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Politik & Gesellschaft

EU-Klimafahrplan im Schatten von Fukushima

Die EU will ihren CO2-Austoß bis 2050 um mindestens 80 Prozent reduzieren. Seit dem Reaktorunglück in Japan gilt ein besonderes Interesse dem Anteil der Kernkraft im Energiemix.

Andre Hagemeier aus Ennepetal, Teilnehmer einer Demonstration gegen Atomkraft, demonstriert am Samstag (26.03.11) in Koeln mit einem Aufkleber mit der Aufschrift Atomkraft abschalten auf der Stirn fuer die Abschaltung aller Atomkraftwerke in Deutschland. In den vier deutschen Staedten Berlin, Hamburg, Koeln und Muenchen protestieren am Samstag Atomkraftgegner gegen Atomenergie. (zu dapd-Text) Foto: Roberto Pfeil/dapd

Atomkraftgegner demonstriert in Köln (26.03.11)

1500 Experten aus aller Welt nehmen diese Woche in Bangkok an einer UN-Vorbereitungskonferenz teil, um die Weltklimakonferenz im südafrikanischen Durban im Dezember vorzubereiten. Gleichzeitig wird auf unterschiedlichen Ebenen in den Ländern der Europäischen Union über einen von der EU-Kommission aktuell vorgelegten Fahrplan diskutiert. Er soll den CO2-Ausstoss der Gemeinschaft bis 2050 um 80 Prozent reduzieren -und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit Europas garantieren.

Kernkraft: Ein wichtiger Faktor im EU-Energiemix

Eine umfangreiche Debatte über Europas CO2-Politik - das erhoffte sich Artur Runge-Metzger von der Direktion Klimapolitik der Europäischen Kommission vom "Fahrplan 2050". Seit dem Reaktorunglück von Fukushima wurde diese Diskussion unerwartet um eine zusätzliche Dimension erweitert. Kernkraft ist ein wichtiges Element im europäischen Energiemix. Zurzeit bezieht die EU 15 Prozent ihrer Energie und ca. ein Drittel ihres Stroms aus Kernkraft. Jetzt müssen die europäischen Energieexperten ihren Fahrplan für eine CO2-arme Wirtschaft bis 2050 voraussichtlich revidieren, deutete Runge-Metzger am Rande der Klimagespräche in Bangkok an.

Der "Fahrplan 2050" liegt dem Ministerrat der EU und dem Parlament als unverbindliche Diskussionsvorlage vor. Zum ersten Mal hatte die Kommission eine Berechnung angestellt, um die technischen und ökonomischen Voraussetzungen für eine längerfristige Reduzierung der CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 um mindestens 80 Prozent im Vergleich zu 1990 zu erörtern.

Klimafreundlich: Gut für die Wirtschaft

Blick auf das Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe in Spremberg am Dienstag, 9. September 2008. Der Betreiberkonzern Vattenfall Europe nimmt hier am Dienstag die weltweit erste CCS-Pilotanlage fuer ein Kraftwerk mit Kohlendioxid-Abscheidung in Betrieb. (AP Photo/Matthias Rietschel) --General view to the Schwarze Pumpe coal power plant in Spremberg, eastern Germany, Tuesday, Sept. 9, 2008. Vattenfall Europe starts running a pilot project here on Tuesday for a carbon dioxid capture and storage (CCS). Schwarze Pumpe is the world's first coal fired plantready to capture and store its own CO2 emissions. (AP Photo/Matthias Rietschel)

Kohlekraftwerk - "sauberer" durch CCS

Dabei wurden alle Wirtschaftssektoren einbezogen, auch die Landwirtschaft, die Bauindustrie sowie das Transportwesen. Neben einem erhöhten Anteil an erneuerbaren Energien, dem Einsatz der sich noch in der Testphase befindlichen CCS-Technologie (Abscheidung und unterirdisches Speichern von CO2 aus Gas- und Kohlekraftwerken) sowie dem weiteren Einsatz von Kernenergie sollen Energieeinsparungen und -effizienz einen wichtigen Beitrag zum Gesamtpaket leisten.

