EU-Mexiko: Der bizarre Käse-Streit | Wirtschaft | DW | 23.01.2018
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Freihandelsabkommen

EU-Mexiko: Der bizarre Käse-Streit

Seit Monaten verhandeln die Europäische Union (EU) und Mexiko über die Ausweitung des gemeinsamen Freihandelsabkommens - scheitern könnte es am Käse. Dabei geht es um Millionen. Andreas Knobloch aus Mexiko.

Manchego-Käse (picture-alliance)

Ein spanischer Manchego Käse aus Schafsmilch - nun Objekt eines Streits zwischen der EU und Mexiko

Auch die bereits achte Verhandlungsrunde über die Aktualisierung und Erweiterung des gemeinsamen Freihandelsabkommens (TLCEUM) zwischen der EU und Mexiko brachte keinen Durchbruch. Zentraler Streitpunkt ist der Manchego-Käse. Der trägt in Mexiko und Spanien denselben Namen, bezeichnet aber unterschiedliche Produkte, die sich in Geschmack und Preis stark unterscheiden.

Die EU versucht in den Verhandlungen mehr als 300 Produkte zu schützen, die sich auf bestimmte geografische Regionen beziehen, darunter Weine, Biere und Käsesorten - wie eben der spanische Manchego. 

Die Europäer hatten gehofft, man würde sich noch vor Weihnachten über die Änderungen verständigen. Aber trotz eines dreitägigen Besuchs des mexikanischen Wirtschaftsministers Ildefonso Guajardo in Brüssel konnte keine Einigung erzielt werden. Vor allem spanische Käseproduzenten fordern eine Namensänderung des mexikanischen Käses. Doch ihre mexikanischen Kollegen widersetzen sich standhaft.

Manchego ist nicht gleich Manchego

Der Manchego-Käse wird in beiden Ländern hergestellt, ist aber grundverschieden. Der spanische Käse ist ein Hartkäse mit einer Reifezeit von einem Monat bis zu zwei Jahren. Die mexikanische Version altert kaum, ist viel weicher und zerläuft sehr leicht, um beispielsweise Nachos zu überbacken. Auch die Zutaten sind unterschiedlich: Der mexikanische Manchego wird auf Basis pasteurisierter Kuhmilch hergestellt, der Spanische dagegen aus Schafsmilch. Aber nicht mit der von irgendwelchen Schafen sondern sogenannten Ovis Aries Ligeriensis - besser bekannt als Manchego-Schafe.

Mexiko Wirtschaftsminister Ildefonso Guajardo Villarreal (picture-alliance/AP/M. Balce Ceneta)

Mexikos Wirtschaftsminister Ildefonso Guajardo - trotz Brüssel-Reise keine Einigung

Die Spanier behaupten, dass der Manchego-Käse so heißt, weil er in La Mancha hergestellt wird, einer südlich von Madrid gelegenen Region um die Städte Albacete, Ciudad Real, Cuenca und Toledo. Seit 1996 ist Manchego-Käse die Bezeichnung für den Ursprung, das heißt, um den Namen zu verwenden, muss der Käse in der spanischen Region hergestellt sein.

Alles andere sei Schwindel, so Antonio Martínez Blasco, Präsident der spanischen Klassifizierungsbehörde für Manchego-Käse, gegenüber der spanischen Online-Portal "El Diario". "Das ist Verbraucherbetrug und darf nicht Manchego oder Typ Manchego genannt werden." Auch Champagner heiße so, weil er in der gleichnamigen französischen Region Champagne hergestellt werde; alle anderen ähnlichen Getränke müssten andere Bezeichnungen tragen.

Mexikaner verwenden einige Namen schon lange

Unter den mehr als 300 Produkten, für die die EU-Anerkennung beantragt, sind 57 Käsesorten. Von diesen gibt es "viele", bei denen Mexiko keine Probleme sieht, den Schutz zu gewähren.  Das Problem sind jene Käsesorten, deren Namen "seit Jahrzehnten im Land verwendet werden", sagt René Fonseca Medina, Generaldirektor der mexikanischen Kammer der Milchindustrie (Canilec). Dazu gehört eben auch der Manchego-Käse.

Wenn jemand Verantwortung für die Verwirrung trage, argumentiert Fonseca, seien es die spanischen Eroberer, die den Namen Manchego nach Mexiko brachten. Aus der Sicht der Europäer dagegen werden die Verbraucher über den Ursprung des Erzeugnisses getäuscht, wenn auf dem mexikanischen Markt Käse unter Verwendung der europäischen geografischen Angaben verkauft wird, entweder im Namen oder weil die Flagge des Ursprungslandes auf der Verpackung abgedruckt ist.

"In Mexiko reden wir über Manchego-Käse, um über eine Art von Produkt zu sprechen, nicht über seinen Ursprung", kontert der Mexikaner Fonseca gegenüber der Nachrichtenagentur EFE. 

Ein Millionenmarkt

Letztlich geht es aber nicht um regionale Befindlichkeiten, sondern um viel Geld. Der Manchego ist einer der beliebtesten Käsesorten in Mexiko. Er macht etwa ein Siebtel des gesamten mexikanischen Käsemarktes aus. Knapp 97 Prozent des in Mexiko konsumierten Manchego-Käses stammen laut Canilec aus heimischer Produktion. Ein Markt mit einem Volumen von mehr als 210 Millionen Euro im Jahr. Viel zu verlieren also.

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Nafta wackelt immer mehr

Mexikanischer Manchego-Käse wird auch in die USA exportiert, den größten Verbrauchermarkt für Milchprodukte auf der Welt. Aber auch spanischer Manchego-Käse ist ein Exportprodukt. Rund 60 Prozent der Produktion geht ins Ausland. 4.400 Tonnen wurden 2016 in die USA geliefert, Tendenz steigend. "Wir müssen das Problem so schnell wie möglich angehen, wegen der Konsequenzen, die es auf dem Markt haben kann, vor allem dem amerikanischen", argumentiert daher Markenschützer Martínez Blasco gegenüber "El Diario".

Denn in den USA werde mexikanischer und spanischer Manchego-Käse für dasselbe Produkt gehalten - mit entsprechenden Konsequenzen, wie Ismael Álvarez de Toledo, Präsident  der Bruderschaft des Manchego-Käses gegenüber der englischen Tageszeitung "The Guardian" erklärt. "Wenn wir versuchen, Käse in Miami zu verkaufen - oder wo auch immer es mexikanischen Einfluss gibt - und sagen: 'Hier ist unser Manchego für 15 US-Dollar pro Kilo', sagen die Leute: 'Wir können aber Manchego für sieben Dollar das Kilo bekommen.'"

Aber auch Mexiko sollte daran interessiert sein, eine Lösung zu finden. Denn der bizarre Käsestreit ist zum Stolperstein in den Verhandlungen mit der EU geworden. Angesicht der ungewissen Zukunft des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA, das derzeit ebenfalls neu verhandelt wird, liegt es im Interesse Mexikos, das im Jahr 2000 geschlossene Freihandelsabkommen mit der EU zu aktualisieren und zu erweitern. Unterhändler beider Seiten suchen nach einer Formel, die beiden Parteien das Recht garantiert, das sie beanspruchen. Die nächste Verhandlungsrunde findet  ab dem 5. Februar in Brüssel. Dann wird auch der Käse wieder eine Rolle spielen.

 

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