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Asien

EU-Ratspräsident "twittert" in China

Inzwischen tummeln sich viele europäische Politiker in sozialen Netzwerken. EU-Ratspräsident van Rompuy "twittert" sogar auf Chinas größtem Onlinenetzwerk Weibo – und hat dort überraschend viele Fans gefunden.

European Council President Herman Van Rompuy hold a joint news conference after an European Union summit in Brussels January 30, 2012. European leaders agreed on a permanent rescue fund for the euro zone on Monday and 25 of the 27 EU states backed a German-inspired pact for stricter budget discipline, but they struggled to reconcile fiscal austerity with economic growth. REUTERS/Francois Lenoir (BELGIUM - Tags: POLITICS BUSINESS EMPLOYMENT) // Eingestellt von wa

Herman van Rompuy / EU / EU-Ratspräsident / Europäische Union

Knapp 300 Millionen Menschen haben in China einen Mikroblog-Account. Seit Mai 2011 gehört auch Herman van Rompuy dazu. Er hat ein Profil auf "Weibo", der größten chinesischen Mikroblog-Seite. Van Rompuys Präsenz auf Weibo stößt auf unerwartet großes Interesse. Der EU-Ratspräsident gilt in der Heimat eher als graue Maus und dürfte sogar vielen Europäern gänzlich unbekannt sein. In China dagegen ist van Rompuy ein Online-Superstar: Seinen Kurznachrichten folgen mehr als 185.000 Menschen. Dabei schreibt er nicht einmal auf Chinesisch sondern auf Englisch.

Mittlerweile sei das Schreiben auf Weibo ihm schon zur Gewohnheit geworden, meint van Rompuy. Seine Beliebtheit erklärt er sich mit einem "großen Wissensdurst", besonders unter jungen Chinesen: "Sie interessieren sich für Europa und die Vielfältigkeit der europäischen Kultur."

Herman van Rompuy mit Bild auf der Weibo-Plattform (Foto: dw)

Der Account des EU-Ratspräsidenten auf der Weibo-Plattform

Und da junge Leute die Mehrheit der Weibo-Nutzer ausmachen, sei das ein großartiges Kommunikationsmedium. Der Ratspräsident will insbesondere der jüngeren Generation Europa etwas näher bringen. Das Kommentieren von Nachrichten ermöglicht darüber hinaus zumindest einen indirekten Dialog. Angespornt von seinem Erfolg wirbt van Rompuy bei seinen Kollegen um Nachahmung: "Ich hoffe sehr, dass auch andere europäische Politiker versuchen werden, die chinesische Öffentlichkeit über das Internet zu erreichen – dort, wo sie am ehesten anzutreffen ist. Ich werde also mit einigen meiner Kollegen sprechen, damit ich nicht der einzige bleibe, der die junge chinesische Öffentlichkeit anspricht."

Termine und Haikus

Die Nachrichten auf van Rompuys Weibo-Seite erscheinen auf den ersten Blick eher harmlos: Wann er welchen Termin wahrnimmt; was es bei einem Treffen zum Abendessen gab; was er über den Verkehr auf Pekings Straßen denkt.

Herman van Rompuy präsentiert sein Buch mit Haiku-Gedichten (Foto:DW)

Herman van Rompuy hat seine Haiku-Gedichte in einem Buch veröffentlicht

Deutlich persönlicher sind seine selbst verfassten Haikus, eine japanische Form des Kurzgedichts. Die kommen bei seinen Fans gut an: "Chinesen sind sehr interessiert am Ausland und neugierig, was die Führungskräfte der Welt denken und tun. Besonders angesichts der Tatsache, dass chinesische Politiker nicht über Mikroblogs kommunizieren." Seine Haikus zu China etwa haben sehr viel Zustimmung erhalten, so van Rompuy: "Ich vermute, dass das chinesische Publikum ein positives Bild hat von Politikern, die sich auch für solche Sachen wie Poesie oder Philosophie interessieren – kurzum, die keine reinen Technokraten und nicht nur Politiker sind."

Vielen dieser "reinen Technokraten" Chinas ist Weibo schon lange ein Dorn im Auge. Bis jetzt ist hier im Vergleich zu anderen Medien ein relativ freier Meinungsaustausch möglich. Doch die enorme Dynamik der Mikroblogs hat chinesische Offizielle bereits mehrfach überrascht. Jetzt sind Verschärfungen der Zensurmaßnahmen geplant. Insbesondere sollen sich User nur noch mit ihren echten Namen anmelden dürfen. Die komplette Abschaltung von Weibo hält van Rompuy für unwahrscheinlich, vor allem wegen der immens hohen Nutzerzahlen. Oft fänden die Leute dort kreative und humorvolle Wege, trotz Zensur ihre Meinung zu äußern.

Interesse am Dialog

Bei der Popularität von van Rompuys Weibo-Blog für junge Chinesen drängt sich die Frage nach der europäischen Öffentlichkeit auf. Bei Twitter hat der Ratspräsident bisher nur einen Bruchteil der Fans, die ihm auf Weibo folgen. Interessieren sich Chinesen mehr für Europa als die Europäer selbst? Van Rompuy gibt sich optimistisch: "Ich habe jetzt etwa 45.000 Leser auf Twitter, vor einem Jahr waren es Null. Wir holen also auf und ich denke, es gibt ein echtes Interesse am Dialog und der Interaktion mit Politikern und besonders mit dem europäischen Ratspräsidenten."

Ob die Kurzgedichte des EU-Ratspräsidenten in Europa ebenso begeistert aufgenommen werden wie in China, bleibt abzuwarten. Seine chinesischen Fans grüßt Van Rompuy jedenfalls mit Blick auf den EU-China-Gipfel (14.02.2012) mit einem neuen Haiku: "China von heute. Es erfindet sich selbst neu. Alt, neu – zusammen."

Autor: Florian Struth
Redaktion: Matthias von Hein/Ana Lehmann