Besonderen Wert legt die EU-Klimadirektion auf die Feststellung, dass ein klimafreundlicher Umbau der Energieversorgung keinen Wettbewerbsnachteil darstellen muss. "Unsere Studie zeigt sehr deutlich, dass wir unsere Emissionen um 80 Prozent reduzieren können, aber gleichzeitig unser Bruttosozialprodukt weiter erhöhen können", so Klimadirektor Runge-Metzger. "Wenn wir unsere Industrie dazu anspornen, neue Technologien zu entwickeln, die sauber sind, dann werden diese Vorreiter sein".

Europa ohne Kernkraft?

Erneuerbare Energien, effiziente Technologien, Elektromotoren in Fahrzeugen - "da gehen Klimapolitik und Innovationspolitik Hand in Hand", ist der EU-Klimaexperte überzeugt. Wie sich eine eventuelle Reduzierung des Kernenergieanteils auf das EU-Modell auswirken könnte, ist derzeit noch ungewiss. Bis zum Herbst will die Kommission eine überarbeitete Version des Dokuments vorlegen. Der Fahrplan ging bereits davon aus, dass beispielsweise im Jahr 2050 gar kein Kernkraftwerk mehr im Einsatz sein würde.

Der Direktor für Globale Energiepolitik der Umweltorganisation WWF, Stephan Singer, glaubt, dass weitere EU-Länder wie Italien, Schweden oder Großbritannien ihre positive Einstellung zu Kernkraft überdenken werden. Der Energieexperte sieht darin aber kein unüberwindbares Problem für die Erreichung der EU-weiten Klimaziele: "Wir als WWF kämpfen dafür, dass die Europäer vollständig aus den fossilen Brennstoffen herausgehen, eine hundertprozentige erneuerbare Versorgung haben bis 2050, und darüber hinaus einen substantiellen Beitrag leisten, um vor allem in den Entwicklungsländern Technologien zu finanzieren, die den Umstieg auf emissionsarme, umweltfreundliche Technologien ermöglichen."

Das 2 Grad Celsius Ziel in weiter Ferne

Vom Besucherzentrum hat man einen Ausblick über die Windturbinen auf dem Torfmoor. Eingestellt am 30.07.2010. Copyright: Irene Quaile

Windturbinen in Schottland

Die Umweltschutzorganisation begrüßt die 2050-Initiative der EU, weil sie die Diskussion um die Reduzierung des CO2-Austoßes in Europa - ohne die Einbeziehung von gekauften Emissionsrechten in anderen Erdteilen - in Gang gebracht hat. Singer hält die Ziele aber für nicht weitgehend genug, um auch das übergeordnete Ziel, den Temperaturanstieg auf maximal 2 Grad Celsius zu begrenzen, zu erreichen.

Dieses Problems ist sich auch EU-Klimaexperte Runge-Metzger bewusst. Die Herausforderung gelte allerdings nicht nur für Europa. Dieses globale Ziel sei mit den Maßnahmen und Angeboten, die jetzt auf dem Verhandlungstisch liegen, noch nicht erreichbar. Vielmehr seien weitere Verhandlungen in den kommenden Jahren notwendig, meint der Leiter der EU-Klimadirektion. Trotzdem sieht Runge-Metzger Anlass für Hoffnung: "Wichtig ist, dass die Länder anfangen, Klimapolitik zu betreiben, dann wird sich zeigen, dass es doch nicht so schwierig ist, wie man angenommen hat und dass dies auch viele Vorteile mit sich bringen wird. Das wird den internationalen Verhandlungsprozess weiter voranbringen."

Autorin: Irene Quaile

Redaktion: Daniel Scheschkewitz