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Wirtschaft

EU lässt Airlines für heiße Luft zahlen

Ab 2012 wird der europäische Flugverkehr in den EU-weiten Klimahandel integriert. Airlines und Klimaschützer streiten über das EU-Parlamentsvotum. Kritik von jenseits des Atlantiks könnte zu einem ernsten Problem werden.

Sillhouette eines Flugzeuges vor einem dämmernden Himmel (14.4.2008, Minneapolis - USA, Quelle: AP)

Götterdämmerung fürs Fliegen?

Mit der grenzenlosen Freiheit über den Wolken ist es bald vorbei. Zumindest wenn es um die Emissionen geht, die mehrere zehntausend Flüge in Europa jeden Tag verursachen. Das EU-Parlament hat am Dienstag (08.07.2008) eine entsprechende Richtlinie verabschiedet. Demnach soll ab dem Jahr 2012 auch der Luftverkehr in das Europäische Emissionshandel-System (ETS) eingeschlossen werden. Durch den dann für die Flieger notwendigen Erwerb von Emissionszertifikaten (Verschmutzungsrechten) wird mit einem weiteren Anstieg der Flugpreise gerechnet.

Klimaschützer begrüßen den Schritt und fordern weitergehende Maßnahmen. Vertreter der Luftfahrtindustrie sprechen von einer Wettbewerbsverzerrung, die insbesondere europäische Fluggesellschaften vor dem Hintergrund von Rekordölpreisen weiter benachteiligt. Die vom EU-Parlament beschlossene regionale Initiative könnte zudem einen neuen Handelsdisput mit den USA heraufbeschwören.

Letzte Ausnahmeregel fällt

Mann steht neben einem Börsenchart (1.9.99, Quelle: Bilderbox)

Die Fluglinien sollen künftig Emissionsrechte erwerben, und damit auch an der Klimabörse ETS handeln dürfen

Mit der EU-Initiative wird nun auch das letzte Massentransportmittel zu einem Teil des ETS-Systems. Flugzeuge verursachen im Vergleich zum Auto oder Bahn pro Person und Reisekilometer den höchsten Ausstoß an klimaschädlichen Gasen. Gleichzeitig ist die Luftfahrt durch ihren Boom zur am schnellsten wachsenden Quelle von Kohlendioxid (CO2) geworden. Allein durch ihren noch geringen Anteil am Gesamtaufkommen klimaschädlicher Gase waren die Flieger bislang unter dem Radar der Brüsseler Klimaschützer geblieben.

Im Rahmen von ETS sollen ab 2012 Berechtigungen ausgegeben werden, die 97 Prozent der durchschnittlichen europäischen Flugverkehrsemissionen in den Jahren 2004 bis 2006 entsprechen. Im darauffolgenden Jahr soll die Gesamtmenge auf insgesamt 95 Prozent dieses Basiswertes weiter gesenkt werden. 85 Prozent der Berechtigungen ("Emissionszertifikate") sollen kostenlos an die Airlines ausgegeben werden. Die restlichen Zertifikate können die Flugunternehmen ersteigern. Die Regelung betrifft alle Unternehmen, die innerhalb sowie von und nach Europa fliegen.

Airlines befürchten Milliarden-Extrakosten

Lufthansa-Logo auf einer Heckflosse eines Flugzeuge (20.11.2001, Frankfurt/M., Quelle: AP)

Die Airlines fürchten hohe Extrakosten durch die EU-Entscheidung

Nach Berechnungen der EU-Kommission verteuern sich innereuropäische Flüge durch die Einbeziehung in den Klimahandel um durchschnittlich rund fünf Euro. Trips über den Atlantik dürften demnach mit 40 Euro mehr zu Buche schlagen. Die Lufthansa rechnet insgesamt "mit Mehrkosten im mittleren dreistelligen Millionenbereich", sagt der Pressesprecher des Unternehmens Peter Schneckenleitner. Der internationale Branchenverband IATA beziffert die Extrakosten für die Luftfahrtindustrie auf sieben Milliarden Euro bis zum Jahr 2020.

Klimaschützer begrüßen die Entscheidung des EU-Parlaments. "Dieser Schritt ist ein wichtiges Signal", sagt João Vieira von der Europäischen Vereinigung für Transport und Umwelt (T&E). Doch beim gegenwärtigen Wachstum der Branche "sind die dadurch bewirkten Einschnitte bei den Emissionen nach einem Jahr wieder ausgeglichen". Er fordert deshalb weitere Maßnahmen. Diese widersprechen nicht notwendigerweise den Interessen der Industrie. Ein Beispiel ist die Schaffung eines einheitlichen europäischen Luftraums, über den die EU-Staaten bereits seit Jahren verhandeln. Durch effizientere Routenplanung und weniger Verzögerungen könnten damit zwölf Prozent Treibstoff gespart werden und entsprechend auch Emissionen.

Globaler Nachteil durch regionalen Alleingang?

Montage aus Flugzeugen die vor einem Himmel fliegen (undatiert, Quelle: Onera)

Ein einheitlicher europäischer Luftraum könnte das Fliegen effizienter machen - und Emissionen senken

Ein weiteres Problem sehen die Vertreter der Luftfahrtindustrie in der Benachteiligung, die europäische Airlines im globalen Wettbewerb erfahren würden. So dürften etwa indische Passagiere mit Flugziel USA verstärkt nichteuropäische Anbieter und Flugrouten wählen, sagt Lufthansa-Sprecher Schneckenleitner. Von der Entwicklung könnten besonders die aufstrebenden Fluglinien der Golf-Staaten profitieren. Doch Vieira lässt dies nicht gelten: "Dieser 'Dubai-Effekt' ist in die EU-Bewertung der Situation bereits eingeflossen", sagt er. Der Anteil dieser Fluggäste sei nur sehr klein.

Größeres Ungemach droht der EU-Entscheidung von anderer Seite. Der regionale Alleingang der Europäer steht möglicherweise im Konflikt zu internationalen Abkommen. So sehen es zumindest die USA, die diesen Standpunkt bereits im vergangenen Jahr auf diplomatischer Ebene formuliert hatten. Auch der Branchenverband IATA schließt sich dem an. Es sei schwierig auch solche Flüge in das ETS-System aufzunehmen, die zwar nach Europa fliegen, "den größten Teil der Strecke aber außerhalb des europäischen Luftraums hinter sich bringen", sagt IATA-Sprecher Quentin Browell. Die US-Opposition zur neuen EU-Richtlinie könnte daher einen neuen transatlantischen Handelsdisput nach sich ziehen, warnen die Airline-Vertreter.

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