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Wirtschaft

EU mahnt in der Finanzmarktkrise "staatsmännisches Verhalten" von US-Politikern an

Die EU zeigt sich enttäuscht über das Nein des US-Repräsentantenhauses zu einem Rettungspaket für den Finanzsektor. Bundeskanzlerin Merkel forderte Kongress und Regierung zu schnellem Handeln auf.

Zeigt sich energisch gegenüber den USA: Bundeskanzlerin Merkel (l.), zusammen mit Bundesbank-Präsident Axel Weber (Foto: AP)

Zeigt sich energisch gegenüber den USA: Bundeskanzlerin Merkel, zusammen mit Bundesbank-Präsident Axel Weber

Angela Merkel hat die USA ermahnt, das 700 Milliarden Dollar schwere Hilfspaket zur Bewältigung der Finanzkrise noch in dieser Woche zu verabschieden. Dies sei "die Voraussetzung, dass neues Vertrauen auf den Märkten entstehen kann", sagte die Bundeskanzlerin am Dienstag (30.9.2008) in Berlin. "Das ist von unglaublich großer Bedeutung."

Vertrauensbildung sei auch der Hintergrund für die Entscheidung der Bundesregierung, eine Bürgschaft für die Hypo Real Estate zu übernehmen, sagte Merkel. Die Bundesregierung und private Banken hatten am Montag beschlossen, den Münchner DAX-Konzern mit einer milliardenschweren Rettungsaktion zu unterstützen. Das Gesamtvolumen der Bürgschaft beträgt 35 Milliarden Euro, davon entfallen maximal 26,6 Milliarden auf den Bund.

"Verantwortung wahrnehmen"

EU-Kommissionssprecher Johannes Laitenberger (Foto: dpa)

EU-Kommissionssprecher Johannes Laitenberger

Die EU-Kommission hat das Scheitern des US-Rettungspakets für die Finanzmärkte als "Enttäuschung" bezeichnet und an die besondere Verantwortung Washingtons für die aktuelle Krise erinnert. "Die Turbulenzen, denen wir uns ausgesetzt sehen, sind in den USA entstanden und zu einem Problem für die ganze Welt geworden", sagte EU-Kommissionssprecher Johannes Laitenberger am Dienstag in Brüssel. "Die USA müssen ihre Verantwortung wahrnehmen." Von den US-Politikern erwarte die Kommission "staatsmännisches Verhalten, um das Wohl ihres eigenen Landes und der ganzen Welt willen", sagte Laitenberger.

Die Zustimmung des US-Repräsentantenhauses zu dem 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspaket der Regierung war am Montag am Widerstand von Abgeordneten aus den Reihen sowohl der Demokraten als auch der Republikanern gescheitert.

Weltweite Aktienmärkte reagieren prompt

Weltweit führte die Absage an das Rettungspaket zu teilweise dramatischen Kurseinbrüchen an den Finanzmärkten. Der wichtigste amerikanische Börsen-Index Dow Jones verlor am Montag nach Bekanntwerden des Neins durch das Repräsentantenhaus 777,68 Punkte - soviel wie noch nie zuvor an einem Tag. Das bedeutete ein Minus von fast sieben Prozent auf 10.365 Punkte. Der Dow Jones ist der älteste amerikanische Börsenindex mit den Aktien von 30 führenden US-Unternehmen aller Branchen. Er gab am 26. Mai 1896 sein Debüt.

An der U-Bahnstation vor der New Yorker Wall Street (Foto: AP)

An der U-Bahnstation vor der New Yorker Wall Street



Die Aktienmärkte in Asien, Australien und Neuseeland wurden ebenso in den Abwärtsstrudel gerissen wie die in Russland. An der Moskauer Micex-Börse fielen die Kurse bis zum Dienstag Mittag um 6,9 Prozent, obwohl der Handel für zwei Stunden ausgesetzt worden war. Die RTS-Börse gab zunächst um 2,9 Prozent nach. Die Papiere der Ölkonzerne Rosneft und Lukoil gaben um 8,2 Prozent beziehungsweise 7,2 Prozent nach, nachdem der Ölpreis in der Nacht wieder unter 100 Dollar pro Barrel (1 Barrel sind 159 Liter) gefallen war. Der russische Aktienmarkt, der noch Anfang des Jahres als einer der weltweit lukrativsten galt, befindet sich seit Wochen auf Talfahrt.

Japan ruft zu Besonnenheit auf

Die japanische Regierung ist über das Scheitern des US-Rettungspakets für die Finanzbranche besorgt. Der neue Ministerpräsident Taro Aso zeigte sich entschlossen, negative Folgen für die japanische Wirtschaft und das Finanzsystem durch Kursstürze an den Aktienbörsen zu verhindern. "Wir müssen uns mit Bedacht auf die Situation einstellen, um zu verhindern, dass solche Entwicklungen nicht groß (auf die japanische Wirtschaft) übergreifen", sagte Aso am Dienstag in Tokio.

Finanzminister Shoichi Nakagawa zeigte sich über die Entwicklung in den USA überrascht. Japan werde eng mit den USA und Europa zusammenarbeiten und die Lage ruhig verfolgen in der Hoffnung, dass der US-Kongress einen Fortschritt erzielen werde. Nakagawa rief zugleich mit Blick auf die japanischen Märkte zu Besonnenheit auf.

Auch Wachstumsmärkte China, Indien und Brasilien alarmiert

China hat sich über die Ablehnung des US-Rettungspaketes durch das Repräsentantenhaus kritisch geäußert. "Die Rettung der Wall Street ist zum Schutz der US-Wirtschaft zwingend notwendig", schrieb die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua am Dienstag in einem Kommentar.

Indien fordert als aufstrebende Wirtschaftsmacht eine Teilnahme an der Lösung der weltweiten Finanzkrise ein. "Die Hauptverantwortung liegt bei den Industriestaaten, doch Indien und China müssen an der Lösung teilnehmen", sagte Ministerpräsident Monmohan Singh der Pariser Zeitung "Le Figaro" vom Dienstag. Die Krise könne Indiens Kapazität zur Finanzierung seiner Entwicklung sowie seine Exporte gefährden.

Aufregung auch in Lateinamerika: Aktienhändler im brasilianischen Sao Paulo (Foto: AP)

Aufregung auch in Lateinamerika: Aktienhändler im brasilianischen Sao Paulo

Der brasilianische Präsident Luiz Inacio da Silva hat die USA und andere reiche Länder aufgefordert, Verantwortung für die internationale Finanzkrise zu übernehmen und Schaden in den Entwicklungsländern abzuwenden. Diese dürften nicht zu "Opfern des Kasinos werden, das von der US-Wirtschaft errichtet wurde", sagte Silva am Montag. Nach der Ablehnung des Rettungspakets im US-Repräsentantenhauses stürzte auch die brasilianische Börse um 9,4 Prozent ab. Noch eine Woche zuvor hatte Silva sich überzeugt davon gezeigt, dass die US-Finanzkrise Brasilien nicht mit in den Abwärtssog ziehen werde. (kap)

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