-Gefüges. So lassen zum Beispiel die kürzeren Studienzeiten kaum mehr die Möglichkeit nebenbei Geld zu verdienen: Das alles muss ja auch sozial aufgefangen werden. Wie hat man sich in Leuwen zu diesem Aspekt geäußert?

Demonstration gegen Studiengebühren (Foto: dpa)

Europas Studierende fordern bessere Rahmenbedingungen

Das Problem ist den Ministern sehr wohl bewusst. Sie haben auch beschlossen, dass es gerade für diese sozialen Rahmenbedingungen des Studiums nationale Aktionspläne geben soll. Jedes Land wird sozusagen mit der Hausaufgabe nach Hause geschickt, sich darum zu kümmern, dass das besser wird. Aber was das genau heißt, vor allem auch auf europäischer Ebene, darüber findet sich im Abschlusskommuniqué nichts. Das wurde auch vom Deutschen Studentenwerk schon massiv kritisiert nach der Konferenz. Auf studentischer Seite ist die Enttäuschung über diesen Aspekt, der zwar im Kommuniqué genannt, aber nicht mit Inhalt gefüllt wird, sehr groß.

Bleiben wir beim Geld: Studiengebühren sind ja in Deutschland wieder ein ganz großes Thema, nachdem das Bundesverwaltungsgericht entschieden hat, dass Studiengebühren rechtmäßig sind. Waren die Studiengebühren auch Thema auf der Konferenz in Leuwen?

Nur bei den studentischen Teilnehmern. Die Minister haben gesagt, der Hochschulprozess, der ganze Bildungsprozess, muss grundsätzlich offen sein für alle möglichen Finanzierungsquellen. Und die Minister verstehen darunter durchaus auch die Möglichkeit, dass Studenten selber mit Gebühren beitragen zur Finanzierung der Hochschulen. Sie haben nichts beschlossen, was das eindämmen könnte - selbst wenn sogar einige Minister skeptisch sind, ob man allein auf die Kräfte des Marktes setzen soll, wenn es um Hochschulbildung geht.

Das Gespräch führte Gaby Reucher
Redaktion: Claudia Unseld

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