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Kultur

Europäische Aufklärung in Peking

Ein Kulturereignis der Superlative - das Chinesische Nationalmuseum zeigt den größten deutschen Ausstellungs-Export aller Zeiten: Kunst der Aufklärung, in der revolutionäre Gedanken stecken. In China stört das niemanden.

Julius Caesar Ibbetson, George Biggins Aufstieg in Lunardis Ballon, um 1785/1788 (Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen,Bruno Hartinger)

"Wer hätte sich vor zehn Jahren träumen lassen, dass das möglich ist?", fragt Michael Eissenhauer selbstbewusst, und strahlt unbändige Energie und Zuversicht aus, wenn er von dem kulturellen Großereignis spricht, das in wenigen Tagen Wirklichkeit werden soll. Eissenhauer ist Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, die das deutsch-chinesische Kunststück gemeinsam mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München auf den Weg gebracht haben. Unzählige Male ist er nun zwischen Berlin und Peking hin und hergeflogen. "Es ist eine Sensation", sagt er, "und gar nicht hoch genug einzustufen, dass die drei größten deutschen Museen so eng zusammenarbeiten, über viele Jahre hinweg und sogar über den Wechsel der Generaldirektoren in München und Berlin."

Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, sunter chinesischen Schriftzeichen (übersetzt: Die Kunst der Aufklärung). Foto: Stephanie Pilick dpa/lbn +++(c) dpa - Bildfunk

Michael Eissenhauer

Doch nicht nur die außergewöhnliche Kooperation der deutschen Museen, auch die enge Zusammenarbeit mit den chinesischen Kollegen grenzt an ein kleines Wunder. Dass der Umbau des Chinesischen Nationalmuseums, das nun zu den größten der Welt gehört und am 1. April mit der "Kunst der Aufklärung" neu eingeweiht wird, von einem renommierten deutschen Architektenteam - Gerkan, Marg und Partner - gestaltet wurde, ist ein weiterer Grund, die chinesisch-deutschen Kulturbeziehungen zu loben.

Kollegiale Zusammenarbeit

Um so mehr gilt das für das Thema der deutschen Ausstellung: "Die Kunst der Aufklärung" birgt geistesgeschichtliche Energien, die sich auf aktuelle politische Fragen beziehen ließen. Doch Michael Eissenhauer zieht eine strikte Trennungslinie: "Es ist nicht unsere Aufgabe, Politik zu machen", bringt er es knapp auf den Punkt, und spricht statt dessen lieber von dem dringenden Interesse, mit den chinesischen Kollegen zusammenzuarbeiten - gerade aus Sicht der Staatlichen Museen zu Berlin, wie er betont: "Wir bezeichnen uns in unserem Selbstverständnis als Universalmuseum, denn wir sammeln alle Kulturen aller Menschen aller Zeiten. Daher sind wir Partner für die anderen großen Museen der Welt in den großen Kulturnationen, zu denen auch China zweifellos gehört. Deshalb ist es für uns selbstverständlich - und nicht eine Frage irgendwelcher politischer Entscheidungen -, dass wir versuchen, mit den Kollegen gemeinsam zu arbeiten."

Architekturentwurf des National Museum of China (Foto: Architectural Design Institute, GMP International)

Architekturentwurf des Chinesischen Nationalmuseums von Gerkan, Marg und Partner

Chinesische Aufklärungs-Debatte

Kunst der Aufklärung im politikfreien Raum? Längst debattieren Intellektuelle in Peking über die europäische Aufklärung und ihre Definition universeller Werte, die zur Basis der Menschenrechte wurden. Der Friedensnobelpreis für den inhaftierten Schriftsteller Liu Xiaobo Ende 2010 trieb die Diskussion über Meinungsfreiheit weiter an. Schließlich die arabischen Revolutionen: Vor kurzem waren in China Proteste nach tunesischem Vorbild geplant. Doch die Behörden verhinderten sie mit dem größten Polizeieinsatz seit den Olympischen Spielen, ausländische Journalisten wurden stundenlang festgehalten.

