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Europa

EU will mehr Frauen in Aufsichtsräten

Die Europäische Union erhöht den Druck auf Unternehmen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. EU-Kommissarin Viviane Reding will bis 2020 einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent in Aufsichtsräten.

EU-Kommissarin Viviane Reding setzt sich seit einigen Jahren für mehr Frauen in Führungspositionen von großen Unternehmen ein. Ihre Geduld mit vielen EU-Ländern - insbesondere Deutschland - ist langsam am Ende, denn diese schaffen es nicht, das Geschlechtergefälle und die Ungleichheit am Arbeitsplatz zu verringern.

Am Montag (03.09.2012) legte Redings Büro den anderen Kommissionsdienststellen einen Richtlinienentwurf zwecks Ressortabstimmung vor. Eine Sprecherin sagte der Deutschen Welle, Ziel sei es, die Richtlinie bereits im Herbst dieses Jahres umzusetzen. Falls sie tatsächlich verabschiedet wird, wären alle 27 EU-Länder verpflichtet, ein Gesetz für eine verbindliche Frauenquote in Unternehmen einzuführen, die an den Börsen eingetragen sind. Diese würde ab dem 1. Januar 2020 gelten. Unternehmen mit staatlicher Beteiligung müssten mit "gutem Beispiel vorangehen", so die Sprecherin. Für sie gälte die Quote schon zwei Jahre eher.

Mindestens zwei von fünf

Studentinnen an der Europa-Universität Viadrina (Foto: dpa)

Genug Nachwuchs wäre da: Studentinnen an der Europa-Universität Viadrina

In der "Welt am Sonntag" und der Online-Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung" sind Details des Richtlinienentwurfs erschienen. Demnach müssten bis 2020 mindestens 40 Prozent aller Aufsichtsratmitglieder weiblich sein. Ein männlicher Kandidat würde die Stelle nicht bekommen, wenn auf der Bewerberliste eine Frau mit gleichen Qualifikationen stehen würde. "Es ist wichtig zu betonen, dass das, was wir planen, keine positive Diskriminierung ist", sagte die Sprecherin der Kommission. Frauen würden für den Job nur dann bevorzugt werden, wenn beide Kandidaten gleichermaßen für die Position geeignet wären und das gleiche Maß an Kompetenz und professionelle Leistung mitbrächten.

Allerdings würde die Regel noch nicht für die Vorstände gelten. Außerdem könnten kleinere und mittlere Unternehmen - also Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatzvolumen von weniger als 50 Millionen Euro - wie gewohnt weiter machen, auch wenn sie an der Börse notiert sind.

Unternehmen, die das Ziel nicht erreichen, müssten entweder mit Geldstrafen rechnen oder damit, dass ihre Subventionen gesenkt werden. Aber es würde den Mitgliedsstaaten überlassen zu entscheiden, wann welche Sanktionen gelten. Das Europäische Parlament und eine qualifizierte Mehrheit der Mitgliedstaaten im Europäischen Rat müssen den Vorschlägen noch zustimmen.

Problemkind Deutschland

Viviane Reding (Foto:Yves Logghe/AP/dapd)

Unzufrieden mit Deutschland: Viviane Reding

Insbesondere Deutschland hinkt in Bezug auf Chancengleichheit hinterher. EU-Kommissarin Reding hat ihre Unzufriedenheit mit dem peinlichen Zustand der Gleichstellung der Geschlechter in der deutschen Berufswelt mehrfach zum Ausdruck gebracht. Laut Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die im Mai veröffentlicht wurden, ist die Diskrepanz zwischen den Gehältern von Männern und Frauen in Deutschland am größten.

Frauen, die Vollzeit arbeiten, verdienen im Durchschnitt etwa ein Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen. Die OECD-Zahlen zeigen auch, dass Deutschland schlecht abschneidet, wenn es um Frauen in der Vorstandsetage geht. Deutsche Vorstände sind fast ausschließlich männlich - Frauen machen nur drei Prozent der Mitglieder aus. In den Aufsichtsräten ist der Anteil etwas höher - mit 10 bis 15 Prozent aber immer noch weit entfernt von den Forderungen der Kommission.

Freiwillige Regelung wird kritisiert

Kristina Schröder (Foto: dpa)

Kristina Schröder sperrt sich gegen die Quote

Im Jahr 2011 half Familienministerin Kristina Schröder (CDU) den Unternehmen, eine verbindliche Frauenquote abzuwenden, und optierte stattdessen für ein freiwilliges System. Dieses wurde von der Opposition stark kritisiert. Seitdem haben Politiker in Berlin heftige Debatten über die Möglichkeit einer rechtlich verbindlichen Quote geführt - auch innerhalb der regierenden Koalition der Liberalen und Konservativen.

Im Mai 2012 erhöhte Viviane Reding den Druck und sagte, sie erwäge eine pan-europäische Gesetzgebung. Damals sagte sie der "Welt": "Ich bin kein Fan von Quoten. Aber ich mag die Ergebnisse, die sie erzielen."

In Deutschland bekommt Reding Unterstützung von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Sie begrüßte Redings Vorschläge und sagte der "Welt am Sonntag": "Wenn die europäischen Länder wettbewerbsfähig bleiben wollen, dann geht das nicht ohne Frauen an der Spitze."

"Nicht schnell genug"

Deutsche Bank-Türme (Foto: ddp images/AP Photo/Michael Probst)

Die Deutsche Bank hat das Quoten-Ziel bereits erreicht

Aber Europa ist bei der Verbesserung der Gleichstellung der Geschlechter nicht schnell genug, sagen andere wie Kerstin Westphal, die für die Sozialdemokraten im Europaparlament sitzt. In einer Presseerklärung begrüßte sie Redings Vorschläge, fügte aber hinzu: "Die Vorschläge, die jetzt publik werden, gehen in die richtige Richtung - aber nicht weit genug." Einer von Westphals größten Kritikpunkten ist, dass die Quote laut der Richtlinie erst 2020 umgesetzt sein müsste.

Die Mehrheit der 30 größten Unternehmen in Deutschland, die an der Börse notiert sind, wird hart arbeiten müssen, um das Ziel von 40 Prozent in den nächsten sieben Jahren zu erreichen. Heute sind nur 19,4 Prozent der Mitglieder der Aufsichtsräte weiblich. Die Deutsche Bank ist die einzige, die das von Brüssel vorgeschlagene Ziel schon erfüllt hat.

Der Aufsichtsrat des Energie-Riesen RWE besteht aus 24 Personen, und nur drei von ihnen sind Frauen. Das Unternehmen sagte der Deutschen Welle, dass sie Frauen durch sogenannte Diversity-Management-Programme unterstützen. Dazu gehören transparente Personalprozesse, gezielte Coaching-Maßnahmen und ein Mentorenprogramm. Darüber hinaus unterstützt RWE auch das Netzwerk von Frauen in Führungspositionen und talentierte Nachwuchskräfte.

Aber während diese Maßnahmen dazu beitragen können, den Anteil von Frauen in Unternehmen zu erhöhen, scheinen staatliche Interventionen nötig, um Spitzenpositionen gerechter zu verteilen. Frankreich führte im Frühjahr 2011 eine Frauenquote ein - der Anteil der Frauen in Führungspositionen stieg daraufhin um 10 Prozent an.