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Wirtschaft

Europäischer Film-Markt spürt noch keine Krise

Neben den Internationalen Filmfestspielen hat sich in Berlin der European Film Market etabliert, der mittlerweile zu den drei weltgrößten Handelsplätzen für Filme zählt. Noch ist hier von einer Krise nichts zu spüren.

Fotomontage: Flagge der diesjährigen Berlinale vor einem Kameramann

Nicht nur Schaubühne, sondern auch Marktplatz: Die Berlinale

Wer in diesen Februartagen nach Berlin kommt, erlebt eine Stadt im Ausnahmenzustand. Es sind Filmfestspiele, und wer nur immer es einrichten kann, geht ins Kino – morgens, mittags, spät am Abend. Nicht zuletzt wegen dieses ungebrochenen Interesses ist die Berlinale auch für Einkäufer ein ausgesprochen interessantes Festival. Denn hier erfahren sie hautnah, wie ein sachkundiges internationales Publikum auf neueste Kinoproduktionen reagiert – und machen manche Kaufentscheidung davon abhängig. Gehandelt wird auf dem European Film Market, der sich von einem kleinen Anhängsel der Internationalen Filmfestspiele Berlin zu einem der drei ganz großen Filmmärkte der Welt entwickelt hat:

Beki Probst Leiterin European Film Market (AP Photo/Markus Schreiber)

Beki Probst: "Die Leute brauchen Filme!"

Dieser Markt ist eine eigene kleine Welt mit über 6000 registrierten Teilnehmern aus 59 Ländern, die nach Berlin gekommen sind, um Geschäfte zu machen. Knapp 700 Filme haben sie im Angebot, in den prächtigen Räumen des Martin Gropius Baus und erstmals auch in einem benachbarten Luxushotel wird in den nächsten Tagen über deren Verkauf leidenschaftlich verhandelt werden. Trotz oder ungeachtet der weltweit angespannten Situation auf dem Finanzmarkt:

Konjunkturbarometer

"Das wird ein Barometer sein. Noch merken wir nicht, dass wir in eine Krisensituation sind", sagt die Kosmopolitin Beki Probst, eine gebürtige Türkin und Kinobetreiberin in der Schweiz. Sie leitet den European Film Market seit 20 Jahren. Ihr Optimismus, dass das Filmgeschäft auch im Jahr der internationalen Banken- und Finanzkrise florieren wird, hat einen einfachen Grund: "Die Leute brauchen Filme! Und ohne Filme geht es nicht", glaubt sie.

Gewichtiger wiegt indes ein anderes Argument. Es sind nämlich bislang ausschließlich amerikanische Produktionsfirmen, die sich infolge der Finanzkrise neu aufstellen müssen. Weil es in den USA, anders als beispielsweise in Europa, keine staatlichen Filmförderungssysteme gibt, waren die großen Studios auf Bankkredite und die Zuwendungen von Sponsoren angewiesen. "Nun müssen sie sich neu orientieren", erläutert Martin Blaney, Fachjournalist des britischen Branchenmagazins Screen International, "jetzt suchen sie andere Möglichkeiten in Indien oder im Nahen Osten, um große Filme zu finanzieren. Ungarn, Rumänien, Russland, Kasachstan – die Karawane zieht immer weiter nach Osten, weil man da billiger produzieren kann."

Die Amerikaner kommen

Berlinale Filmvorführer Jörg Maske kontrolliert einen Film

Filme sind auch Handelsware - die Vorführrechte kosten bis zu zwei Millionen Euro

Seit zwei Jahren aber kommen die Amerikaner auch gerne nach Deutschland. Weil die großen Studios in Potsdam-Babelsberg und München für Großproduktionen perfekt ausgestattet sind. Und weil auch internationale Koproduktionen Zuschüsse aus dem Topf des Deutschen Filmförderfonds beantragen können – von jenen 60 Millionen Euro, die die Bundesregierung seit 2007 jährlich für die Herstellung von Kinofilmen in Deutschland zur Verfügung stellt. Zuletzt hat Quentin Tarantino diese Möglichkeit genutzt und mit Brad Pitt in Babelsberg gedreht.

Internationale und nationale, auch kleinere und ambitionierte Filme feiern auf der Berlinale ihre Europa- oder Weltpremiere. Allein vier niederländische Beiträge laufen dieses Jahr im ‚Forum des jungen Films‘ und im Kinderfilmfest. Von der Aufmerksamkeit, die sie dort finden werden, möchte Claudia Landsberger direkt profitieren. Denn auf dem Filmmarkt verkauft sie holländische Filme und sorgt als Präsidentin der European Film Promotion zudem dafür, dass ambitionierte kleinere Produktionen aus 30 europäischen Ländern weltweit wahrgenommen werden: "Einen holländischen Film, der im Winter spielt, kann man zum Beispiel in Asien gut verkaufen, weil der dort so exotisch wirkt", sagt sie.

Interesse an Exoten

Infolge der Globalisierung ist das Interesse an Geschichten aus fernen Ländern noch einmal gestiegen. "Man geht ins Kino", sagt Claudia Landsberger, "um sich auf Reisen zu begeben und in andere Welten einzutauchen." Nicht von ungefähr erfreuen sich in Europa Dokumentarfilme aus Asien, Afrika und Lateinamerika zunehmender Beliebtheit. Der European Film Market hat auf diese Entwicklung reagiert und unter dem Titel "Meet the Docs" einen gesonderten Handelsplatz für den Dokumentarfilm eingerichtet.

"Berlin ist ein Markt, auf dem auch ein kleiner Vertrieb oder ein kleiner Produzent einen Platz an der Sonne hat, denn er verschwindet nicht unter einer Riesenmasse", weiß Markt-Leiterin Beki Probst. Denn im Martin-Gropius Bau laufen sich alle über den Weg. Bei Kaffee oder einem Glas Wein werden sie dann handelseinig. Ganz diskret geht das zu, sagt die kosmopolitische Markt-Chefin. Aber oft ist von viel Geld die Rede. Wer einen produzierten Film kaufen möchte, um ihn in seinem Land in die Kinos zu bringen. muss in der Regel mit Kosten zwischen 100.000 und zwei Millionen Euro rechnen.

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