Antoine Watteau, Gesellschaft im Freien, um 1720 (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Jörg P. Anders)

Antoine Watteau: "Gesellschaft im Freien"

Das Projekt "Kunst der Aufklärung" aber, betont Michael Eissenhauer, sei von Eingriffen der Behörden verschont geblieben, und er sehe auch keine Probleme auf der Zielgeraden. "Wir sind erst mal völlig zuversichtlich. Seit ich die Ausstellung begleite, kann ich - und das ist wirklich bemerkenswert - sagen, dass es für uns niemals, an keiner einzigen Stelle, weder inhaltlich noch in der Objektauswahl noch in den Texten, die im Katalog stehen werden, in irgendeiner Weise zu irgendeinem Zeitpunkt irgendetwas gab, das von chinesischer Seite nicht akzeptiert wurde."

Mut zum eigenen Denken

Indessen wird sich noch erweisen müssen, ob auch der Zugang zur Ausstellung uneingeschränkt möglich ist. Auch wenn sie sich auf einen kunsthistorischen Standpunkt beschränkt, ist die politische Dimension nicht vom Tisch. Dass der Aufklärungs-Philosoph Immanuel Kant selbstbewusst forderte, "habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen", ist auch einem gebildeten Publikum in Peking bekannt.

Caspar David Friedrich, Hünengrab im Schnee, 1807 (Foto: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Jürgen Karpinski)

Caspar David Friedrich: "Hünengrab im Schnee"

Wie präsent die europäische Aufklärung dort ist, erstaunte selbst Eissenhauer - und die vielen Anknüpfungspunkte, die er dort fand, machen die Vermittlung der Ausstellung leichter: "Wir holen die chinesischen Besucher der Ausstellung ab, bei dem, was wir unter der Geistesgeschichte der Aufklärung verstehen, von Kant bis Rousseau, von Goethe bis Schiller und Lessing. Das ist ihnen ein Begriff, das hat uns sehr überrascht, sie kennen das zum Teil im Original, zum Teil in Übersetzungen, es ist Unterrichtsstoff in der Schule, die europäische Aufklärung zu besprechen."

Gottlieb Schick, Porträt der Heinrike Dannecker, 1802 (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Jörg P. Anders)

Gottlieb Schick: "Porträt der Heinrike Dannecker"

Nun also sollen sich deren Ideen anschaulich zeigen - nicht zuletzt in Gestalt von Objekten, die technischen Fortschritt und die Geburt der Naturwissenschaften zeigen. Im Mittelpunkt aber stehen Malerei, Skulptur und Grafik, darunter Arbeiten von Francisco de Goya, Antoine Watteau oder Caspar David Friedrich. Da kann der freie Blick ins Elbtal oder die Darstellung einer jungen Frau schon mal ein ganzes Revolutionsprogramm sein - so wie beim Maler Gottlieb Schick und seinem berühmtem Porträt der Heinrike Dannecker, einer selbstbewussten jungen Frau, die dominant im Bild sitzt und ein paar Blumen in der Hand hält.

Informelle Diskussionen?

"Sie erzählt etwas über die Veränderung der Rolle der Frau durch den Einfluss der Aufklärung und der Französischen Revolution", erklärt Eissenhauer. "Vor einer freien Landschaft ist sie sozusagen in der Freizügigkeit der Natur als starkes Individuum erkennbar". Und dann trägt sich auch noch die Signalfarben der Französischen Revolution: Blau, Weiß, Rot: "Damit ist es ein ungeheuer starkes Signal für das, was die Werte der Aufklärung, die Veränderung des Individuums in der Gesellschaft anbelangt."

Ein ganzes Jahr lang soll die spektakuläre Schau in Peking nun gezeigt werden. Darüber hinaus soll es ein breites Begleitprogramm mit Foren und Salons - ganz im Stil der Aufklärungs-Zeit - geben. Sogar ein langfristig angelegtes Austauschprogramm für Museums-Mitarbeiter beider Länder gehört dazu. Vielleicht bietet sich da Gelegenheit zu informellen politischen Diskussionen, die sich auf dem Präsentierteller des Nationalmuseums von vornherein verbieten.

Autorin: Aya Bach

Redaktion: Marlis Schaum

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